Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 46 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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«.ypi^^^t??^?^?1'- ^T-^P^^^^^tC^ No. 46 DIEOTELT : interessiert etwas ganz anderes: die so eifrige, ja fast enthusiastische Stellungnahme der liberal-russischen Presse den innern jüdischen Angelegenheiten gegenüber. Ihre mütterlichen Belehrungen, ihre Sorge um unsere Zimperlichkeit und um unsere gute Aufführung. Es ist rührend zu sehen, wie diese abgemagerte, zahnlose Gouvernante, die nicht nur vor einem Schrei, sondern auch vor einem schiefen Blick ihres Wirtes zittert, die nur dasjenige tut, wasman ihr befiehlt, eine so zarte Sorgfalt dem Stiefsohn des Hauses erweist, um ihm „gute Manieren" beizubringen. „Jaschenka, du darfst nicht laut sprechen! Beim Tisch muß man artig und ruhig sitzen, vor allem schweigen." „Man wird schon allen das Nötige verabreichen, und dann kriegst du auch was; wage nur nicht zu verlangen, du weißt ja, Stiefpapa ist zornig und wenn du verlangen wirst, bekommst du — Maulschellen." „Jaschenka, warum gehst du so mißgestimmt herum? Warum sitzt du auf deinem Zimmer und amüsierst dich mit deinen Büchlein? Das geht nicht so. Man nmß mit den andern Kindern spielen! Sie schimpfen, balgen sich, aber am Ende sind es doch gute Kinder. Sei nicht so linkisch; und sollte es auch Prügel geben, — das ist ja auch kein zu großes Unglück! Kameraden mußt du haben." So lehrt die gute Erzieherin in einem mehr befehlenden als belehren cen Tone. Sie tut es, — teils aus Langeweile, teils um ihre liberale Reputation zu erhalten. Hat sie ja dem Kleinen versprochen, Kuchen zu bringen, nun sind die Kuchen im Spind verschlossen und der Schlüssel befindet sich beim Hauswirt! So beginnt sie sich um geistige Nahrung zu kümmern, ohne es zu bemerken, wie lächerlich und elend sie in dieser neuen Rolle erscheint. Die liberale Gouvernante bemerkt nicht, daß der Zögling um einen ganzen Kopf höher als sie ist und daß er sich ihr gegenüber gleichgültig und mißachtend verhält, sobald . sie sein inneres Seelenleben berührt. Noch mehr: sie ist ihm lästig geworden; sie reizt und ärgert ihn durch ihre Belehrungsversuche. Es würde ihr auch nichts schaden, bei ihrem eignen Lehrling ein wenig Anstandsgefühl und Takt zu lernen, und sich in Dinge nicht weiter zu mischen, die sie gar nichts angehen. Leider betrachtet es die russische Presse als ein unveräußerliches Recht der liberalen Richtung, sich fortwährend in die innern jüdischen Angelegenheiten zu mischen, uns über'unsere Ansichten Zensuren zu erteilen, trotzdem sie gar nicht imstande ist, sich über diese Dinge richtig zu orientieren, unsere Stimmung zu tadeln oder zu loben, trotzdem sie diese Stimmung nicht mit erleben kann, um uns Ratschläge für das Leben zu erteilen, das dem Leben der andern nicht gleich ist und dessen Eigenart sie überhaupt nicht erfassen kann. Als sie die jüdische Intelligenz zur „allgemeinen Arbeit" auf „allgemeinem" Gebiete aufforderte, mit andern Worten, als sie ihr vorschlug, die jüdische Masse der Willkür des Schicksals zu überlassen und sich andern Kreisen anzuschließen, verfolgte sie dabei wenigstens einen selbstsüchtigen Zweck, der trotz der Verschleierung durch verschiedene Phrasen allen ziemlich klar war. Ob wir diesen Zweck gutheißen oder nicht, — das ist eine andere Frage. Wir verstehen darunter die Angriffe gegen den Zionismus in allen seinen Gestalten. — Ja, was geschieht alles nicht infolge der Konkurrenz? Der schwächliche russische Liberalismus, kläglich, kraftlos, mehr zum Schwätzen als zur Arbeit fähig, bemühte sich um einen Zufluß frischen Blutes von der Seite, der in seinen Adern heißer und röter dahinrollen könnte, und trat gegen alle konkurrierenden Strömungen auf, die, nach seiner Auffassung, diese Kräfte nach einer andern Richtung abzulenken geeignet wären. Wir könnten es noch begreifen, würde die russisch-liberale Presse uns zur „allgemeinen" Arbeit auf dem Gebiete der Religion, zu einer brüderlichen Vereinigung und dergl. auffordern. Aber die russische Presse in der Rolle einer Richterin für innere Probleme des Judentums, wo ihr gar kein Vorteil winkt, das ist schon ein Produkt des vollständigen Mißverstehens und der gröbsten Taktlosigkeit Ein jüdisches Mädchen wurde gewaltsam in einem katholischen Kloster eingesperrt und festgehalten, solange die Polizei sie nicht befreit hatte. Die polnische Presse hat diese „Tat" schweigend gutgeheißen, ja, sie hielt es sogar für unanständig, als der jüdische Vater offen protestierte und in seiner Not die Behörden um Hilfe bat Da ereignete sich die Geschichte mit dem toten Kinde, an dem der religiöse Akt der Beschneidung nicht vollzogen worden ist und bald erhob dieselbe Presse einen gewaltigen Höllenlärm, schrie gegen Barbarei, schwang die Fackel der Gewissensfreiheit, hämmerte Theorien über Menschenliebe und ähnliche hohe Materien zur Aufklärung der jüdischen „Finsterlinge", und das wurde sofort auch von der russischen Presse aufgegriffen und die große Trommel wurde gerührt. 18 Jünglinge haben das Judentum für Universitäts-Diplome verkauft. Die Juden schwiegen. Zweifellos reagierten sie innerlich, wie jeder Mensch auf den Verlust eines ihm Nahestehenden reagiert. Es war die Erbitterung des Verlustbewußtseins, die Beleidigung der edelsten Gefühle, die Scham, daß unter uns Leute vorhanden sind, die leichten Herzens mit den Überzeugungen feilschen, vielleicht auch ein gewisser Groll denjenigen gegenüber, die ohne einen innern Kampf bestehen zu müssen, auf solche Irrwege gerieten, die schmerzliche Erinnerung an unsere allgemeine Lage, die solche Menschen und solch unnatürliche Verhältnisse schafft, mit einem Worte, ein Komplex von Gefühlen, die nur wir empfinden können. Nun wagt es die russische Presse mit ihren groben, kalten Fingern in unserer Seele zu stöbern und uns eine liberale Denkweise und die anstandsgemäße Aufführung für solche Fälle zu empfehlen. Wir haben unsere eigenen Vorzüge und unsere eigenen Fehler. . Mit den ersteren prahlen wir nicht, und wegen der letzteren genieren wir uns auch nicht. Wir verlangen auch von niemanden gute oder schlechte Zensuren. In unsern Angelegenheiten, besonders in denjenigen religiöser Natur, werden wir uns schon selbst zurecht finden, den russischen Liberalen hingegen empfehlen wir, sich ein anderes Objekt für die Anwendung ihrer liberalen Ideen auszusuchen. Sie werden bei sich zu Hause ohne langes Suchen ein weites Feld finden; das Judentum mögen sie in Ruhe lassen. Sonst könnten sie in der lächerlichen Rolle erscheinen, die die Petersburger jüdischen Handwerker spielten, als sie dem Allerheiligsten Synod einen Verweis wegen seines Verhaltens zu Leo Tolstoi erteilt haberr." w/s.» D^M<.mau „trfluM. Unter dieser Überschrift schreibt Wie „Probleme" entstehen! def nJewjsh Chronicle*: „Eine Illustration der Art und Weise, in der das russische Judenelend auf die Juden anderer Länder zurückwirkt und schwierige Probleme unter ihnen hervorruft, bieten gewisse Ereignisse der letzten Zeit in Kopenhagen. Vor einem Jahre noch wohnten 2000 Juden in der dänischen Hauptstadt. Sie waren wohlhabend, glücklich und lebten in Frieden. Dann wandten sich ihre russischen Brüder, die von andern Ländern zurückgewiesen waren, nach Dänemark. Sie kamen in großer Zahl in das Land. Die alten jüdischen Einwohner, besorgt um ihr eigenes Wohlergehen, versuchten den Zufluß einzudämmen'. Es gelang ihnen nicht, und allmählich entstand in Kopenhagen ein Ghetto. Der nächste Schritt war ein öffentlicher Einspruch gegen den unhygienischen Zustand dieses Viertels. Übertretungen kamen vor, und es wurde Klage darüber erhoben, daß die Armen Kopenhagens gezwungen worden seien, aus diesem Viertel in andere" Quartiere zu verziehen. Es wurden schwerwiegende Proteste bei der Obrigkeit eingebracht und schließlich soll, um die Zersteuung der Juden zu befördern, das ganze Ghetto demoliert und anstatt seiner ein neues Viertel aufgebaut werden. Demnächst werden wir wahrscheinlich davon hören, daß ein Fremdengesetz eingebracht werden wird. Es steckt etwas uns Vertrautes in dieser Aufeinanderfolge der Ereignisse; — die Störung der Zufriedenheit der jüdischen Minorität durch die Einwanderung fremder Glaubensgenossen, das vergebliche Bemühen, die Einwanderer fern zu halten, die Entstehung eines Ghettos, der Widerspruch der Nichtjuden, die Auswanderung der Eingeborenen, das Heilmittel der „Zerstreuunget hoc genus omne. Mit kaum einer Ausnahme könnte diese Folge der Ereignisse in London anstatt in Kopenhagen stattgefunden haben, so getreu ist die Kopie. Indessen kann dieser kleine Ausschnitt durch unzählige Beispiele über die ganze bewohnte Erde vermehrt werden, solange die gegenwärtigen russischen Verhältnisse andauern. Seit alters stellt die jüdische Geschichte eine unaufhörliche Wiederholung der Worte Unterdrückung, Flucht, neue Unterdrückung, dar. Diejenigen Juden, die sich einbilden, daß die Verfolgung der Juden für sie selbst ohne praktischen Belang sei, mögen in cen Kopen Hagener Vorfällen die absoluteUnrichtigkeit ihrer Anschauungen erkennen." rkjÄ t..»s^i. j Im „Jewish Comment" finden wir Die Tragödie der Jugend folgende bemerkenswerte Ausführungen: „Die Tagödie des nach Amerika kommenden jungen Ein- ■ wanderers muß noch geschrieben werden. Die Zahl der Jünglinge und Mädchen, die allein von Rußland gekommen sind, um sich hier eine Stellung zu erringen und nachher den Rest ihrer Familie nachkommen zu lassen, übersteigt die Schätzung auch derjenigen, die, immerhin einige Erfahrung in Einwanderungsangelegenheiten besitzen. Leute, die sich um das Schicksal der jungen Mädchen kümmern, sind oft überrascht, in d-n großen Städten alleinstehende -junge Mädchen zu finden, die sich abmühen, sich eine Existenz zu verschaffen, und deren Eltern noch in "der alten Heimat wohnen. Manchmal findet man sogar welche, die überhaupt keine nähern Verwandten besitzen und weder hier