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Die Welt · 1908-11-20 · 46 (20.11.1908) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
46 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Ein Kampf, — das soll doch nicht eine momentane Aufwallung sein mit einer darauffolgenden Erlahmung, sondern eine sehr lange, vielseitige, tiefe, ohne Ermüdung systematisch geleitete Arbeit! Ein Kampf erfordert eine Literatur der Emanzipation, Monographien, Handbücher und Broschüren, Kompendien und Flugblätter, in allen Sprachen der Welt. Sind für solche Arbeiten keine Mittel da? Wozu sind denn schon vor einem halben Jahrhundert die Gesellschaften gegründet worden? Punkt 1: Emanzipation. Alles andere ist ja Nebensache. Man betreibt die Nebensachen: Emigration, Erziehung u. dgl. aus Notwendigkeit und aus Verlegenheit, sofern man nicht die Hauptarbeit, d. h. die Emanzipation, fördern kann. Hätte man z. B. die Gleichberechtigung für die rumänischen Juden erreichen können, so brauchte man nicht jahrzehntelang Millionen und Millionen in das Danaidenfaß des Schulwerkes und der Emigrantenunterstützung zu schütten; die gleichberechtigten Bürger würden sich selbst helfen. Man wird sagen: die Emanzipation ist nicht zu erreichen. Welcher Ewigkeitswirker tritt vor Hindernissen zurück? Ist der eine Plan unrichtig, so wird ein anderer gewählt, ist das Ziel nicht ganz erreichbar, so sucht er einen Teil davon zu erreichen. Wir, die wir als Emanzipationsleugner gelten und zuweilen zweifelnd und mißtrauisch dieser Entwicklung gegenüberstehen, wir, deren Ideal anderswo liegt, müssen nun den Weckruf nach einer Richtung erlassen, die nicht im eigentlichen Rahmen unserer Tätigkeit liegt. Denn wir kennen keine Unterschiede, und uns handelt es sich nicht um Parteieitelkeit. Wir richten diesen Ruf an den Juden in dieser oder jener Vereinigung, in uns selbst oder in den andern. Wo ist die jüdische Solidarität, der Enthusiasmus, der Märtyrergeist? Gesegnet sei jede unseren Chaos ordnende Hand, jede zur Vereinigung auffordernde Stimme, jedes weise Bemühen um Zusammenschluß und Verbindung, jede Leistung organisatorischer Gewandtheit! Aber das genügt nicht. Den starken und reichen Völkern genügt das. Bei uns aber handelt es sich nicht nur um das Aneinanderreihen und Zurechtlegen des vorhandenen Materials, das wohl auch seine Wichtigkeit hat, sondern hauptsächlich um dessen Beschaffung. Und dieser Urstoff — vergessen wir doch nicht daran! —, das ist der jüdische Mut, der jüdische Schwung, das glühende jüdische Gefühl. Daraus ist der Zionismus entstanden und das war auch das wirklich Große im früheren Emanzipationskampfe. Lest die ersten Aufrufe der „Aliance", die Reden Cremieux! Sie klingen fast zionistisch! Und das ist natürlich, weil sich alles Große in den Grundtiefen seines Wesens berührt. Es war Enthusiasmus darin, der jüdische Enthusiasmus, der uns erhalten hat. Ein Nachklang dieses glühenden Eifers war die Veranstaltung der Protestkundgebungen, die Gründung des „Russian Jewish Committee", die lebhafte Aktion für die rumänischen Juden in den 80 er Jahren. Sehnsuchtsvoll spähen wir nach diesem Geist, daß er in die Reihen unserer Emanzipationskämpfer wieder einziehe! „Ajekkalr? N. S. ,,____„ r>„*__,1-__Der seistreiche Ibn-David im „Razswiet" Ungebetene Ratgeber. liberalen russischen Pressewegen ihrer Einmischung in die innern jüdischen religiösen Angelegenheiten folgenden Text: 18 jüdische Jünglinge, denen die Aufnahme in die neue russische Universität Odessas verweigert worden ist, sind zum Islam übergetreten. Als Jude, der es gewohnt ist, in jeder Erscheinung zunächst das Pikante wahrzunehmen, kann ich es nicht in Abrede stellen, daß der kollektive Verstand dieser 18 Jünglinge sehr erfinderisch war. Sie haben ein neues Wort ausgedacht, eine ungewöhnliche Erfindung gemacht, auf die man ihnen ohne Bedenken ein Patent ausstellen könnte. Mit einem Ruck sind sie dem Minister der Volksaufklärung. Herrn Schwarz und seinen Behörden, wie auch dem Pafer lljodor, aus cem Wege gegangen und freuen sich jetzt auf die Diplome in ihren Taschen und auf die Zukunftsaussicht eines trauten Heims, einer sättigenden Krippe, einer Braut nebst Mitgift, und noch mehr, vielleicht auch einiger Bräute, wie dies achtbaren Effendis geziemt. Nebenbei bemerkt hat ja die mohammedanische Welt aufgehört, etwas Asiatisches zu sein. Besitzt sie doch in ihrem Inventar eine zerbrochene und eine ganze Verfassung. Was bedeutet dagegen das Judentum mit seiner Rechtslosigkeit, mit seinem Ansiedelungsrayon, mit seinen Prozentualbeschränkungen und mit allen halbwilden Überresten des Mittelalters, die für einen modernen zivilisierten Menschen garnicht passen? Die Juden verhielten sich dieser Tatsache gegenüber ziemlich gleichgültig. Es ist für sie nichts Neues, daß einzelne Individuen, die nicht genügend für einen Kampf um das jüdische Dasein mit ihnen zusammen ausgerüstet sind, das jüdische Lager, en gros oder en detail, verlassen, und sich ein bequemeres Plätzchen aussuchen. Dies geschieht durch Religionsänderung, zuweilen auch ohne dieses. Im letztern Falle ist noch eine Aussicht auf die Rückkehr der Nachkommenschaft vorhanden, im erstem ist es aus! Daß zu diesen Überläufern noch eineinhalb Dutzend hinzugekommen sind, kann doch keinen besondern Eindruck machen. Die Gottsucherei ist in der letzten Zeit bei uns Mode geworden. Der eine übt sie wegen des Wohnrechts, der andere wegen der Beförderung im Dienste oder wegen sonstiger' irdischen Güter, und wohin den einen oder den andern diese Schnüffelet führt, das ist uns doch am Ende egal. Der alte Jude schüttelt sein graues Haupt, er seufzt, und am Ende denkt er sich: „ja, man kann dagegen nichts machen", „Jedermann hat seinen freien Willen" —, daß nur diese Überläufer die.Zahl unserer Angreifer nicht vergrößern! Im gegebenen Falle habe ich in dieser Beziehung keine große Angst. Entsteht hier ein neues Geschlecht fanatischer Derwische, die nach Mekka oder Medina pilgern werden, oder glänzender Träger einer jüdischen Kultur im Orient, etwa ä la Oberst Liachow in Teheran —, eins ist wahrscheinlicher, Pogroms werden die gegen uns nicht machen. Ein gewisser Trost ist ja schon in diesem Umstände enthalten. Die jüdisch-öffentliche Meinung verhielt sich, wie gesagt, dieser Erscheinung, wie auch ähnlichen Erscheinungen gegenüber ziemlich ruhig, nicht so die liberale russische Presse. Diese hat in der Eile „echt jüdische" Juden geschaffen, die angeblich die Überläufer „verfolgen" und „in den Bann legen",- und hielt es für notwendig, im Namen der Gewissensfreiheit für diese neu gebackenen Helden einzutreten. „Wenn Prozentualbeschränkungen und ein Ansiedelungsrayon existieren, wenn Menschen in dieser Zwangslage geradezu verkommen, so ist der Religionswechsel kein so schweres Verbrechen, für das man solch schwerwiegende Flüche loslassen müßte". Was die Flüche anbetrifft, sind wir mit dem Autor vollständig einverstanden. Diese sind in Romanen, in Familiendramen und im gegebenen Falle in der Einbildung des Autors am Platze. Was die Religion im allgemeinen anbetrifft, so betrachten wir sie immer als eine innere Überzeugung und nicht als ein Mittel sich gegen die Prozentualbeschränkungen oder gegen den Ansiedelungsrayon, von denen Allah und seine Propheten wohl keine Ahnung hatten, zu wehren. Ich möchte mich nicht:auf das Gebiet der Religions-. Philosophie begeben, auf dem ich absolut inkompetent bin. Mich

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