Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 46 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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christlichen Staatsmann vorzuschlagen, er möge z. B. die Bergpredigt zu einer diplomatischen Note machen! Das sind zwei ganz verschiedene Gebiete, wird man sagen; die kritiklose Menge wird es nachplappern. Sie hören den „Ajekkah^-Ruf nicht! Vor Jahrzehnten geschah "es noch, daß sich von Zeit zu Zeit die Stimme eines Victor Hugo, eines Castelar u. a. gegen das Unrecht und für die Menschheit erhob. Die letzten Mohikaner der Humanistenepoche! Sie wurden als Allerweltsschwärmer verhöhnt, aber noch waren sie da. Jetzt ist der große Greis zu Jasnaja Polana der einzige, der die Fahne der Menschheit schwingt, aber er ist alt, vereinzelt, und schwebt mit seiner Fahne in den Wolken. Und doch ist in den Überzeugungen der Völker insofern ein Umschwung eingetreten, daß unter den Menschen, — nicht unter denjenigen, die die Staaten- und Parteiengebilde karyatidenmäßig auf ihren Schultern tragen, von denen sich jeder seine Moral zusammenschustert, — die menschlich denken und empfinden, noch viele vorhanden sind, die gegen die Tyrannei und das Unrecht, gleichviel wo und gegen wen sie geübt werden, mit tiefer Entrüstung auftreten. Es haben sich auf dem Boden der zeitgenössischen Kultur zwei auseinandergehende Strömungen herausgebildet, die verschiedenen Quellen entspringen und sich nach verschiedenen Richtungen hin ergießen. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert konnten wir diesen Gegensatz beobachten. So grausam und blutig für uns die Geschichte seit dem Anfang der achtziger Jahre war, im Hintergrunde leuchtete doch eine zwar zartträumerische, aber doch merkliche Abwehr, wir meinen nicht die in jedem einzelnen Lande mit ihrer kleinlichen Apologetik und Vereinsmeierei, sondern die Veranstaltung großer Protestversammlungen. Das war eine Bewegung, die man dauernd anregen und anspornen müßte. Hier kam die Ethik der Zukunft zum Ausdruck, die der jetzigen offiziellen Welt, ja auch den mechanisierten Parteien gegenüber gar keine Bedeutung hat, die man aber wegen ihres innern Gehaltes, wegen ihres aufklärenden und erlösenden Einflusses nicht hoch genug bewerten kann. Wo sind sie jetzt? „Ajekkah"? Wir sind keine Optimisten. Wohl wissen wir, daß die zivilisierten Völker unter all ihren Lebens- und Wissenssystemen keinen einzigen so besudelten und geflickten Mantel besitzen, der jener Umhüllung gliche, die sie mit dem Namen „Ethik^ bezeichnen. Ein alter, aus verschiedenen Stücken zusammengenähterFetzen, mit alten abgeblaßten Verzierungen und Schnörkeleien. Judentum und seine guten und schlechten Fortsetzungen, Epikureertum und Stoizismus, Wahrhaftigkeit und Tücke, Toleranz und Fanatismus, Freiheit und Gewalt, Brutalität und Barmherzigkeit durch Fäden gemeinster Sophistik plump zusammengestochen. Die Ethik der primitiven Völker war oftmals grob und barbarisch, aber sie war einheitlich und offen. Die europäische hingegen ist ein buntes Gewebe, aus dem sich jeder ein beliebiges Stück herausschneiden kann. Indessen dringen in dieses sonderliche Gewebe Fäden ein, aus denen die Zukunft neue Elemente und Formen für das menschliche Leben schaffen wird. Das Hervorbringen und das Festhalten dieser Edelprodukte, die, wenn auch nicht für die Gegenwart, so doch wenigstens für die Zukunft von einer hochbedeutenden Wichtigkeit sind, frönen nicht unserer Lust oder unserem Vorteil: sie liegen wirklich in einem allgemeinen, wohlverstandenen Interesse der Menschheit. Wir geben uns also keinen Täuschungen hin. Wir wissen, daß die würdigsten und bemerkenswertesten Stimmen noch sehr lange in der von brutaler und schamloser Eigensucht durchglühten Wüste schallen werden. Aber jeder Moment in der Kulturentwickelung sammelt nicht nur die Ernte der Vergangenheit, sondern streut auch zu gleicher Zeit die Saat der Zukunft aus. Es ist also wichtig, die gesunden Körner zu sammeln. Man wurde nicht müde uns Zionisten als Menschheitsleugner zu verhöhnen. Wir seien die „fahnenflüchtigen" Skeptiker, die den Glauben an den Fortschritt und an die Verbrüderung der Völker verloren haben sollen. Und all die Prediger auf ihren Kanzeln und all die Redner und Schreiber belehrten uns bei jeder Gelegenheit, daß es einen Menschheitsgenius gebe, daß sich die Völker verbrüdern müssen, daß die nationale Idee einen Rückschritt bedeute, daß die Erde voll sein werde des Wissens, wie die Gewässer, die das Meer bedecken u. dgl. Bibelverse mehr, aus denen man einen polemischen Gebrauch machte! Man verstand es nicht, oder man stellte sich so, als ob man es nicht verstände, daß in diesem Predigen dieselbe Ironie steckt, wie in dem Verweisen der Armen und Enterbten auf das Himmelreich. Wenn es der Glaube tut. wenn er es für alle tut, so hat es Kraft und bedeutet viel. Aber wenn Hochvermögende diesen Trost mißbrauchen, um die Armen zu quittieren, das reizt sogar die Armen, die des Himmelreichs teilhaftig zu werden glauben. All die großen Ideale der Verbrüderung, des Friedens u. dgl. wurzeln in unserm Bewußtsein tiefer, als in der Oberzeugung irgendeines andern. Aber solange die Völker, die starken und die schwachen, die rückständigen und die fortgeschrittenen, samt all ihren Parteien, auch diejenigen nicht ausgeschlossen, die vom Weltbürgertum reden, nicht nur ihren Kampf ums Dasein, sondern auch ihre expansiven Bestrebungen betätigen, wäre es ja nur die Fuchspredigt zum Lamm in der bekannten Fabel, unserm Volke im Namen seiner Ideale die Selbstvernichtung anzuraten. Wir haben uns deshalb zu einer realistischen Auffassung unserer Volkspflichten durchgerungen. Wir geben nicht zuviel auf den allgemeinen Liberalismus, .wir hegen auch gegenüber dem politischen Fortschritt ein gesundes Mißtrauen. Die Selbsthilfe ist uns wichtiger als die Humanität die wir vergeblich solange anrufen. Aber man sollte doch sicher sein, daß die andern, die nur die Emanzipation anerkennen, auch dementsprechend und folgerichtig handeln müßten. Wir haben uns für das Werk der Selbstemanzipation aufgerafft. Wir machen die allergrößten Anstrengungen, etwas Positives zu schaffen. Sollten sie dasselbe nach ihrer Richtung tun! Ja, sie erst recht, denn sie haben ja die großen Mittel und jene ungeheure Kraft, die in dem unmittelbaren Interesse der Masse liegt, der es doch ganz nah an den Leib geht, ob sie Rechte genießt, oder nicht. Sie haben alle Vorzüge des Reichtums an Mitteln, der großen Verbindungen, der ganz einfachen und leichtverständlichen Parole, und was machen sie mit all dem? Wenn keine Massakers wüten, ist ihre Kraft gelähmt. Automatisch funktionieren die Gesellschaften, sie üben Wohltätigkeit, befassen sich hier und da mit Erziehung. All das ist schön und ersprießlich, aber wo bleibt der Kampf ums Recht? 2*