Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 46 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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diesen erschallen lassen. Aber er ist, wie alles jüdische, von einem tiefern sittlichen Ernst. Er stellt sich nicht in selbstherrlicher Anklägerrolle hin: er fragt, er sucht, er weckt den Menschen! Man fühlt sich jetzt gedrängt, diesen Weckruf angesichts der rumänisch-jüdischen Krise zu erlassen. Wo bist du, — wir meinen nicht: du, „Alliance", oder du, „Anglo-Jewish", sondern — du, Jude, du, Träger des Denkens und Empfindens, der, als Wollender, diese an sich äußerlichen Formen einer Kollektivität geschaffen hat, — bist du auf deinem Posten? Diese Frage, dieser Mahnruf richtet sich an uns alle. Er richtet sich nicht an das Unpersönliche, an die Maschine, an den leeren Schall eines Namens, an die Etikette, an das beschriebene Papier der Statuten. Die Maschinerie mit dem Parteijargon, mit der bureaukratischen Rabulistik ist für uns gleichgültig. Ist es ja der Jude allein, der die Kollektivitäten seiner Brüder schafft! Wozu sollte er sie schaffen? Ist ein anderer Zweck zu ergründen, als daß der Jude die Gesamtheit seiner Brüder verteidige und beschütze? Und wozu sollte er seine Gesamtheit verteidigen und beschützen, als dazu, um an ihrer Fortentwicklung und Vervollkommnung mitzuarbeiten? Vermag er aber diesen Zweck zu erfüllen, wenn er nicht unaufhörlich darauf bedacht ist, auf die Stimme seines Gewissens zu hören? „Ajekkah?" Wo ist das Gefühl der engen Zusammengehörigkeit? Wo ist das Pflichtbewußtsein, der Edelsinn, die Einsicht und der Opfermut? Ein Teil unseres Volkes schmachtet und verkümmert unter rumänischem Druck. Die Gerechtigkeit wird verhöhnt, das natürliche Recht des Menschen auf seine Heimat, das oi^a-sv, das jus ac fas, jenes göttliche Recht der alten Welt, welches im Rechtsgefühl des Menschen seinen Wegweiser findet und in der Wahrheit mit jeder Faser seines Seins wurzelt, wird mit Füßen getreten. Einheimische Juden werden als Ausländer bezeichnet: ohne den Mut zu besitzen, sie einfach und offen zu vertreten, befällt man sie aus dem Hinterhalt mit „Gesetzen", die dazu bestimmt sind, ihnen das Leben unmöglich zu machen. Wie ein Wildbret werden sie mit Netzen umstellt, und wenn sie sich über ihr bitteres Los beklagen, werden sie gekränkt und beschimpft. Und dieses Königreich hatte sich beinahe in völkerrechtlicher, auf jeden Fall aber in einer unbedingt bindenden rechtlichen Form zur Durchführung der Gleichberechtigung der Juden verpflichtet! Seit dreißig Jahren pochen wir auf den Berliner Traktat vergeblich. Er hat nun auch schon anderseits große Verletzungen erfahren. Die Politik der vollzogenen Tatsachen, Grenzverschiebungen, über diesem Stück Land soll eine schwarzgelbe oder eine gelbblaue Flagge flattern. Um Menschenexistenz, um das einfache, heilige Recht zum Leben, das an jedem Tag und in jeder Stunde Hunderttausenden geraubt wird, handelt "es sich einzig und allein in dem Paragraphen des Berliner Vertrages, der die Gleichberechtigung der Juden festgelegt hat. Und da soll eine Balkankonferenz der Großmächte zusammentreten. Sie soll über den Fürsten Ferdinand, der jetzt Zar Ferdinand geworden ist, über die österreichische Okkupation, die sich in eine Annexion verwandelt hat, über Kreta — und Plethi sprechen. Wo bleiben die rumänischen Juden? Und wo bleibst du, jüdisches Gewissen, jüdischer Einfluß, jüdische Einheit? „Ajekkah?" Man trat an die einzelnen Regierungen heran", und sie erwiderten, man könne diese Frage nicht in das Programm aufnehmen! Trat der Jude heran, der Mensch, der wirkende und warnende, der Mardochai-Typus, der . „einen großen und bittern Schrei erließ", etwa nach moderner Form: die großen Deputationen, kühn und offen, begeistert und verzweifelt, mit Massenpetitionen? Oder war es ein zages Säuseln? „Ajekkah?" Und haben wir bei den hochlöblichen Regierungen keine Chance, wo bleibt nun die öffentliche Meinung? Warum treten wir mit dieser großen Frage nicht an sie heran? Warum tobt es nicht in jenem Blätterwalde, den man an unsere Rockschöße als „jüdisch" hängt? Am Anfange der achtziger Jahre, zur Zeit der ersten Pogrome, haben wir Protestmeetings veranstaltet, Enqueten gemacht, Aufrufe erlassen usw. Warum geschieht dies nicht jetzt? Nicht weil wir keine Organisationen haben, sondern weil wir mit all unseren Organisationen schwächlich, nachgiebig und schwunglos geworden sind. Wo ist die Courage, der heilige Ingrimm der Moses Montefiore und der Isaak Cremieux? Glaubt ihr, daß das praktische, routinierte, poesielose Philistertum eine „Alliance Israelite Universelle" geschaffen habe? All das waren Phantasien, Aufwallungen der jüdischen Seele! Und das sich empörende und aufbäumende Judentum der 80 er Jahre, das den besseren Teil der Welt in Bewegung setzte? Das war schöpferisch, verwegen, groß! Kann eine solche Arbeit viel helfen? Sofern die Kraftlosigkeit mit der Übermacht zu ringen vermag, ist das gewissermaßen eine Schutzwaffe. Man lasse die Proteststimmen und die Äußerungen des Unwillens gegen das Unrecht nicht in den Orkus der Vergessenheit versinken. Mögen sie niedergeschrieben, der Tagesflut der Presse entrissen und in Buchform als Aktenbeleg zur Geschichte der Kultur für ihr zukünftiges Tribunal festgehalten und aufbewahrt werden! Das wird eine wünschenswerte Krönung der Protestbemühungen sein. Und das nicht nur aus Rücksicht auf uns. Seit jeher konnte sich das jüdische Volk als Gradmesser des sittlichen Wertes der Grundsätze und der Mittel sämtlicher politischer Systeme der verschiedensten Nationen betrachten. Die verborgenen Springfedern mancher Taten traten durch uns ans Licht, die trüben Begriffe, die das Interesse und die Selbstsucht manches Staates und manches Volkes zu verschleiern und zu verdunkeln suchten, klärten sich immer durch uns. Ohne uns hätte das Prinzip der Nichteinmischung und die klägliche Rolle, die der reinen Humanität in den zwischenstaatlichen Beziehungen zufällt, bei weitem und nach vielen Richtungen hin, nicht die große Plastik, die sie jetzt besitzen. An uns und durch uns tritt all dies knüppeldick aus dem Dunkel hervor! Wir haben es gelernt und veranschaulicht, daß die Methoden der Regierungen bei internationalen Fragen kaum die geringsten Veränderungen und Verbesserungen im Laufe des letzten Jahrhunderts erfahren haben. Die Macht war und bleibt noch immer die Instanz, die die Gesetze bestimmt und Streitigkeiten schlichtet. Was bedeutet die reine Moral auf diesem Gebiete? Der Versuch, sie anzuwenden, würde als ein naives Beginnen betrachtet werden. Versuche man doch einem