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Die Welt · 1908-11-20 · 46 (20.11.1908) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
46 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6%/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 20. November 1908 p-nr6 n"nn'c< \wr> 1aD „AJEKKAH?6 Zu deutsch: Wo bist du?, — so lautete nach der biblischen Erzählung (Gen. III, 9) der mächtige Gottesruf an den ersten Menschen nach dessen Sündenfall im Paradies der Schöpfung. Schon Herder hat es erkannt und hervorgehoben, welche wunderbare beispiellose Kürze — das eine Wort „Ajekkah" muß durch drei Worte übersetzt werden — unsere Nationalsprache besitzt und noch mehr, — wie ihr Genius den großen Ethos des Daseins in kurze Sätze, ja, oftmals in einzelne Worte faßt. „Wo bist du?" — ein mächtiger Appell an den Menschen, ein Appell, welcher die Begeisterung der Jugend, die Tatkraft des Mannes und die Beruhigung und Sicherheit des Alters mit einer Kraft hervorruft, den kein anderer Ruf auslösen kann. „Wo bist du?" Bist du nicht in Elend und Unheil, in Lüge und Ungerechtigkeit geraten? „Wo bist du?" Besinne dich auf dich selbst, auf dein höchstes Glück, auf die Wahrheit und Gerechtigkeit! Von seiner Blöße beschämt, seiner Schwäche bewußt, verkroch sich der zage Mensch. Verhaltener Zorn, ohnmächtige Wut begleiteten seine Schritte, die er nach den Schlupfwinkeln der Selbstverleugnung richtete. Da erscholl ihm der Ruf eines höhern Bewußtseins: „Wo bist du?" Wohin wirst du gelangen, wenn du dich vor deinem Gewissen verstecken willst, wenn du von der einfachen Wahrheit durch Tüfteleien dich entfernst, welche immer künstlicher und. unwahrer, deiner eigentlichen Zweckbestimmung abgewandter werden? An Menschen undan Menschengruppen ergeht der Weckruf.. Er richtet sich auch an uns und unsere Verbände: Versteckt ihr euch nicht? Seid ihr auf dem Posten? _ Eine merkwürdige phonetische Ähnlichkeit! Neben den neuerstandenen „Aico"-Initialen, die eine der neuen Vereinigungen bezeichnen — deren wir Juden wahrlich nie zu viel haben können und der wir den schönsten Erfolg wünschen — möge doch das gleichklingende, einfache, nicht aus fremdsprachigen Initialen, sondern unserer Bibel und unserer Nationalsprache entnommene: „Ajekkah" gewaltig und leuchtend neu erbrausen! Die Verbände und die Organisationen! Ja, die guten Triebe der; Menschen zu kombinierten Gewalten zu machen,, um das, was die Kraft des einzelnen Faktors nicht zustandebringen kann, durch die verbündeten Einflüsse zu bewirken —, das ist der innere Sinn und die Daseinsberechtigung unserer Verbände. Die Idee ist alt wie die Welt, und auch darüber haben wir unsere eigenen, nationalen Anschauungen. Die kosmogenetischen, oder richtiger, weil sich das schon auf das Menschengeschlecht bezieht, prähistorischen Vorstellungen unseres Volkes verzeichnen auch die guten und bösen Formen der Vereinigungsversuche: die Chanochstadt und den Babelturm. Aber das Problem des einzelnen Menschen geht als grundlegendes Moment voran. Der griechische Geist, der in schillernden, kämpfenden Formen schwelgte, bevölkerte seine Schöpfungsgeschichte mit Massenbildern; der jüdische, der das Wesen, das Unwandelbare, das gleichbleibende Prinzip sucht, rückt den einzelnen Menschen als den Träger aller Entwicklungen in den Vordergrund. „Wo bist du", — der einzelne, der in sich geschlossene Mensch? Wenn du unfrei bist, wenn du mit dir selbst im Kampfe liegst, so wirst du nichts durch die allergrößte Verbindung der Kräfte bewirken, denn es wird kein Zusammenwirken, sondern ein Auseinanderstreben durch die Masse entstehen. :Fade, langweilige Homiletik — wird man sagen. Nichts wäre widersinniger als Predigen in der Publizistik, oder umgekehrt: Publizistik auf der Kanzel treiben. Das soll zugegeben werden. Aber die uralten, biblischen Ideenassoziationen drängen sich doch manchmal mit aller Gewalt heran! Und „Ajekkah" hat nichts. Dozierendes, nichts Weltfremdes. Es steht im Mittelpunkte des Lebens. Kein Geringerer als Steinthal, der Philosoph und Völkerpsychologe, begeisterte sich für dieses Wort. In einem prächtigen Aufsatz, den er in einer Zeitschrift veröffentlichte, bezeichnete er das- „Ajekkah" als den erhabensten Klang, in dem eine menschliche Sprache den eindringlichsten Weckruf des Gewissens je zum Ausdruck gebracht hat. Das soll immer und immer gerufen werden, — meint Steinthal. Und wie hatte der recht! In dieser anämischen Zeit, angesichts gewisser Ereignisse entringt sich dieser Ruf der Brust des denkenden Beobachters. Er gleicht dem modern gewordenem „J'accuse", weil er denselben Motiven entspringt, die

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