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Die Welt · 1908-11-13 · 45 (13.11.1908) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
45 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Gelegenheit zu haben, seine ganze Rede, die er in Bialystock nicht die Möglichkeit hatte zu Ende zu sagen, vorzutragen. Die Versammlung nahm eine Resolution an, daß die Frage dieses Prozesses noch in vielen Versammlungen behandelt werden müsse. Vorläufig wurde eine Kommission von zwölf Advokaten gewählt, die sich in Verbindung mit den Dumamitgliedem und Gelehrten setzen und mit ihnen zusammen Maßregeln gegen die den russischen Advokaten drohende Gefahr ausarbeiten soll. Die Kommission soll auch einen Aufruf an die russische Öffentlichkeit verfassen. Die Enthüllungen über das Mordtreiben der x echten Russen a Aus Petersburg wird uns vom 21. Oktober geschrieben: Am 15. Oktober wurde in dem kleinen finnischen Dörfchen Küweneppe der langwierige Prozeß kontra Polownew in Sachen der Ermordung Herzensteins zu Ende geführt. Polownew wurde der Beteiligung am Morde für schuldig erkannt und zu 6 Jahren Zuchthaus und zu 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Nun wurde wiederum die Frage erhoben, warum Polownew der finnischen Behörde sich freiwillig gestellt habe, während er doch unbehelligt gerade so wie bislang als angesehenes und verdienstvolles Mitglied des „Verbandes des russischen Volkes" in Petersburg ein ruhiges und bequemes Leben weiter führen konnte. Dafür gibt nun der Rechtsanwalt Weber, der im Prozeß die Interessen der Familie Herzenstein vertreten und dabei alle Tatsachen über die Ermordungen von Herzenstein und Jollos sowie über das Attentat auf Witte gesammelt hat, folgende Erklärung: In seiner Eigenschaft als Mitglied des Hauptrates der Kampftruppe einer der Hauptorganisatoren der obenerwähnten Verbrechen, war Polownew, sich für einen Dielenbohner ausgebend, mehrere Male in der Wohnung Wittes gewesen, um hier die Lage der Räumlichkeiten zu studieren. Mit ihm gemeinschaftlich arbeitete ein gewisser Kasanzew, der Hauptorganisator des meuchlerischen Oberfalls auf Jollos, der später unweit von Petersburg von Revolutionären ermordet wurde, als er ihnen eine Bombe übergab, die für Witte bestimmt war. Und die beiden Helden genossen ob ihrer Mordarrangements ein solches Vertrauen, daß sie ohne jegliche Kontrolle beliebige Summen aus der Kasse des Hauptrates des echtrussischen Verbandes verausgaben durften. Dann kamen andere Zeiten. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan und konnte gehen. Als Polownew zu Anfang des verflossenen Sommers während einer Sitzung des Hauptrates zur Deckung der von ihm gemachten Ausgaben weitere 1800 Rubel verlangte, lehnte die Mehrheit des Rates nach stürmischen Debatten diese Forderung ab. Vergebens drohteer, daß er nach Finnland sich begeben, sämtliche Mitbeteiligten an der Ermordung Herzensteins ausliefern und seine sonstigen Heldentaten beichten würde. Man nahm es nicht ernst, und die erwartete Wirkung blieb aus. Da begab sich Polownew wirklich nach Finnland und stellte sich freiwillig der Behörde, die zwei Jahre lang ihn erfolglos durch Steckbriefe gesucht hatte. Jetzt erst lenkte der Hauptrat des „Verbandes des russischen Volkes" ein und beschloß, an Polownew sofort die 1800 Rubel auszuzahlen. Doch nun war es zu spät. Der Mordarrangeur gab unter der veränderten Sachlage zu verstehen, daß er sich mit der Kleinigkeit von 1800 Rubel nicht zufrieden gebe, sondern bereits 5000 Rubel verlange. Aber auch diese Summe wurde bewilligt, und Polownew verpflichtete sich, zu schweigen. Dieser Zusage gemäß hat er tatsächlich während der Gerichtsverhandlungen niemanden von den kompromittierten Verbändlern verraten. Vielleicht ist jedoch das letzte Wörtlein in dieser Affäre noch nicht gesprochen. Sollte es Polownew nämlich nicht gelingen, die Aufhebung des Richterspruches zu erwirken, so dürfte er die Freundschaft und Gönnerschaft der Verbändler preisgeben und seine Komplizen nennen. Dann wird es erst heillose Skandale geben. Der nahe Zusammenhang mit dem Prozeß betreffs der Ermordung Herzensteins frischt wiederum die vertuschte Affäre des Attentats auf Witte auf. In den Protokollen des eingestellten diesbezüglichen Verfahrens ist u. a. die Aussage des in der Voruntersuchung vernommenen Zeugen Tschoija notiert, der eingehend darüber berichtet hat, wie im Geschäftslokal des Hauptrates der echtrussischen Leute die Pläne der Ermordung Wittes besprochen worden waren. Damals hat sich der echtrussische Verband bekanntlich mächtiger als Witte erwiesen; denn als die Spuren des Attentats auf die patriotischen Organisationen führten, wurde die Voruntersuchung abgebrochen. Wirä nun jetzt in alle diese dunklen Affären Licht kommen? Das hängt ganz und gar vom weiteren Schicksal Polownews ab. Warum sollte aber der sonst so mächtige Verband seine Begnadigung nicht durchsetzen können? Vom Judenschicksal in Rußland Der Odessaer Duma-Abgeordnete A. Nikolski berichtet in der „Retsch" über das tragische Schicksal eines jüdischen Jünglings, das ob der im Hintergrunde wirkenden russischen Brutalitätsgesetze aus dem Persönlichen ins Allgemeine übergreift Der junge Mann, Fich mit Namen, fand nach glänzender Absolvierung einer Realschule und nach ebenso glänzend bestandener Konkursprüfung am Kiewer Polytechnikum Aufnahme. Nach zweijährigen Studien machte er das .lateinische Ergänzungsexamen und wollte sich seinen Anlagen gemäß in der Universität immatrikulieren lassen. Trotz seiner ausgezeichneten Zeugnisse war er jedoch nicht sicher, ob ihm dies Glück so bald beschieden werden würde. Darum suchte er sich für jeden Fall als Einjährig-Freiwilliger eine Vakanz in irgendeinem Regiment zu besorgen. Da er nunmehr keine Gefahr mehr zu laufen glaubte, daß er als einfacher Soldat zum langwierigen und peinvollen Militärdienst herangezogen werden würde, begann er seine Aufnahme in die Universität zu betreiben. Er lief zum Kurator des Odessaer Lehrbezirks, lief zum neugewählten Rektor der Odessaer Universität und hatte mit seinen Bemühungen wirklich „Glück". Der Kurator erklärte, daß man mit solchen Zeugnissen nicht zurückgewiesen werden könne, der Rektor Lewaschow, obwohl ein Judenfeind, gab seine Zustimmung und ließ den Glücklichen seine ersten Kollegiengelder entrichten. Nun verzichtete Fich zugunsten eines Mitbewerbers auf die Vakanz als Einjährig-Freiwilliger. Zwei freudige Tage vergingen. Als jedoch der angehende Student nach der Universitätskanzlei kam, um die Erkennungskarte abzuholen, da bekam er statt deren seine 25 Rubel zurück und den Bescheid, daß seine Aufnahme nicht erfolgt sei. Denn die Baronin Kaulbars, die Frau des Odessaer Militärkömmandierenden, hatte kurz nach Fich den Rektor besucht und ihren jüdischen Kandidaten empfohlen, der zwar nicht über solche Zeugnisse, aber über gute Beziehungen verfügt. In Odessa gilt es nämlich als Regel, daß Juden auch in den Grenzen der Prozentnorm nur vermittels der Protektion der Behörden aufgenommen werden. Fich sollte infolgedessen einfacher Soldat werden. Dies bedeutete für ihn als verheirateten Mann, der noch dazu ein Kind besaß, außerordentliche Not und eine wahrhaft tragische Wendung. Mit dem Sturz von allen Hoffnungen verlor er auch sein seelisches Gleichgewicht und machte seinem Leben ein Ende. Als Leiche kam Fich in das gerichtlich-medizinische Kabinett der Universität zwecks Obduktion. In dieser Form konnte die Universität Odessa dem Juden Fich die Aufnahme schließlich nicht mehr versagen. . . . Graf Witte und die Juden Graf Witte hat der russischen Presse folgende Mitteilung zugehen lassen: „Ich lese heute im „Golos Moskoi" einen Artikel unter dem Titel »Graf Witte und die Juden*, der wahrscheinlich jetzt deshalb veröffentlicht wird, weil ich fern von Rußland weile. In diesem Artikel wird gesagt, daß zur Zeit, da ich Ministerpräsident war, die Frage der Beschränkung des zum Besuche höherer Lehranstalten zugegebenen Prozentsatzes von Juden im Ministerrat erwogen wurde, und daß alle Minister, ich selbst eingeschlossen, nur mit Ausschluß zweier, Durnowo und Birilew, gegen solche Beschränkungen waren. Das ist wahr. Aber die Zeitung berichtet weiter: Graf Witte als Premierminister wurde beauftragt, diese Entscheidung dem Kaiser zu unterbreiten. Einige Wochen später fragten die Minister den Grafen über das Schicksal dieser Entscheidung, und Graf Witte antwortete, es sei noch keine Bestimmung getroffen worden; aber einige Zeit später wurde es offenbar, daß der Graf, der sich so warm für eine Zurücknahme der Beschränkungen ausgesprochen hatte, die Entscheidung des Ministerrats dem Zaren überhaupt nicht unterbreitet hatte. In seinen unaufhörlichen politischen' Manövern hielt er es wahrscheinlich nicht für angebracht, sich selbst vor den höhern Instanzen als allzu liberal zu zeigen, und so hielt er einfach die Entscheidung des Ministerrats geheim. Ich halte es für notwendig, zu erklären, daß dieses absolut unwahr ist." Das Jubiläum Schalom Aleichems Das Schriftstellerjubiläum Schalom Aleichems ist in der Judenheit ganz Rußlands festlich begangen worden. Keine Mühen wurden gescheut, um die Jubiläumsfeierlichkeiten glanzvoll zu gestalten. Die großartigste Feier fand in Warschau statt, wo der „Hazomir" die Vorbereitungen dazu in die Hand genommen hatte. Anwesend waren alle hebräischen und jüdischen Schriftsteller Warschaus. Nach Nervi, wo der Jubilar zur Kur weilt, wurden Begrüßungstelegramme gesandt, und dem Jubiläumsfonds wurden namhafte Summen zugeführt. In Lovitch wurde eine Bibliothek unter seinem o. ■>

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