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Die Welt · 1908-11-13 · 45 (13.11.1908) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
45 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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die Ito beschränken und den Zionismus uns überlassen. Vor einigen Wochen erst habe Herr Lucien Wolf die Kühnheit und Leichtfertigkeit gehabt, der rumänischen Regierung eine Waffe in die Hand zu drücken, die kein Antisemit aufgegriffen hätte, indem er in einem Interview mit der „Jewish World" die Behauptung aufstellte, die rumänischen Juden hätten kein Recht, die Emanzipation zu verlangen, da sie Zionisten seien. Daß ein Mann in einer verantwortlichen Stellung wie Herr Lucien Wolf, der Herausgeber einer jüdischen Zeitung. Herrn Sturdza mit Beweisgründen unterstütze, sei eine Handlung, würdig der Bestrafung und der Verdammung durch die Geschichte. (Beifall.) Was die gegenwärtigen Aussichten des Zionismus anbetreffe, so sei es zweifellos, daß die Führer der Bewegung auf der Wacht ständen und die vom Augenblick gebotene Politik verfolgten. Aber in der zionistischen -Bewegung sei es jedermann erlaubt seine Meinung vorzutragen. Er (Gaster) wolle lediglich seine persönlichen •Anschauungen vortragen, auf seine eigne Verantwortung und selbst auf die Gefahr hin, daß das Aktionskomitee ihnen widersprechen möchte. Die Zionisten sollten seiner Meinung nach ihre Hoffnungen und Pläne nicht auf die Zukunft der europäischen Türkei, sondern auf den Aufschwung und die Entwicklung einer mohammedanischen Macht im Osten aufbauen. Er glaube nicht daran, daß wieder eine Reaktion in der Türkei einireten werde, da die liberale Bewegung durchaus volkstümlich sei. Die Jungtürken wünschten das türkische Reich zu festigen; was würde ihre Haltung gegen ein Volk sein, das wie das jüdische, die Zulassung der Ansiedlung in Palästina verlange? Die Klugtuer erinnerten an die Bulgaren und Kreter. Aber das seien Christen, die nach Europa gravitierten, von dem sie politische Hilfe erwarteten. Die Juden indessen hätten mehr Zuneigung zu den Mohammedanern, die ihnen ja auch viel sympathischer gegenüberstehen. Die Juden würden in den Osten die Industrie des Westens einführen und das Menschenmaterial liefern, das die Moslems so sehr nötig hätten. Europa fürchtet den jüdischen Wettbewerb, aber der Orient würde den jüdischen Unternehmungsgeist willkommen heißen, wenn die Juden dorthin nicht der Chalukah wegen, sondern mit demselben aufstrebenden Sinn kämen, wie sie nach Amerika gingen. Vom politischen Standpunkte aus müßte eine starke und loyale betriebsame jüdische Bevölkerung in Palästina ein mächtiger Schutz für das türkische Reich sein, da Palästina heute tatsächlich von der Verbindung mit dem türkischen Reiche abgeschnitten sei. Schon seien viele jüdische Industrien in Palästina etabliert, und es sei keine Frage mehr, daß aus Palästina wieder das Land gemacht werden könne, wo Milch und Honig fließt. Die Frage: Seid ihr bereit? könne vielleicht eher an die Zionisten gerichtet werden, als sie glaubten. Darum sei es Pflicht jedes einzelnen, seinen persönlichen Ehrgeiz und seine Privatwünsche hinter das Interesse der allgemeinen Sache zurückzustellen und alle seine Kräfte der Hingabe an die zionistische Sache und der Verwirklichung ihrer Ideale zu widmen. (Lebhafter Beifall.) Sir Francis Montefiore beantragte, dem Redner den Dank der Versammlung auszusprechen. Er erinnerte an die seinerzeitige Rede des Präsidenten Wolffsohn in London, der gesagt habe, nicht jeder könne ein Führer sein, aber jeder könne den Führern helfen. Unglücklicherweise seien die Juden Englands sehr schlecht organisiert, eine Tatsache, die allein dadurch bewiesen werde, daß es möglich gewesen sei, die Aliensact zur Annahme zu bringen. Hätten sich die Juden, die politischen Einfluß besitzen, vereinigt, so hätten sie es sicher erreichen können, daß dieses Gesetz verworfen worden sei und die Juden Englands vor einem Schandmal bewahrt geblieben seien, das auf ihnen lasten werde, bis das Gesetz rückgängig gemacht sei. Redner schloß mit einer feurigen Mahnung zum Anschluß an den Zionismus und einem Appell für Einheit und Tätigkeit Herr Herbert Bentwich sprach gleichfalls dem Redner seinen Dank aus und betonte die Besserung in der Lage der türkischen Juden, die bereits seit Inkrafttreten der Verfassung wahrzunehmen sei. Der Versammlung wohnten die meisten bekannteren Zionisten - Londons bei, u. a. waren anwesend L. J. Greenberg, Dr. Büchler, Dr. Samuel Daiches u. a. Politische Ehrung zweier Juden Anläßlich der staatlichen Ehrungen," die bei Gelegenheit von Königs-Geburtstag ausgeteilt zu werden pflegen, sind auch zwei Juden in hohen Staatsstellungen besonders auszeichnend bedacht worden, und zwar Mr. Herbert Louis Samuel, Mitglied des Unterhauses und Unterstaatssekretär des Innern, und Sir Matthew Nathan, Gouverneur von Natal. Mr. Herbert Samuel wurde zum Geheimen Staatsrat ernannt eine der höchsten Ehren, die der Staat für politische Dienste verleiht, und in diesem Falle um so bemerkenswerter, als Herr Herbert Samuel gerade erst 38 Jahre alt geworden ist Der zweite jüdische Geheime Staatsrat-Lord Rothschild, war 62 Jahre alt als ihm diese Ehre zuteil wurde. Herr Samuel hat seit Beginn der gegenwärtigen Regierung einen hohen Ruf als ein sozial denkender Staatsmann erlangt, und man hält ihn allgemein für eine bedeutendere Kraft als sein gegenwärtiger Vorgesetzter, der Staatssekretär des Innern, Herbert Gladstone. Der „Daily Chronicle" sagt: „Herr Herbert Samuel hat durch seine solide und nutzbringende Tätigkeit im Ministerium des Innern und seine ersprießliche Arbeit im Unterhause reiche Ehren eingeheimst Kein Mann außerhalb des Kabinetts hat sich einen bessern Ruf geschaffen als der Urheber des Kinderschutzgesetzes." Herr Samuel ist ein Glied einer wohlbekannten und angesehenen jüdischen Familie und ein Neffe jener Säule der Orthodoxie, des Lord Swaythling. Allgemein nimmt man an, daß ihm die höchste Laufbahn innerhalb der Regierung offensteht, da er ein noch junger Mann ist. Sir Matthew Nathan, der im Jahre 1902 die Würde eines Komthurritters des Ordens von St. Michael und St. George erhielt, ist jetzt zum Großkommandant dieses Ordens ernannt worden. Liberales Judentum Verflossenen Mittwoch präsidierte Mr. Claude Montefiore einer öffentlichen Versammlung der Jüdisch-religiösen Union, bei der Herr Louis Levy, Rabbiner der „Union Liberale Israelite" von Paris und Dr. Cäsar Seligmann von Frankfurt a. M. Bericht über die Fortschritte des liberalen Judentums in ihren Ländern gaben. Die Union in London besteht seit sechs Jahren, und Herr Montefiore bezeichnete die Versammlung vom Mittwoch als einen roten Tag in ihrer Geschichte. Aber es ist sehr zu bezweifeln, ob die französischen Ausführungen des Herrn Levy und die deutsche Rede des Herrn Dr. Seligmann einer Bewegung mehr Lebenskraft verleihen werden, die längst entschlafen wäre, wenn sie nicht die finanzielle Unterstützung des Herrn Montefiore genösse. Beilegung des Schechitastreites Mit Genugtuung kann verzeichnet werden, daß der Streit zwischen den Fleischhändlern und dem Schechitaboard nunmehr beigelegt ist. Die Gesellschaft, die von den aufsässigen Händlern gegründet worden war, ist aufgelöst worden, und die Autorität der jüdisch-kirchlichen Behörden ist wieder anerkannt Von den wichtigern Bestimmungen der gegenseitigen Übereinkunft erwähnen wir folgende: Es soll dafür gesorgt werden, daß mehr Großhändler koscheres Fleisch in angemessener Zeit in den Handel bringen; es soll keine neue Schächtlizenz mehr erteilt werden, bis das Bedürfnis dafür für den betreffenden Distrikt nachgewiesen ist; alle neuen Läden, die infolge des Streites eröffnet wurden, sollen geschlossen werden, sobald die Mietverträge es zulassen; alle vom Schechitaboard infolge des Streites widerrufenen Lizenzen sollen erneuert werden. Man braucht nicht erst zu erwähnen, daß in der Gemeinde allfemeine Zufriedenheit über die befriedigende Beilegung des treites herrscht. Resignation Rev. S. A. Adlers Rev. S. Alfred Adler, der einzige Sohn des Chiefrabbi, ist von seinem Amte als Geistlicher der Hammersmith Synagogue, das er vier Jahre innegehabt hat aus Gesundheitsrücksichten zurückgetreten. Er ist ein eifriger Zionist und war sowohl auf dem Kongresse im Haag wie in Basel, so daß die Zionisten besondere Ursache haben, die Genesung dieses vielversprechenden jungen Mannes zu erhoffen. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Ein Beschneidungsstreit Die von Apathie beherrschte jüdische Öffentlichkeit konnte nur durch eine Sensation in Bewegung gebracht werden. Und eine solche Sensation brachten die letzten Wochen mit sich. Einem Vater aus der Warschauer jüdischen Intelligenz starb ein einige Monate altes Kind, an dem der Beschneidungsakt nicht vollzogen worden war. Der Vater wünschte das Kind auf dem jüdischen Friedhofe begraben zu lassen. Da befahl das Rabbinat ohne Wissen der Eltern, das tote Kind zu beschneiden. Der verzweifelte Vater wandte sich in einem offenen Briefe an alle polnischen Zeitungen, indem er im Namen der Kultur gegen diese barbarische Vergewaltigung protestiert und an die Gerechtigkeit .der polnischen öffentlichen Meinung appelliert Die Sache machte kolossales Aufsehen, und es wurde lange Zeit über nichts anderes gesprochen. Die Angelegenheit hätte aber nicht diese Dimensionen angenommen, wennnicht das Eingreifen von Schalom Asch dazwischen gekommen wäre.

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