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Die Welt · 1908-11-13 · 45 (13.11.1908) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
45 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Weise. Der Landesschulrat Dembovski gab nur eine lederne Erklärung ab, der Landesausschuß aber ließ, um seine Juden zu beschwichtigen, verkünden, daß die Enquete über die Gründe der Verarmung der jüdischen Bevölkerung Galiziens und eine Notstandsaktion in allernächster Zeit zum Abschluß gelangen werde. Mit dieser Siegesbotschaft werden die jüdischen Abgeordneten zu ihren Wählern heimkehren. Pater Stojalowski war der einzige Pole, der in die Debatte eingegriffen. Er legte nochmals sein antisemitisches Credo ab und erklärte mit rühmenswerter Offenheit, daß er nicht aHein stehe. So wie er denken Millionen, und mancher Landtagsabgeordnete, der mit Rücksicht auf seine jüdischen Wähler zurückhaltend ist, ist in seines Busens tiefem Schrein ein guter Antisemit. Dieses rückhaltlose Bekenntnis war gewiß ehrlich gemeint. Die Kandidatenliste In der Samstag den 7. d. M. im Hotel Central stattgehabten Wiener Kultuswählerversammlung wurde die Kandidatur des Herrn S. Kohn vom oppositionellen Wahlkomitee bekanntgegeben. „Russen" in Wien Die „russischen" Auswanderer führen bekanntlich häufig recht slawische Namen, wie Moscke, Sonas, Mordko usw., und haben semitische Gesichtszüge. Eine Verhaftung von „Russen" muß daher die Besorgnis all derer erwecken, denen das Wohl der jüdischen Emigranten in Wien am Herzen liegt. Vor einigen Tagen wurden ein russischer Jude Weiner sowie einige seiner Freunde, sämtlich jüdische Emigranten, verhaftet. Wein er erschien bei einem Arzt und verlangte 1000 K. von ihm. Als ihm dies verweigert wurde, verfolgte W. den Arzt mit Drohbriefen, bis die Polizei der Sache ein Ende machte und Wein er und drei andere russische Juden, als der Mittäterschaft verdächtig, verhaftet wurden. Haben wir es hier mit einem Versuch russisch-jüdischer „Anarchisten" zu tun, die liebliche Expropriationspraxis auf Wiener Boden zu verpflanzen, wäre es nur beklagenswert. Die Gemeinde Wien ist russischen Juden gegenüber nicht allzu gastfreundlich. Ohne sich um das Versprechen der Regierung im Reichsrat — russischen Flüchtlingen den Aufenthalt in Österreich nicht zu erschweren, — zu kümmern, führte die Wiener Kommune im eigenen Wirkungskreis ein System von Beschränkungen ein, die die hilflosen jüdischen Auswanderer zur Verzweiflung bringen. Wer keinen Paß hat, muß sich schriftlich verpflichten, binnen 30 Tagen seine Dokumente vorzulegen oder Wien zu verlassen. Glücklicherweise wurde diese Verfügung nicht rücksichtslos gehandhabt. Der Arbeitgeber oder ein Abgeordneter konnten immer das Unheil abwenden. Die Fälle, daß russische Juden abgeschoben wurden, sind ziemlich selten. Dumme Streiche, Unbesonnenheiten, wie das Vorgehen Weiners, sind nur geeignet, der Wiener Polizei den erwünschten Vorwand zu schärferem Einschreiten, zu schneidigem Vorgehen zu liefern. Es ist daher im Interesse der wenigen jüdischen Arbeiter und Gewerbetreibenden-, die sich in Wien niedergelassen haben, daß der vorläufig unaufgeklärte Fall Wein er keine Nachahmung unter den zahlreichen hoffnungs- und arbeitslosen jüdischen Emigranten in Wien findet. Es wäre aber höchste Zeit, daß die Öffentlichkeit auf die jüdischen Auswanderer, die mittellos in Wien hängen bleiben, aufmerksam wird. Es ist geradezu unglaublich, daß in Wien, dem ■ Knotenpunkt der jüdischen Emigration aus Südrußland, keine einzige Körperschaft existiert, die die Leiden der Auswanderer, die in Wien bleiben müssen, auch nur lindern sollte. Es gibt kein Asyl für Obdachlose, und die Emigranten hausen in entsetzlich schmutzigen, luftlosen und verlausten Nachtmassenquartieren. Es gibt keinen Verein, der die Verzweifelten einige Tage, bis sie Arbeit finden, kostenlos verpflegen würde. Es gibt kein Auskunfts-, kein Informationsbureau. Wer mit diesen Obdachlosen, Hoffnungslosen, Brotlosen, Arbeitslosen in einer großen fremden Stadt zu tun hatte, begreift, wohin Verzweiflung treiben kann. Die Kultusgemeinde behandelt die jüdischen Emigranten wie Verstoßene, Elende. Sollte sich keine Organisation finden, die dieser unsagbaren Not abhelfen könnte? Die Zusammenstoße an der Wiener Universität Dienstag vormittag kam es an der Rampe der Wiener Universität zu einem erbitterten Stock- und Faustkampf zwischen - jüdischen und deutschen Studenten, der alle Grenzen des Herkömlichen überschreitet und alle bisherigen Studentenkrawalle, . deren Schauplatz die Wiener Universitätsaula war, in den Schatten rückt Die Aufsehen erregenden Ausschreitungen haben folgende Vorgeschichte. Ein deutschnationaler Korpsstudent Mitglied der „Alemannia", beleidigte tätlich einen jüdischen Kollegen. Von den Kadimahnern gefordert, kniffen die Heldenmütigen feige aus und verschanzten sich hinter der Satisfaktionsunfähigkeit der Juden. Die Deutschnationalen Wiens halten nämlich an dem Grundsatz fest daß man Juden wohl überfallen darf, daß man aber berechtigt ist, den Angehörigen einer so minderwertigen und ehrlosen Rasse jede Genugtuung zu verweigern. Die Satisfaktionsverweigerung führte Samstag den 7. d. M. zu einem Zusammenstoß zwischen Kadimahnern und Alemannen, bei dem die letzten die kürzeren zogen. Die Deutschnationalen beschlossen nun Rache zu üben. Dabei scheinen sie in einem Hetzartikel im „Deutschen Volksblatt", das zur „Abrechnung" aneiferte, nicht unbeeinflußt gewesen zu sein. Montag besetzten viele Hunderte deutschnationaler Studenten die Aula der Universität und prügelten grausam etwa 10 jüdische Hochschüler, die ahnungslos, aus den Vorlesungen oder zur Universität kamen. Dieser Überfall auf Schutzlose und Unbeteiligte rief efne große Erregung unter der jüdischen Studentenschaft hervor. Dienstag in aller früh besetzten etwa 500 üdische Hochschüler die Rampe. Die Deutschen versuchten in die Universität einzudringen, wurden aber zurückgeschlagen. Inzwischen sperrte ein zweifacher Polizeikordon die Rampe ab und trennte die Streitenden. Die Deutschnationalen bewarfen nun die Juden mit Stinkbomben, die mit Schwefelsäure gefüllt waren, und Ammoniakflaschen. Gegen 10 Uhr berief der Rektor die Vertreter der jüdischen Studenten zu sich, garantierte ihnen freien Abzug unter dem Schutze des Polizeiaufgebotes und forderte sie auf, die Rampe zu räumen. Die jüdischen Studenten erklärten sich bereit, der Aufforderung des Rektors Folge zu leisten. Als sie sich jedoch zum Abzug in Reihen formierten, durchbrachen die Deutschnationalen, deren Zahl inzwischen auf 2000 angewachsen war, die Kette der Wachleute, — die übrigens keinen nachhaltigen Widerstand leisteten — und stürmten die Rampe. Es kam zu einem furchtbaren blutigen Kampf mit dicken Stöcken (auch Eisenstöcke wurden von Deutschnationalen verwendet!). Steinen und Fäusten. Während es in den vorderen Reihen immer mehr blutige Köpfe gab, stürzte im Gedränge die Balustrade der Rampe ein, wobei viele jüdische Studenten mit hinunterstürzten. Die Deutschen hieben auf die Liegenden ein. Die Juden wehrten sich natürlich verzweifelt. Schließlich wurden sie von den übermächtigen Deutschnationalen von der Rampe verdrängt. Das Resultat der Keilerei sind nicht weniger als 50 Verletzte auf beiden Seiten. Die meisten zionistischen Studenten trugen Kopfverletzungen davon. Die Rettungsgesellschaft hatte viel zu schaffen. Dienstags abends fand eine Vertretersitzung der jüdischen Studentenschaft statt, um über die Situation an der Universität zu beraten. Wien, 11. Nov. 5SS nachm. (Privattelegramm). Heute überbrachten die jüdisch-nationalen Studenten dem. Rektor eine Beschwerdeschrift gegen die „Allemannen" und verlangten, daß gegen diese wegen ihres unqualifizierbaren Benehmens das Farbenverbot ausgesprochen würde. Der Rektor lehnte das Gesuch ab. Heute herrscht Ruhe. England (Von unserem Korrespondenten) Dr. Caster über die zionistischen Aussichten Die London Zionist League hielt die erste Versammlung in der neuen Saison am Sonntag den 8. d. Mts., abends, im Hotel Great Central ab. Den Vorsitz der sehr gut besuchten Versammlung führte Herr Dr. Friedeberger, der Redner des Abends war Herr Dr: Gaster, der sich als Thema „Die Aussichten des Zionismus" gewählt hatte. Dr. Gaster begann seine Ausführungen mit einem Hinweis auf die Ito, die, wie er sagte, keinerlei Lösung der Judenfrage bringen könne, denn es könne kein Land gefunden werden, das dem Juden so teuer und das so zukunftsreich sei wie Palästina. Der Zionismus verfolge ein höheres Ziel als die Lösung ökonomischer Fragen, er habe auch eine ethische und geistige Seite, und er erstrebe die physische und geistige Wiedergeburt Israels in seinem eignen Heim. Könne der Zionismus verwirklicht werden? Die Neunmalweisen pflegten zu sagen, er könne nicht erfüllt werden, weil der Sultan niemals darein willigen werde und sichdie Dinge im Osten nicht änderten. Indessen habe sich der Sultan selbst als ein sehr geschickter Herrscher erwiesen, eine neue Ära sei für sein Reich angebrochen, und die Aussichten für den Zionismus seien viel realer geworden. Die „Totenglocke" für den Zionismus sei -von Herrn Lucien Wolf so oft geläutet worden, daß sie jetzt ihren Schrecken verloren habe. Wenn aber der Zionismus wirklich tot sei, warum bekümmere sich Herr Wolf noch darum? Möge er sich doch auf

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