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Die Welt · 1908-11-13 · 45 (13.11.1908) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
45 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Österreich (Von unserem Korrespondenten) Theodor Herzl-Abend in Wien Der Allgemeine jüdische Arbeiterverein veranstaltet Sonntag den 6. Dezember im großen Saal des Hotel Continental einen Theodor Herzl-Abend. Er verspricht eine glänzende und genußreiche Veranstaltung zu werden, zugleich eine weihevolle Huldigung für Theodor Herzl. Felix Saiten hat die Aufgabe übernommen, über Herzl als Juden und Staatsmann zu sprechen. Hermann Bahr will den Menschen und Dichter Herzl würdigen. Die Persönlichkeit Theodor Herzls, von so hervorragenden Meistern gekennzeichnet, wird uns in all ihrer üröße und strahlenden Schönheit nahegebracht werden. Frl. Lia Rosen vom Burgtheater und Herr Direktor Adolf Weisse werden Kongreßreden, duftende Feuilletons und philosophische Erzählungen von Herzl zum Vortrag bringen. Wir haben allen Grund, der poale-zionistischen Organisation für die schon im Entwürfe stilvolle Ausführung eines schönen Gedankens Anerkennnng zu zollen. Theodor Herzl wird an der Stätte seiner Lebensarbeit nicht genügend verstanden, daher auch nicht gebührend bewertet. Und wenn wir Herzl überschwenglich loben hören, so ist nicht immer verständnisvolles Begreifen seines Wollens und Wirkens der Grund der an den Tag gelegten Verehrung. Noch weniger gibt es Wissende, die es gelernt haben, Herzl, den kraftvollen Staatsmann eines landlosen Volkes und den sanft-heitern oder träumend-sinnenden Dichter als eine ganze Persönlichkeit zu erfassen. Der geplante Theodor Herzl-Abend will dieses Verständnis fördern, seit der Trauerversammlung im großen Musikvereinssaal im Jahre 1904 die erste Veranstaltung dieser Art. Und wenn der Abend nichts weniger als eine politische Werbeversammlung sein soll, wird er doch unzweifelhaft dazu beitragen, die Wiener Juden für das Lebenswerk Herzls zu begeistern. Der Zionismus ist von seinem großen Schöpfer nicht zu trennen, und wer Herzl verehren lernt, wird sich auch dem Zauber seiner machtvollen Gedanken nicht entziehen. Bosnische Judensorgen "Samstag den 7. November begab sich eine 26-gliedrige Abordnung der spaniolischen 'Juden Bosniens aus Sarajewo nach Wien, um dem Kaiser für die Angliederung des Okkupationsgebietes den Dank auszusprechen. Oberrabbiner Josüa Salom ist der Führer der Deputation, ein Bankier Salom wird als ihr Sprecher fungieren. Die Vertreter der Juden des annektierten Landes, die dem neuen Souverän huldigen wollen, erscheinen von einer schweren Sorge bedrückt vor dem Kaiser. Den Juden Bosniens und der Herzegowina droht die Gefahr, einer Vertretung in dem zu gründenden Landtag beraubt zu werden. Nach dem veröffentlichten Entwurf der Landesordnung erhält der Landtag 28 Virilisten und 52 Mitglieder, die, wie wir anläßlich der Angliederungsproklamarion bereits hervorgehoben haben, von konfessionellen Wahlkörpern entsendet werden. Alle billig Denkenden hegten die begründete Hoffnung, daß den Juden, wenn sie auch nur 0,52 °|o cer Bevölkerung bilden, eine Länderkurie zuerkannt werden wird! Nun sollen aber, wie verlautet, 12 Mandate den Kroaten (Katholiken), 22 den griechisch-orthodoxen Serben und 18 den Mohammedanern zugewiesen werden. Die Juden gehen leer aus. Etwa 10 000 Juden soll jede Möglichkeit genommen werden, in der Landesvertretung ihre Wünsche und Beschwerden auch nur zur Sprache zu bringen. Es ist dies eine ganz ungerechtfertigte Zurücksetzung und Ignorierung einer Bevöl- . kerungsminorität, die in der Hauptstadt Sarajewo gegen 11 a/o der Gesamtbevölkerung bildet. Wenn es gilt, nationale Wahlkörper zu schaffen, werden die Juden in fremdnationalen Kurien zerstreut und zur politischen Ohnmacht und Einflußlosigkeit verurteilt Als Vorwand dient dann die Lüge von der Nichtexistenz einer jüdischen Nation. Wir sind offiziell nur eine „Religionsgemeinschaft". Nun denn! Warum wird dieser staatlich anerkannten Glaubensgenossenschaft ihr Wahlrecht verweigert in einem Lande, wo konfessionelle Kurien die Grundlage der Verfassung bilden! Auch diejenigen, die die Ungeheuerlichkeit einer. Eintragung von Juden in tschechische, deutsche, polnische und nunmehr serbische Wahlkataster nicht fassen können oder wollen, begreifen, wie sinnlos und widernatürlich es ist Juden, „Israeliten" zu zwingen, in einer katholischen oder mohammedanischen Kurie zu wählen. Man verlangt ein Einschreiten von maßgebenden jüdischen Körperschaften. Es erhebt sich nur die Frage, wer in Österreich das Mandat besitzt, für. die bosnischen Juden einzutreten. Die in erster Linie Kompetenten, gegen das zugefügte Unrecht Einspruch zu erheben, sind die Juden Bosniens selbst Und es wäre wünschenswert, daß die Deputation nicht nur ihre „Huldigungspflicht" tut sondern den Mut findet, bei Kaiser und Regierung gegen die Einleitung verfassungsmäßiger Zustände zu protestieren, unter denen die Juden von vornherein zu einer quantite negligeable herabgedrückt werden. Sie sollen die vorgeschlagene Berufung eines jüdischen Virilisten ablehnen, denn das wäre mit der Lahmlegung jedes politischen Lebens in der Judenheit Bosniens gleichbedeutend! Nach den letzten Nachrichten sollte die Audienz Mittwoch den 21. d. M. stattfinden. Judendebatte im galizischen Landtag Der Landtag des Kronlandes Galizien, wo "'s aller österreichischen Juden zusammengedrängt sind, ist das „einzige polnische Parlament". Es wäre verlockend, zu untersuchen, auf welch demokratischer Grundlage die einzige polnische „Volksvertretung" aufgebaut ist Seit einem Jahrhundert heuchelt die polnische Schlachta — in ihrem Wesen schweigsam und schmeichlerisch nach oben und zügellos brutal nach unten — demokratische, ja revolutionäre Gesinnung. Es gelang ihr durch Jahrzehnte, die öffentliche Meinung Europas irrezuführen, um die Gunst der Kulturvölker erfolgreich zu buhlen, indem sie sich in einen rot schillernden Mantel hüllte. Indes im eignen Lande, im Besitze der Macht, erhebt sie Rechtsbeugung, Beamtenwillkür und Schlachzizenübermut — alles mit einem europäischen Firnis übertüncht — zum Prinzip ihrer Herrschaft, die nur Herren und Heloten kennt. In dieses System der polnischen Freiheit und Herrlichkeit, die in Galizien zur vollen Entfaltung gelangen konnten, paßt die Judenfrage nicht hinein. Es durfte im galizischen Landtag keine Judenfrage geben. Die Schlachta hat nun überall begeisterte und treue Handlanger. So hat sie auch ihre willigen Polenklubsjuden, die im Landtag gründlich und staatsmännisch schwiegen. Europa sollte meinen, daß die Juden Galiziens unter den schützenden Fittichen der polnischen Herrschaft im Glücke schwelgen. Sonst wäre es ja unerklärlich, daß in der „polnischen Volksvertretung" kein Wort der Klage ertönt! Das Schweigen der jüdischen Landtagsabgeordneten würde schließlich . . . weit hörbar. Es erregte einen Entrüstungssturm in der jüdischen Öffentlichkeit, der zwar ungefährlich ist Aber es gibt ein allgemeines Wahlrecht zur österreichischen Volksvertretung, und damit muß doch gerechnet werden. Da rafften die jüdischen Landtagsabgeordneten all' ihre seit Jahren brach gelegene Beredsamkeit zusammen und interpellierten den illustren Landesausschuß. Nicht ohne Zögern. Die Generaldebatte über das Budget war verstrichen, ohne daß ein jüdischer Abgeordneter den Mund auftat. Erst in der Spezialdebatte bei dem Punkt „Bildung und Kunst" ergriff Dr. J. Landau, der „unabhängige Jude" und „polnische Demokrat" das Wort, um seinen Zweifeln Ausdruck zu geben, ob die jüdische Gleichberechtigung nicht nur zu Recht, sondern in der Praxis besteht Er verwies auf die von Herrn S. Bilinski so geistreich erläuterte Tatsache, daß die autonomen polnischen Behörden den Juden beharrlich unzugänglich bleiben, fragte, warum jüdische Intelligenzler als Lehrer so rar angestellt und derart in die Armee der geistigen Proletarier hineingedrängt werden. Dr. Rittel sprach in ziemlich scharfer Weise von dem Geist der Feindseligkeit den Juden gegenüber, der in den polnischen Schulen herrscht In vielen Lehranstalten werden jüdischen Schülern getrennt von den polnischen Plätze zugewiesen. Eine polnische „Pädagogie" ging so weit, für die jüdischen Mädchen eine eigne Wasserkanne zu bestellen. . Freilich das Elend der jüdischen Schuljugend in Galizien ist vom Abg. Dr. Rittel nicht erschöpfend dargestellt worden. Es wäre noch zu erwähnen, daß zahlreiche polnische Direktoren jüdische Kinder, insbesondere die orthodoxer Eltern, bei der Aufnahme grundlos, zurückweisen, daß die meisten Lehrer, stramme, allpolnische Nationaldemokraten, ihren antisemitischen Instinkten keineswegs Einhalt tun und die Juden auf Schritt und Tritt verächtlich machen. Während einerseits die jüdischen Schüler stets daran gemahnt werden, daß sie sich vergeblich um eine Eintrittskarte in die polnische Gesellschaft bewerben, wird anderseits jeder Regung jüdischen Selbstbewußtseins von einem Heer von akademisch gebildeten Spionen nachgespürt und das Vergehen unnachsichtlich bestraft. Unsere Leser erinnern sich wohl an die Streiche galizischer Schuldirektoren, die jüdischen Schülern verboten hatten, hebräische Sprachkurse zu besuchen! So weit durfte jedoch ein Dr. Rittel in seinen Enthüllungen nicht gehen. Er könnte sich einen Ordnungsruf des Landmarschalls zuziehen. Spionagekunst gehört nicht zum Kapitel „Kunst", und in den Geruch zionistischer Gesinnung kommen ... Sonst war die Debatte reizlos. Die polnischen Parteien reagierten auf die Bemerkung, sie hätten es mit der Abstimmunggegen den Antrag Schmid nicht ernst gemeint in gar keiner

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