Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 45 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Wort, das die jüdische Brust schwellt, — und bald darauf anderseits eine antisemitische Gemeinheit. Diese Buntscheckigkeit stellt Publikum und Kritik auf den Kopf, und da kommt der Dichter und erklärt, er sei objektiv gewesen. Wir glauben es ihm. Aber um was handelt es sich am Ende? Wo, ist das große Israelproblem in diesem bunten und törichten Zeug der „Cercle"-Konflikte? Ja, das tragische Motiv: Antisemit, bewußt oder unbewußt, als Sohn eines Juden, — könnte schon dramatisch behandelt werden. Dazu gehört ein Mortara-Thema, und ein jüdischer Dichter. Mortara wurde als Kind seinen Eltern geraubt, getauft und in der katholischen Religion erzogen. Aus dem Judenkinde ist ein wutschnaubender, fanatischer Pater geworden. Er könnte seinem Vater gegenübergestellt werden, — und der Konflikt ist da. Ältere Leser jüdischer Zeitungen erinnern sich vielleicht der Paulus Meyer- Affäre. Ein junger Mann, der sich Paulus Meyer nannte, lieferte seinerzeit dem antisemitischen Pfarrer Deckert Material zur Blutanklage. Monatelang hatten wir mit der Demaskierung dieses Schwindels zu tun. Paulus Meyer war der abtrünnige Sohn eines frommen Juden. Die Elemente furchtbarster Seelenkonflikte lagen in dieser Situation. Antisemiten jüdischen Ursprungs gab es immer und gibt es auch jetzt in Hülle und Fülle: Judenstämmlinge, die es im Adel oder in der neuen Religion sehr weit gebracht haben, gibt's auch genug. Man braucht dazu keine Ehebruchsgeschichten. Der dramatische Widerspruch ist schon an sich stark genug. Aber es muß sich um etwas handeln: im Hintergründe muß etwas Großes vorhanden sein: eine große Gefahr, ein großes Sehnen, eine Seele, ein Volk, meinetwegen ein tiefer religiöser Konflikt. Mit schönen Worten kann man auch die Frage, ob Justin Gottlieb mit Thibault de Croucy Barock spielen darf oder nicht, dramatisch aufbauschen. Aber wenn Herr Bernstein dazu gelangen wird, die Sache mit den klugen Augen eines Juden zu beobachten, — er hat noch jetzt das Monokel an, nicht weil er nicht sehen kann, sondern weil es so Mode ist, — so wird er selbst sagen: das ist ja am Ende Fanfaronade, Und sollte sich Herr Bernstein zu einem jüdischen Dichter, d. h. zu sich selbst durchringen, — was ich am sehnlichsten wünsche, — so ist es aber fraglich-, ob so etwas für Paris und das „Theätre Rejane" passen würde. Denn „Israel" ist ein Produkt Pariser Kultur, ein Jockey-Klub-Israel, ein Kind des Sports und der fremden Tagespolitik. Vielleicht bitter ernst für einen Boulevardier, für uns Juden eine Spielerei. Nicht weil wir die Kunst verschmähen, sondern weil wir von ihr etwas ganz anderes erwarten: einen wirklichen Israel, einen Gottesstreiter, einen Märtyrer, einen Glühenden, wie wir ihn empfinden. N. Sokolow OOOOOOOI o o o o o c AUS DER BEWEGUNG Deutschland Königsberg i. Pr. In der am 15. Oktober abgehaltenen statutenmäßigen Generalversammlung wurden in den Vorstand gewählt die Herren Dr. Stein (Vors.), Dr. Pelz (Schriftführer), Sambursky (Kassierer), Rosenzweig. Salzmann. Das aus dem Kassenbericht hervorgehende günstige finanzielle Ergebnis es vergangenen Vereinsjahres ist den Lesern bekannt. Die Ortsgruppe hat zurzeit 130 Mitglieder. Es werden, wie es bereits im vergangenen Jahre regelmäßig durchgeführt wurde, an jedem zweiten und vierten Donnerstag im Monat Vereinsabende stattfinden mit jedesmaligem Vortrag und Presse-Referat. Eine neue Institution ist der neugebildete Arbeitsausschuß, der, aus einer größern Anzahl arbeitsfreudiger jüngerer Herren bestehend, bereits in den letzten Monaten vor Beginn des neuen Vereinsjahres Tüchtiges geleistet hat. Die Bibliothek ist im letzten Sommer durch den neuen tatkräftigen Bibliothekar Herrn Louis Lewin gründlich reformiert und vergrößert worden, nachdem ein Aufruf zu freiwilligen Spenden für diesen Zweck ein überraschend erfreuliches Resultat hatte. Die diesjährige Makkabäerfeier findet am 13. Dezember in den Räumen des Schützenhauses in der üblichen festlichen Weise statt. Ratibor: Am letzten Sonnabend sprach in unserer zionistischen Ortsgruppe Herr Louis Pinczower über den „Jüdischen Volksgedanken." Die Ausführungen des Redners, das Haupt der hiesigen religiös-konservativen Kreise, fanden lebhaften Beifall. Im Anschluß hieran berichtete Zahnarzt Block über den Breslauer Delegiertentag der deutschen Zionisten. Lübeck: Am 4. November begann Herr Eduard Joel in der zionistischen Ortsgruppe mit einem Zyklus von Vorträgen über „Die Juden im Drama". Die Ausführungen des Redners fanden bei der leider nur kleinen Anzahl von Zuhörern das lebhafteste Interesse. Herr Zahnarzt Rotschild gab alsdann über die wichtigsten Ereignisse jnnerhalb der Bewegung während der letzten Zeit eine gedrängte Übersicht, was eine lebhafte Debatte hervorrief. Österreich Freudenthal, Osten-.-Sehl.: Am 11. Oktober d. J. fand hier die gründende Versammlung des Jüdischen Volksvereins „Zion" für Freüdenthal und Umgebung statt. Dieselbe war gut besucht. Nach den glänzenden Ausführungen des Referenten Herrn Dr. Fritz Eckstein aus Troppau traten fast alle Anwesenden dem neuen Verein bei. Zu Funktionären wurden einstimmg gewählt die Herren: Max Konstandt, Erwin Marburg, Ing. Max Schwoner, Max Goldberger und die Damen: Agnes Berl, Aurelie Goldberger. Czernowitz: Der jüd. akad. Leseverein „Emunah" veranstaltet in der zweiten Hälfte des Monats Dezember eine groß angelegte Chanukkafeier, bei welcher Reichsratsabgeordneter Dr. Mahler die Festrede halten wird. Außerdem haben zwei bedeutende jüdische Persönlichkeiten ihre Mitwirkung zu dieser Feier zugesagt. Für ein reichhaltiges künstlerisches Programm ist gesorgt worden. Die Feier findet im großen Festsaale des „Jüdischen Hauses" statt. Das Reinerträgnis ist für den Baufond des „Jüdischen Hauses" und palästinensische Zwecke bestimmt. Näheres wird noch berichtet werden. — Schweiz Biel. Sonntag den 1. November sprach im hiesigen Zionisten - vereine Chawe Zion Herr Dr. Pinkus über das Thema: „Die Umwälzung im Orient und das Judentum." Der Vortrag wies darauf hin, in welch hohem Grade die türkische Umwälzung die jüdischen Interessen berühre, insofern sie in dem einzigen, für eine Masseneinwanderung für Juden geeigneten Land, Palästina und Syrien, gesetzmäßige Zustände schaffe, durch welche ein erfolgreiches Arbeiten der zionistischen Institutionen, insbesondere der Anglo Palestine Co. und des Jüdischen Nationalfonds ermöglicht werde. Der Zionismus sei hauptsächlich eine Frage der Volkswirtschaft geworden. Fehlt jetzt nicht die tatkräftige Hilfe der gesamten Judenheit, wird jetzt auf der von der zionistischen Bewegung errichteten Basis weiter gebaut und nach planmäßigen nationalökonomischen Erwägungen gehandelt, so ist der Tag nicht mehr fern, an dem sich eine regelmäßige Einwanderung nach Palästina vollziehen und unser Volk dort seine alte Heimat wiederfinden kann. Ungarn Budapest. Die zionistische Landeszentrale versendet ein Zirkular, worin aufgefordert wird, — angesichts der sich günstig gestalteten Verhältnisse in der Türkei und vornehmlich in Palästina —