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Die Welt · 1908-11-13 · 45 (13.11.1908) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
45 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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gesagt und was der Autor repliziert. Ein Kunstwerk muß für sich sprechen, und es sagt ganz deutlich, daß es' agitatorisch ist. Gleichviel nach welcher Seite, — es agitiert, es berührt eine politische Tagesfrage, es macht Sensation. Das Stück hat große Vorzüge, aber noch größere Fehler. Es scheint so ein kleiner Familienfehler der Bernsteinschen Stücke zu sein, daß sie gewaltsam das Publikum zu verblüffen suchen. Ist es eine bedenkliche Neigung oder eine Eigentümlichkeit des Talents, — die Lösung dieser Frage möge die Fachkritiker beschäftigen. Unsereiner kann sie nur aufwerfen. Ich für meinen Teil hatte den Eindruck eines Melodramas, freilich nicht in sechs Akten, mit einem Zeitablauf von 30 Jahren zwischen dem fünften und dem sechsten Akt, in dem der ehemalige Millionär als Landstreicher, Bandit und Pirat in Lumpen einherschreitet und bittere Tränen aus unsern kindischen Augen preßt. Nein, dieses Stück ist ja so fein und elegant, so fern von jeder Geschmacklosigkeit und Aufdringlichkeit plumper, schreiender Effekthascherei, die das Melodrama kennzeichnen: aber eins hat Bernstein mit einem Melodramatiker gemein: die rücksichtslose Wucht des sonderbaren Geschicks. Der junge Herzog muß, ausgerechnet, der Sohn eines Juden sein, den er, ausgerechnet, insultieren und zum Duell fordern muß. Vor drei Jahren habe ich den „Voleur* Bernsteins auf der Brüsseler Stadtbühne gesehen. Es war auch so etwas. Man wird paff. Es kann ja vorkommen, daß ein junger Herzog der Sohn eines jüdischen Bankiers ist, und daß er es nicht weiß und daß er Antisemit ist usw. Und weil es vorkommen kann, — ist es fast natürlich, einschmeichelnd. Ein gelungener Coup de maitre. Der tragische Konflikt hat mehr als Kraft, er hat Furie. Die Herzogin will das Unglück, das Verbrechen abwenden. Sie steht zwischen Geliebten und Sohn, zwischen Scham- und Pflichtgefühl. Eine ungeheure tiefe, peinigende Angst, die Sünde und die Reue, die Liebe zum Sohn, — es sind. Abgründe von Gefühlskonflikten, vor denen man förmlich erschrickt. Die Herzogin entschließt sich, vom Jesuitenpater unterstützt, das verbrecherische Duell zu verhindern. Sie begeht dabei die Unvorsichtigkeit (das Melodrama!), ihren Exgeliebten zu sich einzuladen, um ihn zu beeinflussen: Thibault, der zu seiner Mutter kommt, -bemerkt es, gerät zunächst in Erstaunen, nachher in Wut, versteigt sich zu den äußersten Drohungen und entreißt seiner Mutter ein volles Geständnis ihres frühem Verhältnisses mit Gottlieb, der sich ihm nun als sein Vater entpuppt. Ohne dann zu wissen, was mit dem weitern Leben anzufangen, tief beschämt über sein eigenes Halbjudentum, nimmt er sich das Leben, das er der Judenvernichtung gewidmet hatte. Ein richtiger Antisemit. Zum Schluß ruft Justin Gottlieb: Das ist euer Gott, der ihn tötete. Ein starkes Wort. Aber Bernstein hatte doch nicht den Mut, den Vorhang fallen zu lassen. Er läßt nun die Gegenpartei erwidern: Nein, unser Gott liebt uns. Dieses Aphorisma schwenkt nun wieder die Apotheose um. Man folgt dem Stück mit gespannter Aufmerksamkeit. Trotz des vielen Redens und des spärlichen Geschehens ist doch der erste Akt gut, der zweite noch besser. Der erste installiert das Motiv und läßt die einleitende Tat (die Insultierung) erfolgen; der zweite bringt den tragischen Konflikt und die Lösung. Der Antisemit wird zum Halbsemiten, ob er sich das Leben nehmen oder in ein Kloster genen wird, das sollte uns eigentncn egal sein. Der Kerl ist kaput, und alles übrige ist Schnörkel und Drapierung. Der Jesuitenpater beredet ihn, in ein Kloster zu gehen, dann erscheint der Vater (Melodrama!) und reizt ihn in einer so aufregenden Weise, daß er den Selbstmord vorzieht, — das ist der Inhalt des dritten Aktes, der ebenso gut ausbleiben konnte. Die Tragik war im zweiten Akte machtvoll, im dritten hingegen flaut sie ab. Der Selbstmord an sich ist zu banal, die vorangehende Bearbeitung des jungen Mannes durch den Jesuiten einerseits und den Vater anderseits — wirkt zu theatralisch. Und geht man dann nach Hause und überlegt die ganze Sache ruhiger, so sieht man, wie sich die Methode der Verwegenheit der Konfliktdichtungen an der Psychologie rächt. Man war verblüfft, aber dann sagt man sich: nein, zuviel der Überspanntheit, zuviel der Unwahrscheinlichkeiten! Ein Vater würde seinen Sohn meiden, um den Kollisionen aus dem Wege zu gehen. Eine Mutter könnte viele andere Mittel finden, ein Duell unmöglich zu machen. All diese Kombinationen sind keck, aber sie sind nicht psychologisch gerechtfertigt. Eine Mischung von Echtem und Falschem, von wahrer Empfindung und törichtem Melodrama, von tiefem Ernst und bloßem Spiel. Wenn ich mir erlaubt habe, so ausführlich in diesen Spalten über dieses Stück zu schreiben, so ist es 1. wegen seiner großen Aktualität, 2. wegen der Polemik, die es heraufbeschworen, und 3. um den Tagesströmungen gegenüber den jüdischen Standpunkt festzustellen. Ist das Stück philo- oder antisemitisch? Nichts von beiden. Diese nach Pariser Art frisierte Judenfrage ist eine Farce. Ein Verhältnis mit einer Herzogin, Jesuiten dazwischen, das Verhältnis aufgelöst. Gottlieb als Antiklerikaler, aber zugleich auch Mitglied des Jockey-Klubs, — das ist Israel? Ist es nicht zum Tollwerden, sind wir nicht in einem Narrenhause? Wo ist die Arbeit, das Ringen, die Sorge, das Leiden und Streben, die jüdische Ehre, nicht jener bestialische Goi- Trotz mit Mörderinstinkten, sondern die stille, milde, tiefe Stammesehre eines jüdischen Adels? Geduldet oder nicht geduldet im Jockey-Klub, — ist das Leben dazu nicht zu ernst? Wir wollen nicht als vermummte französische Patrizier umhergehen. Wir empfinden dies einfach, wenn nicht als einen Schwindel, so doch wenigstens als etwas Albernes und Häßliches. Man soll jedem ansehen, was er ist, von wem er abstammt, wer in ihm und wie er lebt. Wir sind keine „Snobs", wir leben nicht in den Traditionen des mittelalterlichen Adels, warum sollen wir so tun? Und wenn man uns in einem Jockey-Klub nicht duldet, — ist das die Judenfrage? Ja, zum Teufel, mögen doch die Justin Gottlieb einen Klub für sich haben? Die Jockey-Klubleute sind anders, denken anders, fühlen anders, haben andere Wünsche und andere Sorgen, also wollen sie auch ungestört beisammen bleiben, eben ihrer eignen Art gemäß. Das ist ein natürliches Gefühl. Mögen sie saufen und spielen und sich duellieren, soviel sie wollen. Diese Leichtfittiche des Lebens passen ebensowenig in unsere Gesellschaft, wie wir in die ihrige: Und die ganze klerikale Frage, — daß sie sie selbst ausfechten! Es ist eine Kleinheit, ein Jammer des großen Judenproblems, der uns in diesem Stück entgegentritt. Es ist wahr: man hört schon manchmal im Dialog ein

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