Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 45 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316342--51229-3378852- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Thibault de Croucy. Er schwelgt geradezu in Haß und Hohn, er hat den Instinkt des Galliers, er ist unversöhnlich, übermütig, drastisch, vehement, von einer fast sinnlichen Leidenschaft durchglüht, die Judenbrut auszurotten. Man hat von seinen ersten Worten die Empfindung, daß er sich zur Hauptfigur entfaltet, — zum Generalkämpfer gegen den Israeltypus, gegen das einzige jüdische Mitglied des „Cercle", Justin Gottlieb. Letzterer erscheint auch schon im ersten Akt: verlegen, elend und wirr. Ein Erdenwurm, der im Staube kriecht. Der kecke junge Thibault insultiert diesen Juden. Das macht ihm eine Höllenfreude. Daß der Jude den ihm vom Kopfe heruntergeschleuderten Zylinderhut mit dem Ärmel zurechtglättet dürfte vorläufig die einzige Aktion sein. Sonst ist alles Konversation. Freilich, eine echte Klubkonversation. Das muß man bei Bernstein lernen. Wie sie sind, die „high life"-Menschen, die Klubgesellschaften, -— wenn wir das erfahren wollen, müssen wir zu Bernstein gehen, der weiß es. Die andern, die es so oft schildern, wissen es sehr selten, das merkt man ihnen gleich an: sie denken es sich bloß. Aber Bernstein hat sich nichts ausgedacht, man spürt: er ist dabei gewesen. Er besucht die Klubs und muß den Thibaults einmal, vielleicht mehr als einmal begegnet sein, denn er weiß von ihnen, was man nicht erfinden kann. Er macht uns nichts vor. Man hat das Gefühl, etwas ganz Authentisches zu sehen. Er wirkt wie ein Reporter des „hig hlife". So evident ist seine Schilderung. Das wirkt bestechend, aber nur für den Augenblick. Ein künstlerisches Werk erfordert mehr als die Kenntnis des Milieus. Eine Verkettung von Ereignissen, von psychologisch motivierten Ereignissen, muß zu einem tragischen Konflikt führen. Auch hierin ist Bernstein Meister, aber er ist ein Meister ganz besonderer Art. Er ist ein Draufgänger in der Erfindung der Konflikte, ein verwegener, aber kein gewaltiger Künstler. Er verblüfft, aber er überzeugt nicht. Man wird wie vom Blitze getroffen, es sind Explosionen von Einfällen, — aber nichts mehr. Daß Thibault de Croucy, der junge Sproß eines alten herzoglichen Geschlechts, der sehnige, echtarische, tollkühne Kavalier mit diesem rassigen Gesicht mit dieser Vollblutsmiene, mit diesem Hals, von Trotz und Energie gebläht, und mit dem überhitzten, siedenden, echtgallischen Temperament, dieser romantische Kraftmeier und Scharfmacher des Antisemitismus, dem es einen satanischen Spaß macht, einen Juden, gleichviel welchen, erbarmungslos niederzuhauen, weil er es nicht ertragen kann, daß „das Gespenst auf Gottes Erde noch herumspukt— daß dieser überschäumende Heißsporn selbst der Sohn eines Juden ist und — o Hohn des Schicksals! — desselben Juden, den er soeben öffentlich angerempelt und insultiert hat, den er zum Zweikampf zwang und sich nun anschickt, ihn niederzuknallen, — das ist der Inhalt des zweiten Aktes. Ja, die keusche, stolze, edle Agnes, Herzogin de Croucy, die Mutter des tatendurstigen Antisemiten, hatte einst das Unglück, einer fatalen Leidenschaft nicht entsagen zu können: von ihrem Ehemann, von dem sie jetzt geschieden lebt, verraten, verhöhnt und schnöde verunglimpft, hatte sie sich eines Tages dem jüdischen Bankier Justin Gottlieb preisgegeben, und Thibault ist die Frucht dieser Sünde. Ein dichter Schleier des Geheimnisses fiel auf die Sünde, kein Strahl der Außenwelt vermochte seit damals in dieses Dunkel zu dringen. Der Skandal wurde im Keime erstickt, das Verhältnis gewaltsam aufgelöst; die Priester, der Jesuitenpater de Silvian traten zwischen die Herzogin und den Juden. Alles ist in den Orkus der Vergessenheit herabgesunken. Thibault ist in den altfranzösischen Traditionen aufgewachsen. Die Jesuitenlehren fielen wie ein fruchtbarer Regen auf seine jungen Keime. National-chauvinistische, katholische und royalistische Eindrücke stürmten auf ihn ein, sie durchtobten sein launig übersprudelndes Wesen und peitschten seine Phantasie auf. Die Mutter lebt in Entsagung und Reue, das Haar ergraut: auf dem blassen, edelgeprägten Gesicht schwebt ein Schleier, gewoben von wehmütigen Erinnerungen, dunkel geweinten Tränen, erloschener Lebenslust und tiefer religiöser Andacht. Keine Pose, kein Gaukelspiel, kein raffinierter Aufputz, — die wirkliche Aristokratin, der Inbegriff feinen Geschmacks, edler Bescheidenheit und großer Güte. Auch hier, wie im ersten Akt,, ist die Echtheit der Gestalten und der Umgebung eine bewunderungswürdige. Und wenn ein Bühnendichter das Glück hat, einen Gautier für die Thibault- und eine Rejane für die Herzöginrolle zu gewinnen, so ist ja die halbe Arbeit schon gemacht. Da bricht ein Konflikt aus. Der fatalste tragische Kampf, den man sich überhaupt denken kann. Es graut uns vor dem, was kommen mag. Thibault rennt blind ins Verderben: ohne es auch nur zu ahnen, hat er seinen Vater öffentlich verhöhnt und will ihn obendrein noch ermorden. Will — das ist ein zu schwaches Wort! — er muß ihn ermorden. Denn daß er diesen Jammerlappen von Bankier niederknallen wird, — daran darf man ja gar nicht zweifeln. Zurück kann er nicht, der Gallier „pur sang", der antisemitische Vorkämpfer, der vom Cercle abgöttisch geliebt und gehätschelt wird. Und Justin Gottlieb? Der richtige Marranne, sanftmütig, das große Geheimnis in sich bergend, still, gemessen, aber in gewissen Momenten furchtbar losstürzend, antiklerikal, aber auf die Gesetze der dummen Scheinwelt bedacht. Auch er spricht manchmal wunderbar, er spricht Feuer und Schwefel gegen den Klerikalismus, spricht Leitartikel aus der „rHumanite" — und da blitzt es epigrammatisch. Zu meiner Rechten sitzt ein junger Franzose, kurzsichtig, etwas gebeugt, mit der Stirn eines Intellektuellen und applaudiert. Streng katholisch muß der nicht sein, — denke ich mir. Die Mehrheit klatscht den Aussprüchen Gottliebs, die Minderheit denjenigen des Jesuitenpaters de Silvian Beifall. Es handelt sich um Klerikalismus. Die Parteien im „Theätre Rejane" sind ungefähr so verteilt wie in der Deputiertenkammer. Sofern es sich um das Gesprochene handelt, ist es ein agitatorisches Stück. Agitiert es für oder gegen die Juden? Eine Polemik hat sich schon über diese Frage entwickelt. Der Autor selbst hat auch schon in einer sehr würdigen Weise im „Matin" seinen objektiven Künstlerstandpunkt und sein Stammesbewußtsein — „Stolz," sagt er mit Recht, „darf man auf seine Abstammung nicht sein!" —klargelegt. Ein ehrenwerter Freund sandte mir die Matinnummer zu: es dürfte interessieren, wie sich der ganz moderne und erfolgreiche Bühnendichter zum Judentum stellt. Ich wollte aber das Stück zuerst lesen oder sehen, um ein Urteil darüber zu haben. Und nachdem ich es gesehen (lesen kann man es noch nicht, denn es ist noch nicht im-Druck erschienen) habe, halte ich erst recht für gegenstandslos, was man von irgendeinem Parteistandpunkt