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Die Welt · 1908-11-13 · 45 (13.11.1908) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
45 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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viele derer beherrscht, die jede antisemitische Neigung von sich weisen, ein Bild der Wirklichkeit gegenüberstellen, das seinen Eindruck nicht verfehlen kann." D.e «MM. ™£%*j!S- N»mme"tes „Es ist eine bekannte Redensart: Gott behüte uns vor dem Manne, der dabei gewesen ist! Zurückkehrende Touristen bringen wundervolle Berichte von dem mit, was sie gesehen haben, und seltsame Behauptungen, über die absolut nicht disputiert werden darf, weil sie „dabei gewesen" sind. Herr Luden Wolf hatte einmal ein Interview mit Herrn Sturdza, dem antisemitischen Expremierminister Rumäniens, der ihm sagte, daß der Zionismus ein Beweis dafür sei, daß die Haltung Rumäniens gegenüber den Juden richtig sei. Die Juden seien Fremde und gäben das selbst zu. Und nun sagt Herr Lucien Wolf, der Zionismus sei das große Übel auf dem Grunde der rumänischen Wirren. Beweis: die Worte des Herrn Sturdza selbst. Herrn Wolfs Kenntnis der diplomatischen Verhältnisse Europas soll angeblich erstklassig sein, aber man kann nicht umhin, anzunehmen, daß er, obgleich er — dabei gewesen ist, offenbar zu viel beweist. Rumäniens gegenwärtige Haltung ist dieselbe, die sie Jahrzehnte früher war, ehe Sturdza oder irgendeiner etwas über Zionismus gehört hatten, und das Wachstum der Bewegung in diesem Lande ist nicht zum wenigsten anf die Unbill zurückzuführen, die die rumänischen Juden zu erdulden haben...... Nachdem Rumänien dreißig Jahre lang die Juden verfolgt hat, die sich heiser geschrien haben, um die Unterzeichner des Berliner Vertrags zu veranlassen, ihre Versprechungen zu erfüllen,führtHerrWo!fzustimmenderweise Rumäniens triumphierende Zitierung eines Versuchs der Selbstwehr als prophetisch vorausgeahnte Ursache der jüdischen Verfolgung an . . . Auch Wolfs hohe Autorität wird die Öffentlichkeit kaum davon überzeugen, daß, wenn nicht der Zionismus wäre, alles in Rumänien wohlbestellt sein würde." „ ,„^„ ^. *«:„-i„«An Die „New York Evening Post" beschäftigt Folgen der Assimilation sich»mit dem Jahres]fericht der Unitesd Hebrew Charities und der daraus ersichtlich werdenden Tatsache, daß der Wohltätigkeitssinn der New Yorker Juden ganz erheblich nachgelassen hat. Die — nichtjüdische — Zeitung führt diesen bedauerlichen Umstand auf die Assimilation, das Streben nach Amerikanisierung zurück, jenes Streben, das eben noch von Zangwill als der Weg zur Lösung der Judenfrage gepriesen wurde. Die Zeitung schreibt: „Es ist eine alte Geschichte, daß die Privatwohltätigkeitsanstalten New Yorks nur von einem unbedeutenden Teil der wohlhabenden Klasse New Yorks unterstützt werden. Aber etwas mehr als diese nackte Tatsache sagt, wird in dem jährlichen Bericht der United Hebrew Charities zum Ausdruck gebracht, worin, nachdem darauf hingewiesen worden ist, daß wegen Mangels an Mitteln die Organisation gezwungen war, . letzten Winter ihre Türen zu schließen, die Direktoren erklären, daß nur 257 Personen — und diese nicht alle einmal Juden — auf den dringenden Aufruf im Juni hin etwas beisteuerten. Diese unglaubliche Apathie der größten und reichsten Juden- " gemeinde in der Welt gegen ihre eignen Armen ist nicht allein durch Geiz zu erklären. Seit Jahrhunderten sind die Juden berühmt wegen ihrer philantropischen Unternehmungen gewesen und jetzt sollen die in Amerika verbrachten Jahre einer Generation genügt haben, das jüdische Herz zu töten? Nein, der Grund der Sache liegt tiefer, er liegt teils in der großen Veränderung, welche mit den amerikanischen Juden und auch andern exotischen Rassen und Religionsgruppen vorgegangen ist, mehr aber noch in dem vollkommenen Niedergang des Wohltätigkeitssinns der mittleren Klassen, was man beobachten kann, wohin das Auge auch blickt. Der New Yorker Jude ist sehr begierig, Amerikaner zu werden, aber unglücklicherweise bildet er sich ein, daß er in Verfolg dieses Strebens Glauben, Familie und Rasse wegwerfen muß." | Aron Vecht | Am Sonntag den 8. d. Mts., nachmittags 5 Uhr, verschied in Antwerpen Herr Aron Vecht, Mitglied des Großen A. C, an den Folgen einer Operation, die zehn Tage vorher an ihm vorgenommen worden war. Dienstag den 10. November, früh um 9 Uhr, waren die zahlreichen Freunde und Gesinnungsgenossen versammelt, um dem Verblichenen das letzte Geleite zu geben. Rabbiner Dr. Wiener widmete dem Verstorbenen im Trauerhause einen warm empfundenen Nachruf, worauf der Trauerzug sich in Bewegung setzte. Am Grabe drängten sich die vielen Anwesenden eng beisammen und scharten sich um die trauernde Familie. Kalt schien die Sonne auf die Stätte menschlicher Leiden herunter, kalt durchrieselte es unsere Adern, dieser letzte feierliche Akt greift immer ans Herz. Rabbiner Wiener ergriff wieder das Wort zu einer längeren Rede, in bewegten Worten schilderte er die Tugenden des Verstorbenen, seine Liebe zum Volk und sein felsenfestes Gottvertrauen. Vecht bleibt ein leuchtendes Vorbild, dem nachzustreben wir Lebenden die heilige Pflicht haben. Darauf hielt Herr Jean Fischer folgende Ansprache: Meine Freunde und Brüder! Es berührt mich über jedes Maß des gewöhnlich Schmerzlichen, hier meiner Pflicht zu genügen und dem Verblichenen, um dessen Grab wir alle trauernd versammelt sind, die Grabrede zu halten. Ich verliere hier außer dem Kollegen einen Freund, der mir sein Herz zugewandt hatte, aber ich habe ein dreifaches Mandat zu erfüllen. Als Mitglied des Großen Aktionskomitees bin ich von unserm Präsidenten Herrn Wolffsohn beauftragt, dem Kollegen, dem wackern verdienstvollen Zionskämpfer einen letzten Gruß zu übergeben; im Namen des Landeskomitees der Belgischen Zionisten-Föderation habe ich dem Mitstreiter und Kampfgenossen die letzte Ehre zu erweisen, und auch in meinem eignen Namen habe ich zu sagen, was im Sinne des Verstorbenen an seinem Grabe gesagt werden muß. Wieder stehen wir am Grabe eines Mannes, mit dessen Leib ein Stück unseres Lebens, ein Teil unserer Hoffnung mit in die Erde versenkt wird. Wir stehen da gebeugten Hauptes, gramerfüllten Herzens; die unerbittliche Macht des Todes hat wieder einem reichen, vollwertigen Leben vorzeitig ein Ende gemacht, und wir stehen da, jeder von uns' ein lebendiges Fragezeichen! Und wie die armen, sterblichen Menschen es seit jeher getan, wir fügen uns ins Unwiderrufliche. Die Trauer um den Toten ist meistens nur ein eignes Gefühl des trostlosen Mitleides, das die Oberlebenden mit sich selbst empfinden, denn der Tote ist heimgegangen ins dunkle Reich des Gewesenen, der Ewigkeit, und wir empfinden den Verlust in bitterm Schmerz. Ich scheue mich nicht, es zu sagen: ich beklage uns ob des Verlustes dieses seltenen, edlen Menschen. Ein seltener, edler Mensch ist in Aron Vecht gestorben, ein edler Mensch und ein jüdischer Jude, in der edelsten, höchsten Bedeutung des Wortes; ein jüdischer Jude, eine Kraftnatur, eine ungewöhnliche Erscheinung, auf die wir mit Stolz hinzuweisen gewohnt waren. Merkwürdig wie der Mann selbst war seine Laufbahn. In Elburg neben Amsterdam geboren, ging er in jungen Jahren nach London. Vecht war nicht einer von denjenigen, die dem •Judentum beinahe den Rücken gekehrt hatten und dann zurückkamen, als der neue Ruf des nationalen Lebens erscholl; er war auch keiner von denen, die dem Judentum treu bleiben und von einem jüdisch-nationalen Leben nichts wissen wollen. Vecht war immer schon, vor mehr denn zwanzig Jahren, ein ganzer Jude, und als solcher hat er in London den „Jewish Standard" ins Leben gerufen, in welchem Blatte einige Jahre hindurch ein Kampf für die Chowewe-Zion-Idee geführt wurde. Der „Jewish Standard" hat der fortwährenden Gehässigkeit assimilatorischer Anfeindungen weichen müssen. Aber Vecht war aus dem Kampfe gestärkt hervorgegangen, denn in Neuseeland, wohin er von London ubergesiedelt war, finden wir ihn wieder in voller Tätigkeit für Judentum und jüdische Ideen. Vecht hat den Golus durchkostet; wenn es seiner Arbeit auch gelungen war, daß er nicht als armer Mann durch die Welt wandern mußte, er wanderte doch von einem Land ins andere. Von Neuseeland ging er auf das australische Festland und lebte nacheinander in Sydney und Melbourne. Wo er geweilt hatte, da hinterließ er bleibende Spuren. Oberall rüttelte er die jüdischen Einwohner zu religiösem und nationaljüdischem Leben auf. Oberall trachtete er den Juden die Möglichkeit religiöser Betätigung zu verschaffen, überall entfachte er den Funken nationalen Aufstrebens und gründete zionistische Vereine. Von Australien sehen wir ihn, immer begleitet von seiner mit der Zeit zahlreich gewordenen Familie, nach Südafrika ziehen. Hier hat er dann längere Zeit gewirkt, und ob sein Wirken segensreich war, das wissen wir Zionisten, denn die Südafrikanische Zionistenföderation ist ein Stolz unserer Bewegung. Vecht mit seinem Nationalstolz und seiner festen Gläubigkeit sympathisierte mit den kernigen Buren, mit denen ihn übrigens sein Stammland Holland noch näher verband. Während des Krieges mit England trachtete er durch seinen Einfluß so viel

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