Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 45 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 45 ■■ D1E1 wirklich nicht notwendig ist, mit grandioser Entdeckergebärde Wahrheiten zu verkünden, die doch auf der Hand liegen. Was zu verwirklichen notwendig wäre, das wissen alle und jeder Tag zeitigt neue Bedürfnisse. Es ist schon zum Gemeinplatz geworden, daß die Einführung einer Verfassung in der Türkei neue Perspektiven eröffne, neue und anders geartete Verhandlungen ermöglicht, die Inangriffnahme neuer Maßregeln erfordere. Bilde man sich doch um Gotteswillen nicht ein, daß man in irgend einem zionistischen Kreise dies nicht begreife, oder daß man dort, wo alle Nachrichten zusammenfließen und alle Fühlungen mit den in betracht kommenden Faktoren vereinigt sind, kein Verständnis für die neue Zeit habe und vergeude man doch nicht so viel Pathos in einer Polemik, die auf einer so naiven Voraussetzung beruht! Das Verständnis ist überall sJEELT 5 vorhanden auch die früheren Differenzen zwischen „Politischen" und „Praktischen" sind durch die neue Situation aufgehoben und was man alles jetzt machen müsste — fürwahr der Rahmen eines Zeitungsartikels könnte es nicht fassen. Der Fehler ist, daß man die Kräfteverhältnisse nicht in betracht zieht. Was nützen die Definitionen und die Projekte? Mit ersteren stürzt man jetzt offene Türen ein; letztere erinnern leider an das sprüchwörtliche Bild vom .... Pflaster des Höllenwegs. Was not tut, ist die Kräftigung der Partei, der Ausbau unserer Institutionen, die Mehrung der Mittel. Das ist der Weg einer bewußten und reifen Volkspolitik. So werden wir den neuen und großen Aufgaben gerecht werden, die uns aus der neuen, tatsächlich günstigem Situation erwachsen. N. S. Ein jüdisches Archiv Ober das vom „Verband der deutschen Juden" geplante „Jüdische Archiv" und seine Aufgaben finden wir in der soeben erschienenen Oktobernummer des „Korrespondenzblatts des Verbandes deutscher Juden" folgende beachtenswerte Ausführungen: „Würde die Bibliothek sich auf die Sammlung rein apologetischer Werke beschränken, so würde ihr Umfang sehr gering bleiben. Nicht nur aus älterer Zeit haben wir wenige Schriften dieser Art, auch die neuere Zeit bietet deren nicht viel. Von größern, die jüdische Religion behandelnden Büchern sind nur die verschiedenen Werke von Ludwig Philippson und Samson Raphael Hirsch, die Ethik von Lazarus, die Apologetik von Güdemann und einige ähnliche Schriften zu nennen. Von speziellen Gegenständen hat nur die Rassenfrage, der Talmud und der Schulchan Aruch, die Blutbeschuldigung und die Schächtfrage eine eingehende wissenschaftliche Behandlung erfahren. Aber ein weiter Kreis von Belehrung eröffnet sich uns, wenn wir eine Anzahl anderer größerer Werke durch eine sorgsame Registrierung ihres Inhalts für uns fruchtbar machen. Aus alter wie aus neuester Zeit wären die Würdigungen der Bibel, ihres Inhalts und ihrer Bedeutung für die ganze Menschheit wie sie sich in zahlreichen Werken von Philosophen, Historikern und Theologen finden, zusammenzustellen. Sie könnten vielen Juden zeigen, welch einen Schatz sie besitzen und nicht beachten. Ferner ist die Literatur über die einzelnen Gesetze und Einrichtungen des Judentums, über das biblische und das talmudische Recht, die soziale Gesetzgebung, die Armen-, Kranken- und Wohltätigkeitspflege in der alten Zeit wie in der Gegenwart, über die Medizin, die Speisegesetze und die Beschneidung, den Wert und die Bedeutung der sogenannten Zeremonialgesetze überhaupt, möglichst vollständig zu sammeln. In derjenigen über den Sabbat dürfte die Abhandlung des französischen Sozialisten Proudhomme über den -Sonntag, die zugleich eine Verherrlichung des jüdischen Sabbats ist, ebensowenig fehlen, wie die enthusiastischen Worte des gründlich antisemitischen Professors Lagarde über ihn. an mehreren Stellen seiner Schriften und die freisinnigen Bemerkungen von Arthur Kahn über die Psychologie der Sabbat- und die der Sonntagsfeier. Eine Fülle vortrefflicher Gedanken und wissenswerter Tatsachen ist weiter in den vielen kleinen Schriften zerstreut, welche die Empörung über die antisemitische Bewegung hervorgerufen oder die überhaupt irgendeine spezielle Frage veranlaßt hat Ebenso verhält es sich mit unsern vielen jüdischen Zeitschriften, die seit etwa hundert Jahren erschienen sind. Aus besondern Veranlassungen und unter tiefen Eindrücken haben da Männer und Frauen der verschiedensten Be.rufs- und Bildungskreise zahlreiche Artikel veröffentlicht, die über das Judentum, sein Leben und seine Geschichte geistvolle Betrachtungen und Charakteristiken, sowie seltene und kostbare Beiträge zur jüdischen Volkskunde, interessante Mitteilungen und Abhandlungen über die Tätigkeit der Juden, ihren Handel und Wandel, ihre Beziehungen zu den Nichtjuden und die mannigfaltigsten Nachrichten enthalten, die für eine umfassende jüdische Apologetik von größtem Werte sind. Die Existenz dieser Abhandlungen, der Broschüren wie der Zeitungsblätter, ist heute nur noch wenigen bekannt. Und doch können sie demjenigen, der sich mit diesem wichtigen Gegenstande beschäftigen will, sehr nützliche Fingerzeige bieten. Es ist überhaupt eine dankbare Aufgabe, das Wertvolle in unserer Zeitschriften- und Broschürenliteratur zusammenzustellen, die einzelnen Nummern, soweit sie noch vorhanden sind, den Schriften für ein bestimmtes apologetisches Gebiet anzureihen und auf die nur in geschlossenen Jahrgängen sich findenden in den anzulegenden Literaturverzeichnissen hinzuweisen. Das neu anzulegende apologetische Archiv ist für die Sammlung und Ordnung aller einigermaßen wichtigen Artikel und Notizen bestimmt die von jetzt ab in den Zeitschriften — den jüdischen wie den nichtjüdischen — erscheinen. Eine solche Sammlung hat viele Jahrzehnte seines reichen und arbeitsamen Lebens hindurch der am 20. September aus dem Leben geschiedene Sanitätsrat Dr. Salomon Neumann unterhalten. Aus den verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, die ihm zu Gesicht kamen, schnitt er alle ihn interessierenden Nachrichten über die Juden aus und stellte sie unter bestimmten Rubriken zusammen. Diese kostbare Sammlung hat er noch bei seinen Lebzeiten mit seiner großen Büchersammlung der Bibliothek der jüdischen Gemeinde vermacht. An sie und ihre Anlage wird anzuknüpfen und ihr werden die seit ihrem vor mehreren Jahren erfolgten Abschlüsse erschienenen Nachrichten und Notizen anzuschließen sein. Das Archiv hat die Lebensbeschreibungen und Charakteristiken der Männer, welche in den Dienst der Aufgaben und Interessen des Judentums sich gestellt zu sammeln, aber auch Mitteilungen über Juden von hervorragender praktischer Tätigkeit, in der Technik, der Industrie und dem Handel, deren Unternehmungen zu großer nationaler Bedeutung gelangt sind, über die ausgedehnte soziale und gemeinnützige Wirksamkeit einer großen Anzahl jüdischer Männer und Frauen, über die Leistungen namhafter jüdischer Gelehrter und Schriftsteller auf den verschiedensten Gebieten, über die politische Wirksamkeit von Juden da, wo die staatliche Laufbahn ihnen eröffnet ist. Zu sammeln sind weiter auch die Berichte und Nekrologe über solche Juden, die ihres Glaubens wegen in ihrem Heimatlande für ihren Beruf keine ihnen zusagende Stellung finden konnten, deshalb in das Ausland wandern mußten und dort zu Amt und hervorragender Wirksamkeit kamen, wie auch diejenigen von solchen, die trotz ihres anerkannten Wissens und Talents der Lehrkanzel, für die sie geschaffen waren, entsagen mußten, bescheiden in einen stillen oder privaten Wirkungskreis sich zurückzogen, und auch da rastlos tätig der Wissenschaft dienten und mit gediegenen Leistungen sie bereicherten. Die sich aus dem Ganzen ergebende Fülle verschiedenartiger interessanter Lebensläufe und deren Zusammenstellung wäre die beste Widerlegung des Geredes von dem „zerfetzenden Geiste der Juden", von ihrer vorwiegenden Neigung zur Kritik und Negation, von ihrer der Initiative und schöpferischen Kraft entbehrenden Tätigkeit. Sie würden solchen Vorstellungen, die auch 2* -••*' 5&££&%itäsää^MM :V-^:ÄfeysA2