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Die Welt · 1908-11-06 · 44 (6.11.1908) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
44 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Er weiß aus Dinerer Erfanrung, was das Gottesgnadentum der Könige bedeutet, welche elende Last es für ein Volk ist, das tote Gewicht eines Adels zu tragen, dem anzugehören unsere ersten Familien sich bemühen, koste es, was es wolle. Die Einwanderer kommen, um auf den Rechten und der Würde der einfachen Persönlichkeit zu bestehen, und sie sind mit jeder Faser ihrer Seele Amerikaner. Sie haben dieselben Sorgen, die die amerikanischen Vorväter bewogen haben, den Grund zu diesem Staate so zu legen, wie sie es getan haben. Und kein Volk, das hier ankommt, ist mehr mit solchen Ideen erfüllt, als die Juden, die die meiste Ursache gehabt haben, nach ihnen zu verlangen und nach ihnen sich zu sehnen. Zangwill sagt zu uns: Vertreibt den Einwanderer, und ihr werdet nicht imstande sein, eure Demokratie als solche zu erhalten. Wir brauchen die Einführung einer gesunden Armut und Sehnsucht, so wie der strebsame Einwanderer sie uns geben kann. Dieses Problem ist wohl ernster Erwägung wert. A_ j A - Der bekanntlich scharf An der Sp.tze der Ass.rmlanten ant5zionistische „American Israelite" schreibt in seiner Besprechung von Zangwills Drama „Der Schmelztiegel": .... Zangwill hat sich in eine Linie mit den alten Propheten in Israel gestellt. Sein Stück ist eine Prophezeiung und enthält außerdem eine Botschaft. Es ist ein ruhmvolles Ideal, das uns das Stück vorführt, aber es ist utopisch und phantastisch. Hier finden wir den ehemaligen Zionisten und jeteigen Itoisten, wie er sich selbst an die Spitze der Assimilationisten stellt. Die chamäleonartigen Verwandlungen, denen sich Zangwill mit der Schnelligkeit eines Proteus unterzieht, sind bemerkenswert. Sie sind ein neuer Beweis dafür, daß das Genie Gesetzen nicht unterworfen ist. Genie ist ein Gesetz für sich selbst und macht und bricht Gesetze, um seinem flatternden und kapriziösen Willen zu folgen. Jeder gute Jude muß Interesse an dem Stück nehmen noch aus einem andern Gesichtspunkte heraus. Als Kunstwerk kann das Stück es mit den besten Werken aufnehmen, die in den letzten Jahren auf die Bühne gebracht worden sind; seine Tendenz indessen, die die allgemeine Note betont, würde, falls sie verwirklicht würde, den Tod und die Auflösung des Judentums bedeuten. Ich wenigstens glaube nicht, daß die Lösung der Judenfrage gleichbedeutend ist mit ihrer Auflösung. Ich glaube nicht, daß die Zeit gekommen ist. zu erklären, das Judentum sei bankerott, und daß es, da es sich selbst in dieser hoffnungslosen Lage befindet, bereit sei, absoluten Selbstmord zu begehen. Die Tendenz des „Schmetetiegels" führt aber zu diesem Schlüsse^ Sie möchte den „Gott unserer Väter" vergessen machen und den „Gott unserer Kinder" anrufen. Sie möchte unsere alten Oberlieferungen und Gewohnheiten vergessen machen und ihr Antlitz geradeswegs auf die Zukunft richten. Indessen mit all unserer Vortragskunst kann die Vergangenheit nicht weggewischt werden, und wir sind an sie mit tausendgliedrigen Banden gebunden. Die Ungleichheit der Meinungen, wie sie von den Hauptpersonen des Stückes vorgetragen werden, zeigt, wie unmöglich, wie wertlos die unterschiedlose Vermischung von Rassen und Religionen seih würde._ Es darf die Aufgabe jedes modernen Lehrers und Predigers sein, das luftige Ideal der allgemeinen Vermengung der Rassen und Religionen hoch zu halten, aber ihre Verschmelzung darf nicht aufgebaut sein auf der vollständigen Vernichtung eines Volkes und einer Religion, die Jahrhunderte und abermals Jahrhunderte der Verfolgung und Unterdrückung widerstanden hat, und das ist es, was Zangwills 'Stück für das Judentum . bedeutet...... Orientalische Zeitungsenten und unsere Presse ^äntino^eler Zeitung brachte vor einigen Wochen eine Zuschrift, deren Autor sich über die Absonderungsgelüste der Bulgaren, Armenier, Griechen und Kreter („cretins") lustig machte. Um das Bild vollständig zu machen, zog der politische Witzbold auch „die Zionisten" heran. Lauter Ansprüche, jeder verlangt ein Stück für sich — das war der Sinn dieser Satire. In bezug auf die Zionisten war dieser Sinn selbstverständlich Unsinn, aber die Abrundung des Themas erforderte diesen Zusatz. Es äst zwar dumm, aber es reimt sich doch. Auf einige ängstliche Gemüter türkischer Juden hat dieser verfrühte Faschingsscherz einen so beunruhigenden Eindruck gemacht, daß sie es für angebracht hielten gegen die Zumutung, sie seien Zionisten und möchten ein Stück der Türkei an sich reißen, einen energischen Einspruch zu erheben. Also ein dummer Scherz, daraufhin ein geharnischter Protest und damit wäre die Sache .abgetan, wenn unsere Presse diese Albernheit nicht aufgegriffen hätte. Aber aus dem Ei der kleinen Tagesente hat unsere Presse geflissentlich einen ganzen Entenschwarm ausgebrütet: Das hebräische Woshenblatt Ha-Mizpeh schließt aus dem Protest der türkischen Juden, die zionistische Leitung beginne eine diplomatische Aktion, bei den Großmächten. Das wohlunterrichtete Blatt behauptet dieses auch aus anderer Quelle bestätigt zu wissen und" nimmt Anlaß, die Leitung über die Inopportunität eines solchen „Schrittes" und über die eigentlichen Ziele der Balkankonferenz wohlwollend zu belehren. Dabei bleibt es noch nicht. Der jiddische „Haint" .in Warschau gibt die Nachricht mit großen Typen wieder, und ist die Sache einmal ins Rollen geraten, so kann man sich die weitere Entwicklung dieser Bombe leicht denken. In den amerikanischen Redaktionen wird man die größten „üg-melech-ha-baschan -Typen", über die die Druckereien verfügen, heraussuchen, um die Mär in hundertfacher Vergrößerung hinauszutrommeln. Es wäre zu komisch, solche Verstiegenheiten mit ernster Miene zu dementieren; es genügt, auf den Ursprung hinzuweisen. Jemand macht sich einen Scherz, die Angstmeier weisen mit großem Pathos seine sarkastische Zumutung zurück, die Dritten ziehen schon Schlüsse über ungeaunte Absichten, und so wuchert das -Unkraut des Humbugs immer weiter. Diese Barnumwirtschaft in unserer Presse ,wird nachgerade unei träglich. Wir fragen: ist es zulässig, Dinge von einer solchen Tragweite eilfertig, ohne früher — was das einfachste in der Welt ist — anzufragen, ohne zwischen Scherz und Ernst zu unterscheiden, ohne ,den Ursprung zu prüfen und die Bedeutung zu erwägen, an die große Glocke zu hängen? AUS DER BEWEGUNG Herr Wolffsohn begab sich anfangs dieser Woche mit Herrn N. Sokolow nach Paris, wo er mit Herrn J. H. Kann und Herrn Dr. N. Katzenelsohn eine Zusammenkunft hatte. Die Herren benutzten diese Gelegenheit, um in Anwesenheit der Herren Dr. Max Nordau und Dr. Alexander Marmorek und der aus London eingetroffenen Herren J. Cowen und J. L. Greenberg die durch die gegenwärtigen Ereignisse gegebene Lage nach allen Richtungen gründlich zu erörtern. Deutschland Köln: Samstag den 31. d. M. veranstaltete der hiesige „Herzlklub" seinen ersten öffentlichen Vortragsabend in der diesjährigen Saison. Herr Julius Berger sprach über Arthur Schnitzlers letztes Werk „Der Weg ins Freie". In einstündiger fesselnder Rede schilderte der Referent die charakteristischen Gestalten, die im Romane vorkommen. Der Dichter habe im „Weg ins Freie" die Wiener jüdische Gesellschaft in all ihren Abstufungen in einer bisher unerreichten plastischen Weise dargestellt. Zum ersten Male hat ein großer Künstler das moderne jüdische Problem unsrer Zeit zum Gegenstand seines künstlerischen Schaffens gemacht, und daher gebührt ihm unser Dank. Aus verschiedenen charakteristischen Stellen des Buches, die der Referent zitierte, lasse sich eine Stellungnahme des Dichters zu den grundliegenden jüdischen Problemen ableiten. An das Referat das die zahlreich erschienenen Miiglieder und Gäste beifällig aufnahmen, schloß sich eine anregende Diskussion, an der sich die Herren Schneider, Reinhardt, Monossohn, Groß, Löwendahl und Pollak beteiligten. In vorgerückter Stunde schloß der Vorsitzende diesen ersten sehr gelungenen Abend. 15 neue Mitglieder haben ihren Beitritt angemeldet. Duisburg: „Die hiesige Vereinigung eröffnete die Reihe der diesjährigen Veranstaltungen am 27. v.M. durch einen Vortrag des Herrn Carl Levy-Köhi über „Die gegenwärtige Lage im Zionismus." Nach einer kurzen Einführung über die Bewegung überhaupt zeigte der Redner, wie die zionistische Idee weitere Kreise immer mehr in ihrem Tun zu beeinflussen beginnt Er kam dann auf die politische Umwälzung in der Türkei zu sprechen und

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