Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 44 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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'schilderte eingehend die Möglichkeiten, die die neue Lage herbeiführen könnte. Wie die Verhältnisse sich auch weiter entwickelten, der Zionismus könne von der Neugestaltung nur Gutes für sich erwarten. An die Ausführungen des Redners, die mit mit großem JBeifall aufgenommen wurden, schloß sich eine lebhafte Diskussion." Hamburg: Am 22. Oktober sprach Dr. Halpern in der zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona über „Die allgemeine jüdische Konferenz in Berlin und die großen jüdischen Organisationen". Er führte etwa aus: Wie sich auf dem Gebiete allgemein gesellschaftlichen Lebens eine Entwicklung von der auf autokratischer Grundlage beruhenden 'Wohltätigkeit zu systematischer sozialer Tätigkeit mit demokratischem Charakter vollzogen hat, so zeigt auch die Entwicklung auf jüdischpolitischem Gebiete eine Abkehr von den veralteten Formen jüdischer Wohltätigkeitsaktionen. Die Ica war eine solche autokratische Wohltätigkeitsinstitution, die Alliance Israelite zwar nicht theoretisch, aber praktisch. Die Masse der östlichen Juden diente den materiell höherstehenden westlichen Juden als Objekt der Wohltätigkeit, ohne selbst über ihr Schicksal mitbestimmen zu können. Das mußte in ihnen, die sich ethisch und intellektuell gleichwertig fühlten, Verbitterung erzeugen; es entstand eine Disharmonie. Erst der Zionismus legte nach demokratischem Prinzip die Entscheidung über jüdisches Geschick nicht in die Hände einzelner reicher Wohltäter, sondern in die Hand der Beteiligten selbst. Auch der „Hilfsverein der deutschen Juden" war bemüht, Kleinliches zu vermeiden. In der Frage des Fortbestandes der Juden huldigte man früher teils der.Theorie der Zerstreuung und Aufsaugung der Juden, teils der Theorie der materiellen Hebung der Juden in ihren jetzigen Wohnländern. Demgegenüber hat sich der Gedanke der Notwendigkeit geschlossener jüdischer Kolonisationen siegreich durchgerungen. Schon in Brüssel wurde von zionistischer Seite versucht, eine dauernde Koperation aller jüdischen Organisationen herbeizuführen, aber durch den freiwilligen Ausschluß der Alliance und Jca blieb die Konferenz ein Rumpfparlament. Die in veralteten Gedankengängen befangenen Vertreter dieser Organisation hatten für die neue Situation und die Forderung des Tages kein Verständnis, sie blieben auch der jüngst in Berlin abgehaltenen Konferenz fern, dagegen nahmen der Zentralverein, der Hilfsverein, die. Logen usw. teil. Wenn alle diese Organisationen mitsamt den Zionisten sich zusammenschließen, so bilden sie auch ohne die Ica und Alliance einen bedeutenden Faktor in der Judenheit. Ein solcher Zusammenschluß ist zwar noch nicht geglückt, aber die Konferenz hat erkerfnen lassen, daß unbeschadet sonstiger Differenzen auf einem Gebiet nämlich der kolonisatorischen Arbeit, völlige Einigkeit herrscht, auch Einigkeit darüber, daß der Orient zur Kolonisation geeignet ist, und daß an der- Basis der Autonomie festgehalten werden muß. Es gibt ein Gegenwartsprogramm, die Forderung der in Palästina befindlichen Juden und derjenigen, die hinkommen wollen. Dort muß neben der Landwirtschaft durch Gewährung von Krediten die Industrie gehoben werden. Wenn diese Erkenntnis endlich überall durchgedrungen ist, so ist das zum großen Teil der Tätigkeit der Zionisten zu danken. Der Vortrag fand den verdienten Beifall. Der Vorsitzende Dr. Kalmus teilte darauf mit, welche Veranstaltungen für die nächste Zeit von der Ortsgruppe vorbereitet werden. Am 9. November wird Herr Pastor Eberhard, der bekannte Palästinaforscher, über „Volksleben in Palästina" sprechen. Herr Rabbiner Dr. Löwenthal hält Vorträge aus dem Gebiet der jüdischen. Geschichte; diese Veranstaltung erfolgt seitens der zionistischen Ortsgruppe gemeinsam mit der Loge und dem Talmud-Thora-Verein. Ferner wird Herr Gustav Tuch über Chamberlains Grundlage des 19. - Jahrhunderts sprechen. Am 26. Dezember findet die diesjährige Makkabäerfeier "in Form eines Kostümfestes statt. Der Oberschuß fließt den jüdischen Palästinainstitutionen zu. Auch die Frauengruppe plant eine umfangreiche Tätigkeit für den Winter. Es hat sich ferner eine Agitationskommission gebildet, die es sich zur Aufgabe macht, in den Kreisen außenstehender junger Leute Interesse für unsere Sache zu erwecken. ' Sie veranstaltet zuerst eine Versammlung mit dem Thema „Die wirtschaftliche Stellung der deutschen Juden". Kiel: Die zionistische Ortsgruppe hielt zusammen mit dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur ihren ersten Vortragsabend dieses Winters am 29. Oktober ab. Herr Dr. Halpern- Hamburg sprach über das Thema: „Die Umgestaltung des Orients und ihre Bedeutung für die Juden." Ausgehend von der Notabelnversammlung in Berlin, schilderte Redner die modernjüdischen Bestn-bungen unJ Arbeiten im Orient, wobei er großen Wert auf die Gründung des Technikums legte. Eine besondere Förderung der Kolonisationsmöglichkeit versprach er sich von der im-Anschluß an die Verfassung zu erwartenden Verbesserung der Agrargesetze. Da nun derjenige berechtigten Anspruch habe, etwas zu erlangen, von dem man erwarten dürfe, daß er das Erlangte zu behalten die Macht habe, schloß Redner mit der Aufforderung an alle Juden, mitzuarbeiten, daß die Juden in dem Nationalitätenstaate Türkei diese Macht erhielten. Reicher Beifall der erfreulicherweise zahlreich erschienenen Zuhörer folgte den trefflichen Ausführungen. Österreich Distriktstag des westgalizischen Distriktskomitees (Originalbericht) Am 1. November tagte in Tarnow die Jahreskonferenz der westgalizischen Zionisten, welche, behufs Stellungsnahme zu den wichtigsten Fragen des Zionismus und Entgegennahme des Berichts des abtretenden Distriktskomitees einberufen, sehr stark besucht war und einen überaus imposanten Verlauf nahm. An den Beratungen nahmen teil als Vertreter des Zentral- Komitees dessen Obmann Dr. Braude, als Vertreter des Jüdischen Klubs Abg. Dr. Gabel. Neben 7 Vertretern des Krakauer D.-K. waren 15 Städte durch 38 Delegierte vertreten. Das A.-C.-Mitglied für Westgalizien Dr. Salz war leider durch eine Krankheit verhindert, an der Konferenz teilzunehmen. — Im Namen des D.-K. begrüßte dessen Obmann, Dr. Hilf st ein, die Delegierten in einer kurzen hebräischen Ansprache. Hierauf ergriff Dr. Braude das Wort, um im Namen des Lemberger C.-K. auf die nächsten Aufgaben, vor die unsere Partei gestellt ist, hinzuweisen, und besonders auf einen Mangel, an dem die Partei immer gelitten hat, nämlich den Mangel an hinreichenden materiellen Mitteln, der jede ersprießliche Tätigkeit unmöglich macht. Im Namen des Jüdischen Klubs begrüßte Abg. Dr. Gabel die Konferenz, hob insbesondere das innige Verhältnis zwischen dem parlamentarischen Klub und der zionistischen Organisation hervor und forderte zu einer weitern gemeinsamen, aber intensivem Arbeit auf. Hierauf wurden ins Präsidium Dr. Hilf stein als Vorsitzender, Gg. Ing. Leuchter und "Gg. Pamm als Vizepräsidenten Frl. Bierer, Gg. Sitzer, Hoffmann und Klein als Sekretäre gewählt. Den Kassenbericht erstattete Dr. Wahrhaftig und konstatierte eine allgemeine Besserung der finanziellen Lage. Obwohl heuer kein Kongreß stattfindet und die Anzahl unserer Schekel^ahler, wie schon früher durch die „Poale-Zion", jetzt auch durch die „Mi rachi" verringert wurde, wurde dennoch eine nicht unbedeutende, von der vorjährigen nicht verschiedene Anzahl von Schkolim verkauft (über 1200). Die Parteisteuer als neues Deckungsmittel der Ausgaben des C.-K. und des D.-K. fange erst an sich einzuleben und weise deshalb noch keine befriedigenden Resultate auf. Unser Anteil, an der Sammlung für den Parteifonds sei ein ziemlich großer (über 600 Kr.), obwohl' unser Distrikt räumlich klein ist Auch wurde auf Aufforderung des Prof. War bürg im hiesigen Distrikt eine beträchtliche Anzahl von Anteilen der „Palestine Land Development Company" subskribiert und eingezahlt. Im Namen des abtretenden D.-K. gibt Dr. Bulwa den allgemeinen Rechenschaftsbericht Das zionistische Bewußtsein sei im Wachsen begriffen. Speziell für Partei- und Nationalfonds sei viel gesammelt worden. Ober 30 Vereine arbeiteten für die zionistische Idee, — in Krakau selbst wurde ein jüdischer Turnvein, eine jüdische Toynbeehalle gegründet resp. weitergeführt u. a. m., — viele Vereine wurden neu belebt Eine Erleichterung erfuhr das D.-K. durch die Einteilung in 3 Kreise, von denen der Tarnower und Rzeszower bereits regelmäßig funktionieren, während der Kreis Jaslo wegen Mangels an genügenden Kräften noch manches zu wünschen übrig läßt. "Im allgemeinen entfaltete das D.-K. in diesem Jahre eine reiche Tätigkeit, die viele nachahmungswerte Institutionen ins Leben rief. Unter anderm hebt Redner die Neujahrspost hervor, welche dank der aufopfernden Arbeit unserer Schuljugend viel für den Nationalfonds leistete. Ober den Nationalfonds berichtete Dr. Hilfstein und beklagte es, daß unsere N.-F.-Sammlungen noch immer nicht die gewünschte Höhe erreicht haben. Nichtsdestoweniger ist zu verzeichnen, daß sie bedeutend gewachsen sind (über 5000 Kr. in den letzten 1-0 Monaten). Eine ansehnliche Summe wurde für Ölbäume im Herzlwalde gesammelt,und besonders hervorzuheben ist die Tätigkeit des Krakauer Sharesklubs und der Filiale in Tarnow, die eine beträchtliche Zahl von Aktien der Jüdischen Kolonial-Bank, zumeist gegen Ratenzahlung, verkauft hat. Den Budgeteritwurf legte Gg. Dr. Leser vor. An diese Berichte knüpfte sich eine längere Diskussion, in der als erster Dr. Syrop sich anerkennend über die Tätigkeit des D.-K. äußerte und Anspielungen auf einige Ausschreitungen gegen die Disziplin machte, die er geahndet sehen möchte.