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Die Welt · 1908-11-06 · 44 (6.11.1908) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
44 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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- ■^9ff^^^^^-,!^3pS^ ' ■So. 44 DIE:^ braucht nicht lange gelernt zu werden, das Auswendiglernen der Dogmen genügt, aber eine Lehre muß gelernt werden. Ein wissendes Judentum ist kernhaft, kraftvoll, begeistert; ein unwissendes ist entsaftet, flau und geht dem Untergange entgegen.- Instinktiv haben auch schon die Kreise, die den jüdischen nationalen Gedanken nicht erfaßt haben, dennoch die hochbedeutende Wichtigkeit des „Lernens" begriffen. Dieses „Lernen" wieder aufzunehmen, — dazu sind die Vereine, Vorträge, Kurse und Bibliotheken bestimmt. Wenn wir dieser Erscheinung nachgehen, sehen wir, wie der jüdische Geist in seiner Not strebte und — irrte. Die Irrtümer sollen das Streben in unsern Augen nicht herabsetzen. Zeigen wir, daß wir es tiefer erfassen und besser machen! Für uns soll das Lernen nicht nur das engbegrenzte Gebiet eines antiquarisch zugestutzten Judentums, sondern alles Jüdische umfassen, das alte und das neue, den Glaube und die Phantasie, die Forschung und das Leben, die Geschichte früherer Zeiten und die Verhältnisse, in denen das Volk jetzt lebt. Jeder muß sich bestreben, so viel als möglich von all dem zu wissen. Nur in dieser Weise wird das Bewußtsein erhalten und das Empfinden genährt. Ist es möglich, jüdische Vorträge im zionistischen Geiste zu halten? Nicht nur möglich ist dies, sondern auch unvermeidlich, selbstverständlich, wenn auch unbeabsichtigt. In der Behandlung eines jüdischen Sujets durch einen Nationaljuden — lieber möchten wir sagen: durch einen Juden — muß die Eigenart des Gegenstandes mehr zur Geltung gebracht werden. Wir sind uns selbst treuer; wir setzen an Stelle des Allgemeinen das Spezifische und an Stelle des Universellen das Charakteristische. Die jüdische Wirklichkeit, die so reich ist an Farben, so verschiedenartig und widerspruchsvoll, scheint uns wahrer und belehrender, auch menschlicher als die Kopie, die Verschönerung, die Vertuschung. Wir sind von dem Wunsche beseelt, in dem Volke zu wirken, in dem wir leben und dem wir angehören. Es scheint uns eine befreiende Tat, befruchtend für die Wahrheit und das künstlerische Schaffen; sie eröffnet der Dichtung eigene Quellen und gießt ihren Gestalten ein eigenes und reicheres Leben in die Adern. Wir wollen nicht das Färb- und Zeitlose, das Weltbürgerlich-Kühle und Entnationalisierte. Wir streben nach geschichtlicherTreue und künstlerischem Genre. Unsere Jesaias lebten in Jeruscholaim und unsere Maimonides sind Rambam's. Das ist die Pointe! Wir haben unsere Renaissance vielleicht nicht durchgeführt; wer weiß, ob wir sie schon begonnen haben? Aber sie liegt in der Konsequenz unserer Bestrebungen. Neues Leben muß erblühen, wenn wir an unserm Prinzip festhalten. Alle geistlos mechanische Spezialistenarbeit, alles sinnlos eifrige Sammeln und Bestimmen und Klassifizieren, alle diese systematischen und bibliographischen Wertlosigkeiten und Spielereien, worin sich die Tätigkeit einesSpezialisten erschöpft, die ganze geistige Tagelöhnerexistenz eines Spezialforschers schrumpft unter dem Gesichtspunkte neuen Lebens auf ihren wirklichen Wert zusammen: sie liefert nur .das Rohmaterial, sichtet und ordnet das Vorhandene. Dafür erstehen große Aufgaben auch für die Bescheidensten, eine neue Wertung der Judentumsbegriffe als Morgenröte eines beginnenden Tages, an dessen Mittag das leuchtende Ziel eines KELT — 5 nationalen Verständnisses und eines wirklich jüdischen Geisteslebens winkt. Die Geschichtsforschung soll nicht herabgesetzt werden, aber man soll der Schwierigkeiten einer richtigen Darstellung bewußt sein. Es ist schwer glaublich, daß wir den Geist, den wahren deus ex machina vergangener Zeiten wirklich erfahren können, — drücken doch die Überlieferungen, ja alle Sprachen hundert Stempel ihres eigenen Geistes darauf, und was uns jene Zeiten an aus ihrem Wesen heraus gezeugten Werken hinterlassen haben, das ist ja für uns nur ein Abbild, ein Fossil, von dem wir nur so viel verstehen können, als davon unserer Seele ähnlich und daher zugänglich ist. Man kann ruhig sagen: das assimilierte Judentum vermag nicht, den Geist der Alten zu erfassen, und daß dies uns, die die Sprache der Alten sprechen und in ihrem Gedankenkreis leben, viel leichter ist. Und trotzdem sind wir nicht für ein ausschließliches Grübeln in der Vergangenheit. Für uns ist die Gegenwart ebenso lehrreich, nur ist der Stoff noch in Gährung. Diesen Stoff aus dem Chaos heraus zu schaffen, ist Sache der kleinen Schar' unserer geistigen Kämpfer, unserer Schriftsteller, Dichter und Künstler. Möge man sie an die Belehrungsarbeit durch Wort und Schrift heranziehen, daß sich ihr Schaffenstrieb angeregt fühle, und bringe man alle, auch die bescheidensten Kräfte in Reih und Glied, damit eine fruchtbare und gedeihliche jüdisch-moderne und zionistische Propagandatätigkeit auf den breitesten Grundlagen bei uns einsetze! Dazu bedarf es des Eifers und der opferfreudigen Förderung seitens der Gesamtheit. Es wäre eine arge Verirrung, eine die Gesamtheit entlastende Täuschung großzuziehen, als ob irgendeine Leitung imstande wäre, aus sich heraus all das zu schaffen. Was man verleihen kann, das ist die Stoßkraft, der Impuls, die Anregung, — und wievielmal sind sie gegeben worden! Sie seien hier noch einmal gegeben! Und mehr als das. Bereitwilligst bietet unser Mittelpunkt seinen Einfluß und seine Anregungen an. Keine Mühe wird er nach dieser Richtung sparen, keine Anfrage unbeantwortet und kein Verlangen — wenn es nur im Bereich der Möglichkeit liegt — unbefriedigt lassen. Fehlen die Ideen für die Propaganda, fehlen die interessanten Probleme? Nein, es fehlt das große allgemeine Interesse, der eigene Ansporn, die Mittel! Die Zeit, in der wir leben, trägt zukunftverheißende Keime in sich. Es erstehen neue Ziele, Aufgaben sind vorbehalten, für die man früher kein Verständnis hatte und die jetzt an die Tür pochen, an die Tür der Unvorbereiteten! Wenn diese Zeit uns hilft, den Mißmut zu überwinden, wenn sie uns zur Quelle unserer Begeisterung zurückführt, und wenn sie uns lehrt, daß wir jetzt, endlich jetzt einmal beginnen, eifrig unsere Arbeit, die Arbeit der Belehrung, der Propaganda und der Gewinnung der Massen, von der alles abhängt, zu betreiben, damit sie reiche Früchte zeitige, — so hat sie genug getan. Sorgen wir für ein großangelegtes, intensives und ausgebreitetes System der Vorträge! Wir rüsten uns nach Kräften. Mögen alle Landesorganisationen, möge die Gesamtheit sich aufraffen — für das Belehrungswerk, für die Geistesarbeit, für das Wissen und Empfinden! N. S.

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