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Die Welt · 1908-11-06 · 44 (6.11.1908) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
44 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Deshalb sorgen wir für jüdische Vorträge, daß sie unsern Geist wiederspiegeln und daß sie der jüdischen Welt zeigen, mit welcher ursprünglichen Frische und mit welcher originellen Lebendigkeit wir auch auf einem fast ausgebeuteten Gebiet Neues und Wirkungsvolles zu schaffen vermögen durch Heranziehung von Stoffen, die man anderwärts aus irgendwelchen Gründen ausgeschlossen hat! Und sprechen wir. auch dasselbe, so sprechen wir es mit andern Akzenten. Wir müssen das traditionelle jüdische „Lernen" wieder aufnehmen. In seinen Anfängen, im naiven Kindesalter, gefiel sich unser Freisinn darin, das wirklich sonderbare und eigentümliche „Lernen" der Juden, das Hocken über alten Büchern, die unaufhörlichen Studien, die von alt und jung betrieben worden sind, mit frivolem Hohn und sarkastischen „echtjüdischen"" Witzen zu überschütten. Der überkluge Liberalismus richtete seine beißende Satire gegen jene Menge von „Gelehrten", die alte Bücher lesen und alte Texte wiederholen, ohne daß jemand auch nur begreifen konnte, zu welchem Zwecke diese Arbeit dienen mag. Wo in aller Welt ist eine Religion vorhanden, deren Bekenner aus der großen Masse, dem geistlichen Stand nicht angehörend, sich trotz größter Notdurft, Berufspflichten und geschäftlicher Hast, trotz schwerster Oberbürdung mit den Sorgen und dem Verdruß des täglichen Lebens die Zeit abringen, um sich ins Studium religiöser Bücher zu vertiefen? Wozu „lernen" diese Kaufleute, Krämer, ja oftmals auch Handwerker, von Zeit zu Zeit, während ihres ganzen Lebens? Auch der reifere „Fortschritt" pflegte über dieses Mysterium, in das er nicht einzudringen vermochte, Glossen zu machen, die weniger höhnisch, aber desto dumpfer und schwerer verdammend klangen. Von der Höhe seines Thrones, vom Wohlklange seiner eignen Phrasen . berauscht und gewohnt, alles andere, das er weder verstanden noch empfunden hatte, als Phrase zu bezeichnen, pflegte er die vorwurfsvolle Frage zu stellen: Was ist denn eigentlich jüdisches Wissen, und was soll uns, den Gebildeten, mit beruf-, liehen Arbeiten und mit den Sorgen des Lebens Schwerbeladenen, eure Literatur, eure Altertümer und euer Hebräisch? Möge ein Archäologe die Altertümer, ein Orientalist das Hebräisch, ein zukünftiger Seelsorger die Theologie studieren! Wir haben eine allgemeine Literatur, eine allgemeine Geschichte und einen Oberfluß an Gegenständen, die des Studiums würdig sind. Umgeben wir uns doch nicht mit einer „chinesischen Mauer" der Absonderung, denn das würde Rückständigkeit bedeuten, — in ewige Nacht würden wir versinken! Zwar wollen wir unsere religiöse Sonderstellung erhalten, aber dazu bedarf es keines jüdischen Wissens, keiner Literatur und keiner hebräischen Kenntnis; dazu genügt die Religion. Möge man eine Synagoge errichten, ein Lehrbuch der Religion in der Landessprache verfassen, — das genügt. In dieser Weise begannen die sogenannten „fortschrittlichen" Juden sich einzurichten, als der politische Liberalismus leuchtende Schätze einer Gleichberechtigung auf sie niederzuschütten schien. Die Schnelläufer des „Fortschritts" wetteiferten in ihren Sprüngen und Würfen, um die Bindebalken des selbständigen jüdischen Baues zu lockern und zu erschüttern und um diesen so konkreten, verwickelten, an historischen Niederschlägen überreichen Organismus in einen blassen, kaum bemerkbaren Schatten eines Bekenntnisses umzuwandeln. Sie, wußten, was sie wollten; sie gingen vielleicht auch gar nicht auf eine Vernichtung des Judentums los. Sie glaubten, es sei möglich, diesen Schatten eines Weichen Gespenstes, dieses ätherische Wesen, das seine Absonderung durch seine Existenz beweist und doch nicht müde wird, gegen diese Absonderung pompös zu protestieren, dieses himmelblaue Träumen — zu erhalten. Mit welchen Mitteln? Mit Tempel und Katechismus. Ja, in den weißen Blütentagen jener faden, traumhaften und überschwänglichen Sentimentalität, in der die letzten Klänge der „ Aufklärurigsperiode" nachzitterten,. konnte man sich noch einbilden, dies sei möglich. Der Eklektismus jüdischer Prediger und die Niedlichmacherei kleiner, „führender", reichgewordener jüdischer Kreise begegneten sich in dem für beide Seiten so bequemen Wahn einer „Mission" für die Menschheit. Plag' und Mühe des Ghettos waren dahin; nun wollte man sich ausruhen. Das Ideal war, — niemand zu chokieren, nichts Auffälliges,.nichts Abgesondertes, daher auch fast nichts Eignes! So eine Mission für den Monotheismus z. B. konnte nicht viel schaden. Man nahm es ja gar nicht ernst. Trotz allem wollten aber diese Biedermeier ein Judentum erhalten, — etwa durch die Entwicklung des Abstammungsbewußtseins? Nein. Oder vielleicht durch die Förderung jüdischen Wissens?. Nein. Durch das genaue Befolgen des Ritualgesetzes? Auch nicht. Nur durch Tempel und Katechismus. — Hat sich dieser Standpunkt in Theorie und Praxis erhalten? Er muß als vollständig überwunden gelten; er vermochte es nicht, seinen Verpflichtungen nachzukommen! Er war sinnlos in der Theorie, unmöglich in der Wirklichkeit, widerspruchsvoll und täuschend. Viele derjenigen, die selbst auf diesem Standpunkt gestanden haben, geben jetzt zu, er sei der Ausgangspunkt für eine vollständige, auch religiöse Vernichtung des' Judentums. Für diese Frage ist es eigentlich gleichgültig, wie man uns bezeichnet: Volk, Nationalität, Stamm, Rasse, Religionsgenossenscliaft, Monotheismus u. dgl., dennauch vom Standpunkte der Konfession betrachtet, ist eben diese „Konfession" ganz verschieden von den andern. Sie kann nicht den andern gleich behandelt werden, da ihr Charakter, ihre Natur und ihre Daseinsbedingungen grundverschieden sind. Wozu verlangten die alten Juden und verlangen noch jetzt die nationalen Juden die allgemeine Verbreitung jüdischen Wissens? Eine solche Formulierung der Frage wäre unlogisch. Weder die alten noch die neuen denkenden Juden verlangen dies. Die Natur des Judentums, seine Lage, die Bedingungen, in denen seine Bekenner leben, die Einflüsse, denen sie unterworfen sind, der Mangel an Dogmen in dem Sirine, wie sie anderswo vorhanden sind, das notwendige Fehlen einer wirklichen Hierarchie, die ganze Grundlage und der ganze Inhalt der Lehre machen eine größere oder geringere — wobei das Mindestmaß auch ziemlich groß, ist — Kenntnis der Quellen, der Texte, der Geschichtsereignisse, der Andenken, der Symbole und der Ideen zu einer Notwendigkeit, ohne die alles verkümmert, verkrüppelt und für die Dauer überhaupt existenzunfähig ist. Deshalb „lernte" man! Das „Lernen" . ist keine Theoiogie und kein Beruf; es ist die Lebensbedingung des Judentums, es entspricht seiner spezifischen Natur, weil eben das Judentum keine Konfession, sondern eine Lehre ist', die Lehre einer Nation. Eine Konfession

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