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Die Welt · 1908-10-30 · 43 (30.10.1908) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
43 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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2) unter dem Vorsitzdes Ministers für Volksaufklärung eine Beratung der Vertreter der interessierten Verwaltungen zu veranstalten, um die Bedingungen der Annahme von Juden in Mittelschulen festzustellen, wobei die von der Beratung angenommenen Resolutionen dem Ministerrat vorgelegt werden sollen. Eine Katastrophe in der Synagoge von Berditschew Aus Berditschew wird mitgeteilt, daß am letzten Feiertagsabend in der dortigen Synagoge während der Prozession mit der Thorarolle, infolge eines plötzlichen Rufes „Feuer!", eine schreckliche Panik entstand. Die ganze Volksmenge warf sich zum Eingange. Im Gedränge wurden einige Personen getötet und viele schwer verwundet. Wie es sich erwies, war von Feuer keine Spur, und unbekannte Täter wollten nur eine Panik hervorrufen. Eine seltene Gerichtsverhandlung Vor wenigen Tagen fand in Hajsin (Podolien) eine bezeichnende Gerichtsverhandlung statt Der Fall war folgender: Auf einem Wagen fuhren ein Bauer und ein Jude durch den Wald; sie begegneten zwei Bauern, welche dem christlichen Insaß des Wagens vorschlugen, ihnen den Juden zu verkaufen. Der Bauer willigte ein und verkaufte den Juden für 20 Kopeken. Daraufhin haben die beiden Käufer den Juden neben dem Pferde eingespannt, peitschten ihn und nötigten ihn auf diese Weise, schneller zu laufen. Zum Glück begegnete ihnen ein russischer Geistlicher, welcher den Juden befreite und von dem Vorgang die Polizei benachrichtigte. Das Gericht verurteilte den Bauer, welcher den Juden für 20 Kopeken verkaufte, zu 20 Jahren Zwangsarbeit, denjenigen, der ihn einspannte, zu 9 Jahren Zwangsarbeit und endlich denjenigen, der ihn mit der Peitsche schlug, zu 3 Va Jahren Disziplinarbataillon. Eine Niederlage Stolypins Ober eine schwere Niederlage Stolypins vor dem regierenden Senat wird der „Russischen Korrespondenz" aus Petersburg telegraphiert: Der russische Premierminister, dessen Autorität durch die überhandnehmende vollständige Insubordination der Generalgouverneure schon lange untergraben ist, hat jetzt durch die Entscheidung des Senats in der Klagesache eines der Hauptführer des „Schwarzen Hunderts", des bekannten Hofgünstlings Grafen Konownizyn, contra Stolypin einen außerordentlichen Schlag erlitten. Klagegegenstand wär ein Zirkular Stolypins vom Mai 1907, das ' die Gouverneure angewiesen hatte,"bei Ausweisung von Juden aus Gebieten, in denen sie nicht wohnberechtigt sind, in gewissen Fällen Nachsicht walten zu lassen. Der Kläger Kanownizyn behauptete, er sei durch diesen Erlaß wegen der „jüdischen Ausbeutung" materiell und wegen der Gefahr eines Ritualmordes persönlich geschädigt. Die Verpflichtung der Gouverneure alle Umstände zu prüfen, biete dagegen keine Gewähr, da die Gouverneure unzuverlässig seien. Kläger forderte deshalb die Aufhebung der allgemeinen ministeriellen Verfügung und gerichtliche Verfolgung des Premierministers wegen widergesetzlicher Anordnungen. Der Senat bezeichnete zwar den Kläger als unbefugt zu solchen Anträgen, ging aber auf die Sache selbst ein und erklärte seinerseits die Verfügung des Premierministers für ungesetzlich. Das Verhalten des regierenden Senats, der sonst _ ein willenloses Werkzeug in den Händen der Regierung ist, gilt hier als Symptom für den Zusammenbruch der Autorität Stolypins in den oberen Regierungskreisen. In der Sache selbst bedeutet •die Entscheidung neben dem Sieg eines berüchtigten Antisemitenführers die Ermunterung zu einem neuen Ansturm gegen die Juden und die bevorstehende schärfste Anwendung aller antisemitischen ■Gesetze und Verfügungen. Rumänien Jassy: Die Bewegung gegen die mittelalterlichen Formen des .Judeneides dauert fort Oberrabbiner Dr. Niemirower und Rabbiner Taubes haben etwa• vierzigmal die Vornahme des Eides abgelehnt- Auch in Braila wird sehr energisch gekämpft Die Synagogenvorsteher Silberstein, Agent Broemer usw., die die Synagogen nicht öffnen lassen wollten, erhielten Geldstrafen. Der B'ne Brith-Orden, mit Dr. Stern an der Spitze (Bukarest),, machte alle Versuche, in dieser wichtigen Angelegenheit zu wirken. Der Kassationshof wird nächstens in dem Prozeß Dr. Niemirower in der Frage zu entscheiden haben. Der Rechtsbeistand des hiesigen '•Oberrabbiners ist der frühere Minister Dissesen, welchem Rumänien -die Reform eines Gesetzbuches zu verdanken hat. In allen Kreisen sieht man mit Spannung der Entscheidung in dieser Frage entgegen. Dr. Beck und Dr. Niemirower planen einen Kongreß der zionistischen Rabbiner in dieser Frage. Bulgarien Ein spaniolischer Verlag Zwecks Herausgabe populär-jüdischer Literatur in spaniolischer Sprache ist unter dem Vorsitz der Herren Großrabbiner Dr: Ehrenpreis. Persiado Romano, Dr. Rimalovsky, Jomtow und Rafael Bartich eine Jüdisch-spaniolische Verlagsgesellschaft „Societa di Publicaciones Espagnoles" als Gesellschaft m. b. H. mit einem Grundkapital von 5000 Frcs. gegründet worden. Frankreich Das Inspektionskomitee, das die Alliance Israelite zur Untersuchung der Schulen im Orient auszusenden beschlossen hat, wird Marseille am 29. d. M: verlassen und sich zunächst nach Alexandrien einschiffen. Nachdem es die ägyptischen Schulen inspiziert hat wird es das Schulwesen der Alliance in Palästina, Syrien, der Türkei und Bulgarien untersuchen. Die Kommission besteht aus Rabbi Israel Levi-Paris, Dr. Porges-Leipzig und M. S. Benedikt. Tunis Bei einem Fußballmatch, der neulich zwischen einem Malteser Klub und einer jüdischen Mannschaft stattfand, kam es zu argen Ausschreitungen. Die Juden blieben Sieger, und die Malteser rächten ihren beleidigten Stolz, indem sie sich auf die Juden stürzten und Schmähungen „Tod den Juden" ausschrieen. Es entstand ein Handgemenge, in dessen Verlauf der Torwächter des Malteser Klubs ein Messer zog und damit einen Juden, namens Cohen, verletzte. Der Angreifer wurde entwaffnet ehe er weiteres Unheil anrichten konnte und wird sich demnächst vor Gericht zu verantworten haben. Mr. Mardoche Smadja, der verdiente Herausgeber der Zeitung „La Justice" setzt mit Energie und Geschick seinen Feldzug für die Ausdehnung der französischen Rechtsprechung auf die tunesischen Juden fort, die heute vor den muselmannischen Gerichten erscheinen müssen, deren Unparteilichkeit durchaus zu wünschen übrig läßt. Mr. Smadja nahm auch Anteil am Nordafrikanischen Kongreß in Paris, wo seine Rede für seine jüdischen Brüder mit großer Sympathie aufgenommen wurde. (Jewish Chronicle.) Amerika Organisation der Newyorker Juden Wir berichteten jüngst von dem Aufrufe des Dr. Magnes zwecks Gründung einer neuen allumfassenden Organisation der Newyorker Juden. Die darin angesagte konstituierende Versammlung hat inzwischen am 11. und 12. Oktober in der Clintons Hall stattgefunden. Die Versammlung war von über 250 Delegierten der verschiedensten Verbände, Vereine, Logen, Gemeinschaften, Synagogen usw. besucht und nahm stellenweise einen sehr stürmischen Verlauf. Anfangs schien es, als ob ein Resultat nicht zustande kommen sollte. Es erhob sich lebhafter Widerspruch gegen das geschäftsordnungsmäßige Vorgehen des vorbereitenden Komitees, das über die Frage, ob überhaupt eine solche allgemeine Organisation gebildet werden sollte, nicht abstimmen lassen wollte, sondern gleich die Wahlen für die neue Organisation zur Debatte stellte. Außerdem wurde dem Plane von den Mitgliedern und Anhängern der Federation of Jewish Organisation widersprochen, die im kleinen schon ungefähr das darstellt was Dr. Magnes Plan im großen erstrebt, die aber gezeigt hat daß sie der großen Aufgabe der Vertretung der Interessen der Gesamtjudenheit Groß-Newyorks (das sind bekanntlich fast 8o aller Juden der Welt überhaupt) absolut nicht gewachsen ist Dank der geschickten Leitung durch Dr. Magnes, die allseitig wärmstens anerkannt wurde, wurden indessen alle diese gefahrvollen Klippen umschifft Nachdem die Verhandlungen Sonntag und Montag Abend bis spät in die Nacht gedauert hatten, wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: „Zweck der neuen Organisation .soll die Schaffung einer repräsentativen Körperschaft der Juden Newyorks sein. Zu diesem Zwecke soll sie die Vertretung der Juden Newyorks darstellen und für sie handeln, wie die Umstände es erfordern; auch soll sie solche Organisationen und Institutionen stützen und fördern, die diesen Zwecken dienen". Eine neue Gefahr entstand dem harmonischen Verlauf der Versammlung durch einen Zusatzantrag, der von Dr. Drachmann eingebracht wurde und ausdrücklich die Zusicherung verlangte, daß die neue-Organisation die religiösen Anschauungen aller Richtungen achten und schützen müsse. Das rief auf der andern Seite einen

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