Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 43 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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16 DIE % Gegenantrag hervor, der die Behandlung politischer und religiöser Fragen vom Tätigkeitsgebiete der Organisation ausgeschlossen sehen wollte. Nach heftiger Erörterung und nachdem Dr. Magnes mehrfach in die Debatte eingegriffen hatte, wurden beide Zusatzanträge zurückgezogen. Es ist noch zu bemerken, daß die Versammlung hauptsächlich von „down-town"-Juden, d. h. den eingewanderten Juden des Eastends, besucht war, während die „up-town "-Juden lediglich brieflich ihre Sympathie oder Antipathie ausgesprochen hatten. Mr. Marschall warnte in seinem Schreiben vor einer Vertiefung des Gegensatzes zwischen uptown- und downtown-Juden und erhoffte in diesem Sinne Gutes von der neuen Organisation. Schiff sprach sich gleichfalls günstig aus, riet aber zur Vorsicht und Mäßigung, Mr. Lauterburg bekannte sich als Gegner einer neuen Vereinigung, da die Federe tion of Jewish Organisation genügt. Im allgemeinen findet der neue Plan bei der ernsthaften Presse eine gute Aufnahme. Das American Jewish Committee und die geplante jüdische Gesamtorganisation Das American Jewish Committee, die maßgebende jüdische repräsentative Körperschaft Amerikas, hielt am 8. Oktober eine Sitzung des Vorstandes ab, in der die verschiedenen Einladungen zum Zusammengehen mit jüdischen Organisationen in Europa zwecks Bildung einer internationalen jüdischen Organisation besprochen wurden. Auf Antrag des Herrn Schiff wurde folgende Resolution angenommen: „Bis zum Abschluß der von den jüdischen Organisationen Frankreichs, Deutschlands, Großbritanniens, Österreichs und anderer Länder angebahnten Unterhandlungen, zwecks eines gemeinsamen Zusammengehens im Interesse der unterdrückten Juden, enthält sich das American Jewish Committee einer Antwort auf die verschiedenen Einladungen behufs Zusammenschlusses zu einer internationalen jüdischen Organisation, erklärt indessen, daß es mit Bezug auf die gegenwärtigen Ereignisse im Osten, die unsere Brüder notwendigerweise berühren müssen, es für unbedingt erforderlich hält, daß ein Zusammenarbeiten schnellstens erzielt werde. Eine jüdisch-politische Vereinigung in Kanada In Toronto besteht ein jüdischer politischer Verein, „der unabhängige, hebräische, politische Klub". Dieser Verein hat beschlossen, an den kommenden Parlamentswahlen aktiven Anteil zu nehmen. Er hat eine „Proklamation an das jüdische Volk Torontos" erlassen, in der er ausführt, daß es in dieser Stadt 4000 jüdische Wähler gibt. Diese fordert er auf, ihre Stimmen nicht ohne weiteres einem der Kandidaten zu geben, vielmehr wird der Klub Vertreter der beiden Parteien einladen, ihren Standpunkt in Versammlungen des Klubs zu entwickeln, und danach wird der Klub seine Entscheidung treffen. Judenunruhen in Bagdad Der „Dailv Telegraph" berichtet aus Konstantinopel unterm 19. Oktober: „In Bagdad sind zwischen Juden und Moslems Streitigkeiten ausgebrochen, angeblich, weil einige Juden während des Gottesdienstes eine Moschee betreten hatten. Eine Anzahl Juden wurde beleidigt. Man hält die Hetze für das Werk der Reaktionäre; indessen mißt das Komitee für Einheit und Fortschritt diesen und andern Umtrieben der Reaktionäre wenig Bedeutung bei. Die Ankunft von mazedonischen Truppen hat einen günstigen Eindruck gemacht." Nach neuern Nachrichten sollen die Angriffe fortgesetzt worden sein, so daß die Juden ihre Häuser nicht verlassen konnten. Der Handel stockt vollständig. Gedenkfeier der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums veranstaltete - am Sonntag mittag in der Aula ihres neuen Hauses Artilleriestraße 14 eine Gedächtnisfeier für die in diesem Jahre verstorbenen Kuratoren der Anstalt Sanitätsrat Dr. Salomon Neumann und Professor Dr. Gustav Oppert. Die Aula war mit Blattpflanzen dekoriert, auf dem Podium hatten inmitten eines Lorbeehains die Büsten der Verewigten Aufstellung gefunden. Die Gedenkrede für Sanitätsrat Dr. Salomon Neumann hielt Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Hermann Cohen aus Marburg. Er entrollte ein Lebensbild, des Verstorbenen, mit EELT - - - ' ' ' No.' 43 dem er über 40 Jahre befreundet war, und stellte ihn als den eifrigsten Fördererer der Wissenschaft des Judentums hin. Die Gedenkrede für Professor Dr. Gustav Oppert hatte der Dozent Dr. A. S. Yahuda übernommen. Er zeichnete den Gelehrten als einen unermüdlichen Forscher des indischen Sanskrit, der auf diesem Gebiete Hervorragendes geleistet habe. Sein Wohlwollen für die Lehranstalt habe er dadurch noch besonders zum Ausdruck gebracht, daß er ihr sein gesamtes Vermögen vermacht habe. Die Alliance Israelite und die rumänische Judenfrage Der „Berliner Börsen-Courrier" berichtet: Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, hat die Alliance Israelite Universelle in. Paris und die deutsche Konferenzgemeinschah: derselben Gesellschaft in Berlin Schritte unternommen, um die Frage der Verletzung des Berliner Vertrags seitens der rumänischen Regierung in der Behandlung der rumänischen Juden vor die geplante Orientkonferenz zu bringen. Durch den Berliner Vertrag hatte Rumänien bekanntlich die Verpflichtung übernommen, ihre jüdischen Untertanen den Rumänen rechtlich gleichzustellen. Dies ist aber tatsächlich bis auf den heutigen Tag nicht geschehen, trotzdem wiederholt die rumänische Regierung — zuletzt durch eine Note des verstorbenen amerikanischen Staatssekretärs Hay — auf diese Verletzung des Berliner Vertrags aufmerksam gemacht worden ist. Konstituierende Sitzung der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation (Originalbericht) Am Dienstag den 27. ds. Mts. abends fand in Berlin die konstituierende Sitzung der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations- Organisation (A.J.K.O.) statt. Anwesend waren nur ca. 15 Personen. Die Sitzung wurde durch .ein Referat des Geheimen Regierungsrats Professor Dr. Aron eingeleitet, während das in der Tagesordnung vorgesehene Kolonisationsreferat von Dr. N Ossig auf eine spätere Sitzung verschoben wurde. Die Sitzung wählte eine Kommission zur Beratung des als Entwurf vorgelegten Statuts. Eine ungefähre Obereinstimmung ergab sich über den grundlegenden Paragraphen 1, der besagt, daß die A. J. K. O. die Förderung der dauernden, geschlossenen Ansiedlung, besonders im Orient, jener Juden erstrebt, die durch die Verhältnisse in ihren Heimatsländern zur Auswanderung gezwungen sind. Die neue Organisation soll nur humanitäre Ziele verfolgen. Außerdem wurden die Wahlen des internationalen Zentralrates vorgenommen, dessen Sitz in Berlin sein wird. Dieser wählt aus sich das Präsidium und das ausführende Komitee. Zum Vorsitzenden des Präsidiums wurde der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Aron, zum Schriftführer Justizrat Friedemann, gewählt. Für den Posten eines stellvertretenden Vorsitzenden und eines Schatzmeisters sind bekannte Persönlichkeiten der Berliner Finanzwelt in Aussicht* genommen, von denen aber noch ungewiß ist, ob sie die ihnen zugedachten Ämter annehmen werden. In das ausführende Komitee wurde als Vorsitzender Prof. Dr. Warburg, als stellvertretender Vorsitzender Geheimrat Blumenthal und als zweiter stellvertretendar Vorsitzender Dr. Nossig gewählt. Außerdem gehören dem ausführenden Komitee noch an die Herren Prof. Blumenthal, Dr. A. Friedemann, Dr. H. G. Heymann, Bertrand Hamburg, Berthold Feiwel, Dr. Klee, Bankier A. Markus, Segall, Schwarz u. a. m. Des weitern wurde noch beschlossen, eine internationale Finanzkcmmission zu bilden, die die für den Betriebsfonds nötigen Mittel aufzubringen versuchen soll. Auch sollen zwei Herren die hauptsächlich in Betracht kommenden Länder zu Propagandazwecken bereisen, und zwar wurden dafür die Herren Dr. Haltern, der nach Rußland gehen soll, und Dr. Katz (Syndikus der Simonstiftung in Hannover), <ler Deutschland und Amerika bereisen soll, in Aussicht genommen. Literarisches Mehrfach schon wurde geklagt, daß bei unsern Kulturbestrebungen in Palästina das künstlerische Moment so ganz außer acht gelassen wird. Schon Friedemann hat seinerzeit in der „Welt" auf die bedauerliche Tatsache hingewiesen, daß die jüdischen- Kolonien in Palästina alle Vorzüge haben mögen, nur dem modernen Stilgefühl gegenüber seien keinerlei Konzessionen gemacht. Das Gefühl für die Notwendigkeit und die Nützlichkeit der künstlerischen Harmonie des Daseins ist in den jüdischen Massen noch nicht geweckt, und wir sehen auch leider nur wenige am Werke, auf diesem Wege Ersprießliches zu leisten. Und doch.wäre in all den Vereinsvorträgen und Toynbeehall-Vorführungen Vorträge über Kunst und Kunstempfinden sicher mehr am Platze als der viele überflüssige und