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Die Welt · 1908-10-30 · 43 (30.10.1908) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
43 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Und dann Sonnenthals goldige Güte, die Fülle eines Herzens, das ewig spendet und des Spendens nicht überdrüssig wird! Wundersame Internationalität des Judentums, wenn sich zwei örtlich und seelisch fremde Künstler, Morris Rosenfeld aus New York und A. v. Sonnenthal aus Wien, zusammenfinden, damit ihre Kunst ium Erlebnis dankbarer Menschen werde! Und wundersames Schicksal, daß beide Künstler, als sie erst von künftiger Größe träumten, die Nadel durch das Tuch führten! England (Von unserem Korrespondenten) Die Einwanderungsfrage Verflossene Woche wurde im Unterhause eine Interpellation eingebracht, worin der Staatssekretär des Innern über die Angelegenheit der erfolgten Einwanderung solcher Emigranten befragt wurde, die einige Tage zuvor erst zurückgewiesen worden waren. Mr. Gladstone erwiderte, es sei allerdings wahr, daß jüngst vier Einwanderer, die kurz zuvor von der Landung ausgeschlossen worden waren, einige Tage später nach Hull auf einem „Nichteinwanderungsschiff" zurückkehrten und anstandslos landeten. Er führte aus, daß das Fremdengesetz den Einwanderungsbeamten kein Recht gebe, die Landung von Einwanderern, die auf einem „Nichteinwanderungsschiff", d. h. ein Schiff, das weniger als zwanzig Passagiere hat, eintreffen, zu verhindern. Er bedaure, Grund zur Annahme zu haben, daß die Einwanderung von unerwünschten Fremden aus„Nichteinwanderungsschiffen" in Hull systematisch stattfinde, eine Angelegenheit, die seine ernstliche Aufmerksamkeit in Anspruch nehme. Tatsächlich wurde die Praxis zurückgewiesener Einwanderer, auf „Nichteinwanderungsschiffen" ohne Erlaubnisschein ins Land zu kommen, schon im Jahre 1906 in der Presse behandelt, als das Gesetz zuerst in Kraft trat. Indessen genießt der gegenwärtige Staatssekretär des Innern nicht den Ruf. besonderer Wachsamkeit oder Energie in dieser Frage. Das interpellierende Mitglied des Parlaments richtete deshalb auch die weitere Frage an den Staatssekretär, ob keine Maßregeln getroffen werden könnten, die verhinderten, daß unerwünschte Einwanderer in der einen Woche zurückgewiesen würden, um in der folgenden unbehelligt ins Land zu kommen. Ein anderes Mitglied fragte, wann der Staatssekretär ein Gesetz einbringen würde, das die Aliensact ganz aufhebe. Gegenwärtig ist indessen die Regierung zu sehr mit der Arbeitslosenfrage und der Wirtschaftsbill beschäftigt, um der Handhabung des Fremdengesetzes Aufmerksamkeit schenken zu können. Die Tätigkeit der Literaturvereine Die Arbeit der Gemeinden hat wieder mit voller Stärke eingesetzt, und eine ihrer erfreulichsten Kundgebungen ist die Tätigkeit der Literaturvereine. In den Sommermonaten ruht die Arbeit der Gesellschaften, aber sie haben die Wintersaison mit einer bemerkenswerten Propagandatätigkeit und der Behandlung aller aktuellen Fragen des jüdischen Lebens, durch Vorträge sowohl wie in Debatten, begonnen. Am verflossenen Sonntagabend hielten gleich "vier verschiedene Vereine in verschiedenen Teilen Londons gleichzeitig Sitzungen ab. Der Verband der jüdischen Literaturvereine will eine öffentliche Versammlung am Montag den 2. November halten, bei der der Vorsitzende, Dr. Lionel D. Barnett vom Britischen Museum über das Thema: „Thora und Veda, ein Vergleich und ein Gegensatz" sprechen wird. Der Verband hat auch eine Serie von sechs Vorträgen über die moderne Periode der jüdischen Geschichte angekündigt, die während der kommenden Saison gehalten werden sollen. Die Vorträge werden folgende Themata behandeln: Geistige Emanzipation, Politische Emanzipation, Religiöse Reform, Jüdische Wissenschaft, Verfolgungen, und sechstens und letztens: Der Fortschritt der Jetztzeit. Sehr zu begrüßen ist auch der Beschluß des Verbandes, eine öffentliche Versammlung zur Feier des Jubiläums von Scholem Aleichem zu veranstalten, die am 21. Nov. im University College stattfinden wird. Als ein Beweis für das andauernde Interesse für die Frage der „Jüdischen Stimme", die infolge der Wahl in Manchester in den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt ist, kann der Diskussionsabend betrachtet werden, den die Westend Literary Society über dieses Thema veranstalten wird, und bei dem Mr. Albert Jessel, Kings Counsel, ein Neffe des verstorbenen Sir George Jessel, referieren wird. Tod eines christlichen Zionisten In seinem 72. Jahre starb der berühmte Mönch, Vater Ignatius, der ein begeisterter Freund des jüdischen Volkes und enthusiastischer Zionist war. Er gründete seine eigene Abteiin Wales, und an beiden Eingangspforten und an der Türe seines Privatzimmers befand sich eine Mesussah, die er regelmäßig zu küssen pflegte. Bei seinen regelmäßigen Besuchen Londons pflegte er besondere Gottesdienste zu halten, die stets große Scharen Gläubiger anzogen. Bei solchen Gelegenheiten pflegte er auch Einladungen zur Abhaltung zionistischer Vorträge anzunehmen, und seine begeisterten Ausführungen rissen immer die Zuhörer zu stürmischem Beifall hin. Vater Ignatius, war auch eine wohlbekannte Persönlichkeit in den zionistischen Kreisen der Provinz. Seine Liebe zum Judentum war tief, eine besondere Abneigung empfand er gegen die Missionsvereine. Die Schechita-Angelegenheit Bis jetzt ist nichts neues über den Streit zwischen dem Schechitaboard und den Fleischhändlern zu berichten. Es fand eine Konferenz von Vertretern beider Parteien statt, indessen sind deren praktische Ergebnisse noch unbekannt. Auf Veranlassung des Chiefrabbi Dr. Adler hat der Schechitaboard Vorsorge getroffen, um tägliche Zufuhren frischen koscheren Hammelfleisches von Rotterdam zu ermöglichen, und der neue Schechitaboard sucht in Anzeigen mehr Schochetim. Rußland (Von unserem Korrespondenten) Zur Frage wegen des jüdischen Wohnrechts Den Polizeikommissaren der Residenz wurde in einem speziellen Erlaß des Stadtkommandanten eine ausführliche Erklärung des Departements für allgemeine Angelegenheiten beim Ministerium des Innern über das jüdische Wohnrecht in folgenden Streitfragen gegeben: - I) Apothekergehilfen, Zahnärzte, Wundärzte und Hebammen, welche andere Berufe ausüben, und 2) demissionierte Künstler der kaiserlichen Theater und des Hoforchesters, die keine Titel als freie Künstler besitzen, aber vom Staate pensioniert werden. Laut dem obengenannten Erlasse wird den Apothekergehilfen, Zahnärzten, Wundärzten und Hebammen nur dann das Wohnrecht außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons zugeteilt, wenn sie ihren Beruf ausüben, doch ist es ihnen nicht verboten, nebenbei Handel zu treiben. Was aber diejenigen Juden anbelangt, welche die obengenannten Fächer erst studieren, so dürfen sie keineswegs zu kaufmännischer Tätigkeit zugelassen werden. Es wird gegenwärtig ein reger Gedankenaustausch mit dem Handelsministerium geführt, um überall die gleiche Anwendung des Gesetzes durchzuführen. Was die zweite Streitfrage anbetrifft, so erachtet das Departement für allgemeine Angelegenheiten es für notwendig, zu erklären, daß nach dem allgemeinen Gesetze nur diejenige Kategorie von Juden das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons besitzen, auf welche das Gesetz speziell hinweist, und deswegen soll denjenigen Kategorien von Juden, die vom Gesetz nicht berücksichtigt sind, das _Wohnrecht nicht zugeteilt werden. Und aus diesem Grunde besitzen demissionierte Künstler der Kaiserlichen Theater, insofern sie keine andern Qualifikationen aufzuweisen haben, kein Wohnrecht außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons. Aus Nertschinsk (Ostsibirien) wird, mitgeteilt: Die lokale Administration behandelte die Frage einer Kontrolle der Pässe derjenigen Juden, welche sich dort aufhalten. Diese Maßregel soll infolge eines starken Zuflusses der Juden an die Amurbahn, die jetzt ein neues Arbeitsgebiet öffnet, durchgeführt werden. Aus Astrachan wurden in der letzten Zeit gegen 100 Juden, die kein Wohnrecht besaßen, ausgewiesen. Der Peters burger Stadtkommandant erließ einen Befehl, nach dem diejenigen Personen, welche sich in der Residenz aufhalten, ohne das Wohnrecht zu besitzen, einer Geldstrafe von 500 Rubel oder einer Haft von 3 Monaten unterworfen werden sollen. Dieselbe' Strafe droht auch den Hotel- und Chambregarni-Besitzern, welche solche Juden bei sich beherbergen. Jaden in den höheren Lehranstalten In der „Gesetzsammlung" wurde folgende allerhöchst bestätigte Meinung des Ministerrats über die Aufnahme von Juden in höhere Lehranstalten veröffentlicht: 1) Was die Annahme von Juden in alle höheren Lehranstalten» mit Ausnahme des Konservatoriums der kaiserlich russischen Musikgesellschaft, anlangt, so ist zu bestimmen, daßin denjenigen höheren Lehranstalten, in deren Kodexen kein besonderer Paragraph existiert, die folgenden Prozentnormen angewandt werden müssen; 3°.o für die Lehranstalten der Residenz» 5-°k. außerhalb und. 10 '> innerhalb des Ansiedlungsrayons,

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