Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 43 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Politik der mittlem Linie, die allmählich zu einer Mittelmäßigkeitspolitik herabgesunken ist. Insbesondere vom jüdischen Standpunkt konnte eine Staatskunst nicht -wertvoll sein, die keine weithin sichtbare Plattform, keine politique generale besaß, keinen offenen Ausgleich der widerstrebenden Teile suchte, sondern die „Koalierten" . einzeln zu beschwichtigen und zu gewinnen bestrebt war. Das jüdische Volk in Österreich hat keinen Qefechtswert im Reichsrat, es hat dort keine zahlreichen Bataillone," die stets Recht behalten. Wir wurden naturgemäß -von der auf antisemitischen Parteien beruhenden Regierung als eine zu vernachlässigende Größe behandelt Die Juden haben keinen Grund, diesem Ministerium Tränen nachzuweinen. Wir haben aber noch weniger Grund, einem von feudalen Hintermännern beherrschten und gestoßenen christlichsozialen Ministerium die Wege zu ebnen. Da muß schon wieder einmal mit den jüdischen Assimilanten ein ernstes Wort*gesprochen werden, die in der „Neuen Freien Presse" und anderswo über österreichische Politik kannegießern. Seit Monaten hetzen diejournalistischen Vertreter dieser holden Spezies von Juden mit schwarzrotgoldnem Herzen, das ihnen selbstredend nicht genommen werden kann, gegen das Ministerium Beck. In geradezu wahnwitziger Weise wurde jede nichtige Begleiterscheinung des deutsch-tschechischen Sprachen- und Ämterstreites zu einer nationalen Schmach hinaufdeklamiert, die Raufobstruktion im böhmischen Landtag wurde verherrlicht, der Sturz der „unnatürlichen Koalition" herbeigesehnt, die deutschfeindliche Regierung Beck leidenschaftlich angeklagt. All dies Gepolter, um in der Betätigung" deutschnationaler Gesinnung hinter K. H. Wolf, E. v. Stransky und andern Antisemiten nicht zurückzubleiben. Die Assimilanten, die in der Presse und Industrie eine Macht darstellen, bemühten sich aus Leibeskräften, ihre nationale Verläßlichkeit in einem Verhetzurigsfeldzug zu dokumentieren. So gesellte sich Assimilantenpathos und deutschtümelnde Überspanntheit zur nationalen Heuchelei der deutschen Agrarier und Bourgeoisparteien, um den böhmischen Landtag zu sprengen und, wie es das edle Ziel des heldenmütigen Pultdeckel- und Streusandbüchsenkampfes war, die Wahlreform zu vereiteln. Es ist keine neue Erscheinung, daß die Assimilation der politischen Entrechtung Vorschub leistet. Daß sie aber in ihrer Verblendung und Lakaiengesinnung so weit gehen wird, den Christlichsozialen den Weg zur Macht zu ebnen, ist eine Ungeheuerlichkeit. Denn der Zerfall der Koalition kann nur den parlamentarischen Gefechtswert der Antisemiten erhöhen. Die Bevölkerung, der nationalen Verhetzung müde, wird sich der christlichsozialen Partei zuwenden, als der einzigen, die dem ewigen fruchtlosen Gezänk ferngeblieben ist. Nicht nur die Bevölkerung. Die deutschen „freiheitlichen" Parteien hielten nach dem Ausbruch der tschechischen Ministerkrise eine Konferenz ab. Worin gipfelten die Beschlüsse? In dem Verlangen, engern Anschluß an die Christlichsozialen zu finden. So geraten die von den Assimilanten bejubelten Retter des Deutschtums in immer wachsende Abhängigkeit von den Christlichsozialen. Der erste Gedanke nach dem errungenen Sieg — der Vertagung des Landtags — war die Anbrüderung an die Antisemiten. Sehen nun die Assimilanten noch immer nicht, wohin ihre Heuchelei nationaler Unversöhnlichkeit führt? Es ist Pflicht aller Einsichtigen, den unheilvollen verderblichen Einfluß der teutonischen Pseudopatrioten semitischer Abstammung lahmzulegen und zu paralysieren. Denn die Kosten dieser „Politik" werden die jüdischen Volksmassen tragen müssen. . Christlich-soziale Agitationsmethoden Die Landtagswahlagitation erreichte ihren Höhepunkt. Diesmal zeitigte sie eigentümliche Blüten. Im zwanzigsten Bezirk wurden Flugzettel verbreitet, in denen die Juden aufgefordert wurden, den „religionslosen" Sozialdemokraten Dr. Ellenbogen, der Jude ist, nicht zu wählen, sondern für den Christlichsozialen Lorenz Müller zu" stimmen, der die Religionsfreiheit der Juden beschirmt. Die Zettel waren vom Verein „Linas Hazedek" gezeichnet. Der Vorstand des Vereins beeilte sich zu erklären, daß die Flugschrift eine Fälschung ist. Der seltsame Wahlaufruf stellte sich somit als ein christlichsoziales Taschenspielerstückchen heraus. Es ist nicht anzunehmen, daß dieses Wahlmanöver Unheil angerichtet hätte. Das Lob der Gegner Herr Dr. Stern, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, wird nicht müde, zu dementieren und über Verleumdungen zu klagen. Zu diesem Zwecke werden immer häufiger öffentliche Vorstandssitzungen abgehalten. In der letzten, am 25. d. M. stattgefundenen Versammlung ergriff der greise, aber rüstige Mann die Offensive. Er erhob gegen die Wiener Zionisten die schamlose Beschuldigung, sie seien in ihrem'Kampf gegen den Kultusvorstand Mitarbeiter christlichsozialer Zeitungen. Da riß schließlich einem der anwesenden Zionisten die Geduld, und er rief erregt: „Das ist eine Lüge!" Herr Dr. Zweig hat keinen Grund, über sein Temperament Klage zu führen. Er hat in seinem Zwischenruf nur das ausgesprochen, was ist. Diese giftige Kampfmethode jedoch, die jeden Angriff gegen das offizielle Judentum, möge es noch so morsch sein, als eine Förderung des Antisemitismus kennzeichnet, muß ausgerottet werden. Es wird jede fruchtbare Kritik unterbunden, jede frische Regung im Keime erstickt alle Schaffensfreude verekelt, wenn das Lob der Antisemiten für oder wider eine Forderung zeugen soll. Eine jüdische Politik, die sich nach den Antisemiten richtet, ist ein Unsinn und mit dem klaren Menschenverstand unvereinbar. Man muß mit sich selbst im reinen sein. Lob öder Tadel der Gegner ist gleichgültig. Morris Rosenfeld-Abend in Wien Der Abend, an welchem Morris Rosenfeld seine Verse las, war in vielfacher Hinsicht bemerkenswert. Überraschend klar trat die Umbildung der Anschauungen über das Judentum zutage, besonders, bei denen, welche sich ihm zu entfremden trachteten; allerdings fiel die Bilanz des Abends mehr zugunsten des Judentums als zugunsten der Juden aus. Das Unbegreifliche ward hier Ereignis: Eine Gesellschaft von Wiener Juden, denen nichts fremder ist, als der literarische Ausdruck der erwachten Judenseele, kam im „Kleinen Musikvereinssaal" zusammen, um des Dichters eigenes Wort zu hören. Wir sahen Schriftsteller deutscher „liberaler" Gesinnung neben Honoratioren der hiesigen Kultusgemeinde, die ihr Amt zu einem lebendigen Interesse an jeder jüdischen Angelegenheit verpflichtete, Männer und Frauen mitteleuropäischer Bildung und Gesittung, die ihren Launen literarische Mäntelchen umhängen, um sich als moderne Geister zu brüsten, wartende Jünglinge und „wehrhafte" Akademiker, die gleichsam des Dichters Sehnsucht nacheinem freien, starken Judentum verkörpern mochten. Im ganzen und großen: Erlebnis und Sensation! Zwischen diesen beiden Polen schwankte der Eindruck, den der Vortragsabend auf den Genießenden, auf den Verstehenden machte. Wenn der Verein zur Erhaltung jüdischer Altertümer beabsichtigt hatte, im Rahmen einer größern Öffentlichkeit in jüdisch-kulturellem Sinne zu wirken, so erreichte er die von ihm gewünschte Wirkung. Denn schon der Name des einen Mitwirkenden, Sonnenthal, bot die Gewähr dafür, daß die weitesten Kreise der Wiener jüdischen Bevölkerung, soweit sie an künstlerischen oder literarischen Erscheinungen. Anteil nehmen, in die Interessensphäre für diese Veranstaltung hineinbezogen würden. Aber nicht darin bestand das Phänomen des Rosenfeld- Abends, daß vor einer größern, dem jüdischen Leben entfremdeten Menge Verse eines Jargondichters vorgetragen wurden, sondern in der Wandlung, welche nicht allein der Geschmack, sondern das seelische Empfinden der im assimilatorischen Milieu lebenden Wiener Judenschaft in dem letzten Dezennium durchgemacht hat Es ist wunderbar zu sehen, wie die innerlich wirkende Kraft der Rosenfeldschen Poesie sich nach und nach die Herzen aller nach Emanzipation ringenden Juden errungen hat, wie sie stündlich Werbearbeit für die jüdische Sache leistet, wie sie fast zum Bedürfnis eines jeden jüdischen Hauses geworden ist. Vor zehn Jahren zuerst in die Welt geschleudert, blieben Rosenfelds Gedichte trotz der unerhörten Neuheit in Form und Inhalt verschollen. Literaten hoben sie ans Tageslicht, die junge Intelligenz stand von der Macht dieser Poesie geblendet da, dann kam — fast widerwillig gefangen — die große Menge. Und die hat zuerst gelächelt, dann gestaunt, zu verstehen begonnen. Jetzt jubelt sie gepackt erschüttert, ihrem Dichter zu. Vielleicht könnten dem Dichter Neider (und Rosenfeld hat gewiß deren) zum Vorwurf machen, daß er Modepoet geworden. Daß seine Verse zu alltäglicher Kost der kritiklosen Menge geworden sind. Sei's drum! Seine gestaltende Kraft ist so groß, daß sie auch den Modedichter unterwerfen wird. Rosenfeld ist kein Rezitator. Nicht, daß ihm der durch die Geste plastisch wirkende Ausdruck des Wortes fehlte. Nicht, daß ihn ein physischer Defekt an der vollen Entfaltung seines Sprachvermögens hinderte. Er ist kein Rezitator. Er ist mehr als das. Er trägt seine Verse weder wie der Schauspieler vor, der zur Sicherung seiner Wirkung eines Bühnenbildes als Resonanz bedarf, noch wie — im allgemeinen — der moderne Dichter, dessen Bestreben dahin geht, die Pointen gewissermaßen unter den Tisch fallen zu lassen, damit das Werk für sich selbst einstehe. Rosenfeld liest nicht er rezitiert nicht. Er gibt nichts Vollendetes, vom Schöpfer Unabhängiges, für sich Bestehendes. Er fiebert in jedem Worte, er stammelt fast wie ein Prophet er offenbart das Gute und glaubt daran, weil er es in sich trägt. Seine Stimme scheint aus einem unterirdischen Geklüft zu kommen, so klagend ist sie und echolos, als" wäre nie ein Ohr dagewesen, sie zu hören.