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Die Welt · 1908-10-30 · 43 (30.10.1908) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
43 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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- weitere staatliche Entwicklung' des türkischen Reiches das Beste erhoffen lasse. Der Zionismus, der dem neuen aufstrebenden Reiche ein wertvolles Menschenmaterial zuführen und an der kulturellen und wirtschaftlichen Erschließung des Orients mittätig sein wolle, darf bei allen Einsichtigen auf eine verständnisvolle Unterstützung rechnen. Während bei andern Nationen, die eventuell auch einwandern werden und hinter denen die europäischen Großmächte stehen, die Türkei vielleicht mißtrauisch sein wird, weil sie erfahren hat, wohin die Politik der Mächte unter dem alten Regime das Reich gebracht hat, wird es gewiß, keinem einfallen, an den friedlichen Absichten der einwandernden Juden, die nichts anders sein wollen als treue Söhne ihres neuen Vaterlandes, zu zweifeln. An das Referat des Herrn Sokolow, das einen tiefen Eindruck auf die ungemein zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste hinterlfeß, schloß sich eine anregende Diskussion, an der sich die Herren Groß, Dr. Kaufmann, Dr. Hohenstein und Berger beteiligten. Nach einem Schlußworte des Referenten, das in dem Appell ausklang, im gegenwärtigen, für den Zionismus bedeutsamen Zeitpunkte mit vereinter Kraft an die Arbeit zu gehen, schloß der Vorsitzende in vorgerückter Stunde die Versammlung. Eine Anzahl neuer Mitglieder wurde an diesem Abende für die Vereinigung gewonnen. München: Von deutschen Großstädten wird wohl München eine der ersten sein, die einen „Rosenfeldabend" veranstaltete. Die hiesige Ortsgruppe, welche mit Unterstützung einer Anzahl jüdischer Vereine die Sache in die Hand nahm, kann mit dem Erfolg recht zufrieden sein. Das große Interesse, das man von vielen Seiten dem Abend entgegenbrachte, zeigte sich durch.den zahlreichen Besuch; lange vor Beginn war der Saal gefüllt, und zwar von einem Publikum, das sich aus allen Schichten der Gemeinde, — worunter Rabbiner, Mitglieder der Kultusverwaltung usw. — zusammensetzte. Für die Einleitung des Abends war der bekannte Schriftsteller Herr Fabius Schach gewonnen worden; eine bessere Kraft hätte kaum gefunden werden können. In trefflichster Weise schilderte der Redner Entstehung, "Wesen und Verbreitung des Jargons, würdigte die in diesem Idiom schreibenden Schriftsteller, um dann eingehend über den Dichter Rosenfeld sprechen zu können. Ihn stellte er uns als den echten jüdischen Dichter vor, der wie kein zweiter das Leben und die Not des jüdischen Volkes besungen hat; Rosenfeld bedurfte nicht der Samtjacke und der schillernden Krawatten zur Vorbereitung seines Dichterberufs; das Elend und die Kot, aus welcher sich sein Lebensweg entwickelte, waren die besten Keime seiner in Worte gekleideten lyrischen Ergüsse. Lebhafter Beifall dankte Herrn Schach für seine belehrenden Worte, welche wohl vielen der Anwesenden erst einen Begriff vom Wesen und Wert der Jargons, der für Millionen unserer Stammesgenossen die Umgangssprache ist, beibrachten. Nachdem ein weibliches Mitglied eines hiesigen Theaters in verständnisvollster Weise eine Anzahl R'scher Dichtungen in hochdeutscher Sprache zum Vortrag gebracht hatte, erschien der Gast des Abends. So haben wir uns, ohne ihn je gesehen zu haben, den Dichter der „Lieder des Ghettos" vorgestellt; nur ein Mann, in dessen Zügen sich die Not und das Elend einer schweren Jugendzeit, der Kampf in den Jünglingsjahren wiederspiegelt der fühlt mit seinem Volk, der vermag das Elend und die traurige Lage seines Stammes in so von Herzen kommender Weise zu schildern, wie er es tut -Seine poetischen Gaben darf aber nur er zum Vortrag bringen; nur er vermag durch seine Wortein den üörern das richige Echo hervorzubringen. Wer vermag mit poetischen Ergüssen, wie: „Die Lichtverkäuferin", „Der jüdische Soldat", „Mein Kind", so zum Herzen zu sprechen wie Rosenfeld. Der einmütige lebhafte Beifall hat gezeigt, daß auch bei dem deutschen Juden, der ja vielfach dem osteuropäischen so fern steht, inniges Verständnis für diese Poesie vorhanden ist und daß es nur eines richtigen Dolmetschers bedarf, um die Gefühle zu wecken. Sicher ist daß derartige Veranstaltungen, wenn sie auch nicht rein zionistisch sind, für unsere heilige Sache vom größten Werte sind. Halberstadt: Am Mittwoch den 21. Oktober fand die Generalversammlung unserer Ortsgruppe statt Dem Jahresbericht zufolge wurden in dem am 30. September abgelaufenen Geschäftsjahre folgende Beträge ^abgeführt: Nationalfonds und ölbaumspende J6 575.30, Parteifonds 210.25, Schekel und Landesbeiträge 103.—, Palästinaschekel J6.50, Misrachi Mittelschule 8.65. Verkauft wurden 28 shares der P. L. D. C. 574.—, 5 shares des J.CT. 100.—, zusammen Jt 1587.70. Unsere Ortsgruppe umfaßt 25 Mitglieder, die außerdem an Beiträgen aufbrachten 232.60,' Gesamtsumme JC 1820.30. Im vergangenen Jahre fanden folgende Veranstaltungen statt: eine Agitationsversammlung (Redner Herr Lazarus Barth, Berlin), sieben Vereinsversammlungen und eine Makkabäerfeier. — Es wurde u. a. beschlossen, auch im kommenden Jahre regelmäßige Vereinsabende zu veranstalten. Berlin: Am Sonnabend den 24. Oktober er. vereinigten sich die Mitglieder der Misrachi-Gruppe Berlin zur Entgegennahme des Berichtes über die Misrachi-Konferenz zu Frankfurt am Main. Sie hatten die Ehre, in ihrer Mitte Herrn Direktor Dr. Grünhut aus Jerusalem begrüßen zu können. Der Vorsitzende schloß seine Ausführungen mit einem warmen Appell, in misrachistisch gesinnten Kreisen eifrig zu werben, möglichst zahlreich und schnell den Schekel an die Misrachi-Vertrauensmänner abzuliefern, damit zum Kongreßjahre die für die Föderationsbildung nötige Anzahl von 3000 Schekolirn zusammenkäme. Zur Schulfrage machte Herr Dr. Grünhut interessante Mitteilungen über die Verhältnisse in Palästina und zeigte, welch großes und wahres Kulturwerk der Misrachi durch seine Schulgründung in Angriff nehme. Er empfahl die Übernahme der Tachkemoni-Schule in Jaffa, die sich leicht zu einer modernen Schule ausbauen ließe. Der Vorsitzende konnte mitteiten, daß sich die Verhandlungen wegen der Schule dem Abschluß nähern und man voraussichtlich die Tachkemoni-Schule übernehmen werde. Damit würde der Misrachi den ersten Schritt tun zur Verwirklichung seiner großen Aufgabe, dem heiligen Lande moderne Kultur zu vermitteln in einem Geiste, der im Einklang stehe mit den Anschauungen der gesetzestreuen Landesbevölkerung, im Geiste der alten heiligen Überlieferungen des jüdischen Volkes! Beitrittserklärungen zum Misrachi sowie Schekelgelder usw. nimmt Edmund Lewy, Auguststraße 84, entgegen. Breslau: Am Sonntag den 18. Oktober, nachmittags, wurde bei großer Beteiligung aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung das „Jüdische Volksheim (Toynbee-Halle)" eröffnet. Die ersten Abende zeigten einen so starken Besuch, daß das geräumige Lokal, das zunächst gemietet ist, sich bereits als viel zu klein erwies. Bei weitem die Mehrzahl der Besucher waren auch wirklich aus den Kreisen, für die das „Volksheim" in erster Reihe bestimmt ist: Leute aus dem „Volk". Man sah schon beim ersten flüchtigen Blick auf die Anwesenden, daß die Begründung einem tatsächlichen Bedürfnis entsprach. Am Abend desselben Tages fanden sich etwa 150 Personen, vor allem aus konservativen und zionistischen Kreisen, zu einem gemütlichen Szimchath-Thora-Ball zusammen, dessen Reinertrag der P. L. D. C. zufließt. Besondern Beifall fand ein humoristisches „Vaxviehkurenkapinett" mit Figuren wie „Der Zionist", „Der Antizionist" usw. Sitzung des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Berlin am 25. Oktober 1908 Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland war für den 25. Oktober zu einer Plenarsitzung nach Berlin zusammenberufen worden. An derselben nahmen folgende Mitglieder teil: Dr. Bodenheim er-Köln, Präsident Julius Simon-Mannheim, Dr. Kollenscher-Posen, Hugo Schachtel-Breslau, Fritz Sondheim er-Frankfurt a. M., Dr. Hantke, Rechtsanwalt Gronemann, Dr.Leszynsky, Max Wollsteiner, Dr. Klee, Hermann Struck,. Rechtsanwalt Steinitz, Dr. Jungmann, Dr. Friedemann, Dr. Elias Auerbach, sämtlich in Berlin. Die Herren. Arnold Wiener-Kattowitz, Dr. Kalmus und Dr. H alp er n-Hamburg und Dr. Kaufmann-Freiburg i. Br. hatten ihr Fernbleiben entschuldigt und sich zu den wichtigen Punkten der Tagesordnung schriftlich geäußert. Als Vertreter des Aktionskomitees wohnte Herr Professor Warburg-Berlin der Sitzung bei. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Präsidenten Herrn Dr. Bodenheim-er und nach Anhörung eines kurzen Berichtes des geschäftsführenden Ausschusses wurde in die Tagesordnung eingetreten, welche sich auf sämtliche Gebiete der Organisation und der Propaganda erstreckte. Aus den Beschlüssen mag hervorgehoben werden, daß einstimmig die Durchführung des Beschlusses des Delegiertentages auf Anstellung eines Parteisekretärs für dringend erforderlich erklärt wurde. Die hierzu notwendigen Mittel sollen durch besondere Beiträge der Ortsgruppen aufgebracht werden. Der geschäftsführende Ausschuß wird beauftragt, nach dieser Richtung mit den Ortsgruppen zu verhandeln. Der Oberschlesische Gruppenverband hat bereits für die nächsten zwei Jahre einen Bertrag von jährlich 600 Jt bewilligt Ein von Herrn Julius Simon verfaßtes Schekelflugblatt wurde einstimmig genehmigt und - soll in den nächsten Wochen in einer Massenauflage verbreitet werden. Zur Verstärkung der Palästinapropaganda wurde ein Ausschuß unter Leitung der Herren Dr. Friedemann und Hermann Struck eingesetzt. Dem Ausschuß wurde auch die Nationalfondspropaganda übertragen.

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