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Die Welt · 1908-10-30 · 43 (30.10.1908) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
43 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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ihnen anschließen undihremwehmutsvollenExodusfolgen, Das brachte er_ in seinem Golus auf die Leinwand. Im Golus! Überall, wohin er ging, war er verbannt. Obdach- und heimatlos, ohne Stätte, wo er sein müdes Haupt hätte hinlegen können, folgte er mit seinen Brüdern dem mit einem Leichentuche bedeckten Sarge, auf welchen man die Gesetze legt, diese strengen Gesetze, die seit so vielen Jahrhunderten für die Juden existieren und sie seit ebenso vielen Jahrhunderten zu Verfolgten und Gehetzten machen, sie aber trotz alledem nicht zu beugen vermochten, während unterdessen andere Völker, andere Stämme, jünger als jene, von der Strömung mitgerissen wurden. Die Werke Samuel Hirschenbergs sind nicht nur Kunst und sogar große Kunst, sondern auch Geschichte, jene wirklich erlebte Geschichte, die sein tiefes Denken, seine Philosophie in sich barg. Er war mehr als ein Künstler und auch mehr als ein Dichter, er war ein Philosoph. Ein Kritiker äußerte sich über ihn: Ein Werk von Samuel Hirschenberg vermag uns viel mehr die Juden kennen und sie lieben zu lernen, als viele geschichtliche und philosophische Abhandlungen. Und dies war nur gerecht. Er liebte sein Volk und wollte, daß es geliebt werde, und dies erreichte er auch, da seine Kunst aufrichtig war und seinen Werken den Siegel der Echtheit und Wirklichkeit — ohne jede Verschönerung — aufdrückte. All jene Leiden, die er so meisterhaft genau auf die Leinwand brachte, trug er in und mit sich. Dieses dramatische Motiv, das in fast all seinen Bildern zu finden ist, jene Tragik einer wehmutsvollen Ergebung, . wie es das Leben seiner Glaubensbrüder in der Verbannung war, jenes Drama, das starren Angesichts und um so schmerzlicher, weil auch lautlos gleich der Grabesstille, ertragen wurde, — jenes Drama war auch das seine. Keine Faser seines Herzens, die nicht zitterte, wenn er die Leiden seines Volkes, ja mehr noch, wenn er die Leiden der gesamten Menschheit überhaupt sah. Er war wie eine Leier, deren gespannte Saiten beim Anschlagen seufzen. Ach, die Saiten waren zu straff gespannt und sprangen, und die Lyra ist dahin! Er war nach Palästina gekommen, um es zu besingen: er wollte endlich das Land der Verheißung sehen, das Land, wo Milch und Honig fließt. Er wollte dort, unter dem ewigblauen Himmel, seine Mitbrüder wiedersehen, aber froh und glücklich. Er wollte sie sehen in dieser gleichsam wieder zurückeroberten Heimat und die Freiheit besingen. Aber ach! Das Exil, welches er zu lange erdülden mußte, ließ bei ihm unverlöschliche Spuren zurück. Er fand seine Brüder schließlich wieder, die Stirne gefurcht von Sorgen die Schultern gebeugt, die Seele geschwächt von den allzu vielen und heftigen V Kämpfen, das Herz nöch blutend von all der Trauer, welche sie im Heimatlande hinter sich ließen. Hier in diesem schönen Lande Palästina fand er sie wieder, im . Kampfe gegen ihr Schicksal, Wundervoll besang er dieses Land, weil er mit aller Macht der Wiederauferstehung des jüdischen Volkes aufhelfen wollte, das sich dort in seiner Umgebung noch zu furchtsam und beunruhigt fühlte, jedoch festen Willens, zu glänzen, wenn dereinst sein Tag kommen sollte. Man kann sagen, daß Hirschenberg sich mit Leib und Seele und mit Freuden an das Werk hingab, welches zu vervollständigen er nach Palästina kam. Mit ihm zog im „Bezalel" ein frischer und neuer Hauch ein. Er brachte in seine Jünger, die sich um ihn sammelten und schon von dem giftigen Hauch der russischen Wirren ergriffen waren, neue Jugend und ein neues Leben. Mit welch fachkundiger Hand wußte er sie zu leiten, mit welch auffrischenden und ermunternden Worten wußte er sie zu beraten und ihren dahingesunkenen Mut wieder zu neuem Erwachen zu bringen. Welch väterlichen Freund hatten sie in ihm, welch brüderlicher Berater und Helfer war er Herrn Schatz bei seinem Werke. Wir allein wissen es, die wir sein Leben, seine Kämpfe und seine Drangsale mitmachten. Niemals, selbst in den schweren Stunden der Furcht und Verzweiflung, zog er sich von der Aufgabe zurück, die er sich als Ziel setzte und der er sich mit Liebe hingab. Noch in seinen letzten Lebenstagen, obwohl'leidend und schwach, wies er unser eindringliches Zureden, nach Europa zurückzukehren, ab, da er sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen konnte, seine Werke unvollendet fremden Händen anzuvertrauen. Der Tod hat ihn — ach — dazu gezwungen! Er sollte Europa nicht mehr wiedersehen, wo er gelebt, gekämpft und gelitten hat. Dieser Flecken Erde, über den so viele Jahrhunderte der Weltgeschichte dahingeflohen sind, und den er als seine Heimat betrachtete, diese Erde wird seine sterblichen Überreste für ewig in ihren Schoß nehmen. Möge sie ihm leicht und gnädig sein! Mögen die zaubervollen Mondesnächte, die er so sehr liebte, auf dem Hügel, wo er nun ruht, ihr zartes . Licht über ihn strahlen lassen. Möge die Sonne auf seinem Grabe diese kleinen, wilden Blumen von Palästina wieder e'mporblühen lassen! Mögen diese duftenden Blümchen ihm sagen, daß wir seiner nie vergessen, und daß, wenn er auch nun dahingeschieden ist, die Erinnerung an ihn und seine Taten fortleben wird im Herzen des jüdischen Volkes, welches seine Toten zu schätzen und zu verehren versteht. AUS DER BEWEGUNG Deutschland Köln. Samstag den 24. d; M. fand im Saale des Jugendvereins „Gabriel Riesser" die erste öffentliche Versammlung der hiesigen zionistischen Vereinigung in der diesjährigen Wintersaison statt Redakteur N. Sokolow referierte über die „Neue Lage im Orient". In einer tiefdurchdachten fünfviertelstündigen Rede entwarf der Referent in großen Zügen ein Bild über die Entwicklung der Ereignisse auf der Balkanhalbinsel. Die gegenwärtige Situation im ottomanischen Reiche bedeute, — wie Redner in überzeugender Weise darlegte, — für die Ziele der zionistischen Bewegung einen unleugbaren Fortschritt. Die Umwälzung in der Türkei habe sich in einer so friedlichen Weise vollzogen und entsprang einer eminent national-kulturellen Strömung, die für die

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