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Die Welt · 1908-10-30 · 43 (30.10.1908) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
43 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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"ÄJ5*??^ No. 43- D1EOTELT FEUILLETON EIN GEDENKBLATT Den Manen Samuel Hirschen bergs von seiner Wittwe Zwei Cypressen, einige Pflanzen, die' sich an der Seite eines Hügels in die Höhe winden und gegen" dasfeenhafte Panorama, das Jerusalem unter dem Zauberbann der Sonne bietet, gewendet, ein Denkstein, wo sein Name eingemeißelt sein wird, das ist alles, was von einem Manne bleibt, den alle, die ihn kannten, beweinen, — von Samuel Hirschenberg. Die Malaria hat ihn nach mehrtägigem schmerzvollem Leiden dahingerafft. Er wollte nicht sterben, und mit all seiner Willenskraft und Macht kämpfte er gegen den Tod. Aber der wollte es, und er hat ihn auch besiegt. Und der Tod trug auch den Sieg davon über uns, die wir während siebzehn Tagen und siebzehn Nächten an seinem Schmerzenslager verweilten, um das Fortschreiten der Krankheit zu verfolgen und sie nach unsern Kräften zu bekämpfen. Er wollte nicht sterben. Ein Jahr ist es her, daß Samuel Hirschenberg endlich seinen Fuß setzte auf das heißersehnte Land, das Land, von dem er so oft träumte, es sehen und malen zu wollen; als er seine Mitbrüder aus Polen und Rußland sah, die in das heilige Land gekommen waren, um dort zu sterben, sagte er: „Ich bin hierher gekommen, um hier zu leben und Leben in dieses Land zu pflanzen." Welche Ironie des Schicksals!. Während so. viele Unnütze und Unglückliche sich mit ihrem Elend abschleppen und den Tod herbeisehnen, mußte er mit 42 Jahren, in der Blüte der Jahre, dahinscheiden, in seinem Atelier unvollendete Bilder, Skizzen, Projekte hinterlassend--------. Ach, wie viele Werke gingen damit für die Kunst verloren! Er schied von seinen geliebten Schülern, die ihn verehrten und hochschätzten, und ließ eine öde Leere und Trauer in seiner Umgebung zurück, denn diesen Mann kennen, hieß, ihn lieben, ihn schätzen, ihn ehren. Trotz der Kämpfe, die er in seinem Leben bestehen mußte, kannte er weder Neid noch Eifersucht; niemals tat er einen Schritt, der von einem unlautern Denken geleitet war, und nie erniedrigte er seine Kunst zu einem Geschäft. Er'war stolz und von sich eingenommen, aber diese Fehler, bei ihm wurden sie zu Vorzügen. Er wollte, daß man in ihm den Juden ehre, und er erreichte es. Wenn er nicht das Glück kannte, wenn er oft im Schatten blieb, gerade dort, wo er an erster Stelle hätte leuchten sollen, so war es sein Charakter, sein gerades Wesen, die ihm nicht erlaubten, sich dessen zu begeben, was er als die Ehre eines Künstlers erachtete, und wenn er dann wirklich zu Ruhm kam, so kann man ruhig sagen, daß er ihn wahrhaft verdiente. Bei all diesem Ruhm war er nie eitel; stets empfing er die, die zu ihm kamen, mit offenen Armen. Keinem Menschen versagte er seinen Beistand, und seine Freunde fandenMhn immer hilfsbereit. Den Jüngern, die zu ihm kamen, stand sein Atelier offen; er gab ihnen nmsonst Unterricht, half ihnen durch seinen Einfluß und stand ihnen materiell bei. Seine Ergebenheit und Liebe zu seinen Eltern trieb er fast bis zur Aufopferung. Seinem Volke widmete er seinen Geist, seine Seele, seine Kunst und---sein Leben. Damit das jüdische Volkes wisse, muß es gesagt und wiederholt werden, daß Samuel Hirschenberg als Mensch wie auch als Künstler — bei ihm waren beide in einer Person vereint — vor allem sein Volk liebte, durch das und mit dem er litt. Sein Volk, manchmal undankbar, vergaß ihn oder verhielt sich zum mindesten gleichgültig gegen ihn, er aber vergaß seiner nie. Sein ganzes Lebenswerk bezeugt dies. Er sah die jüdische Jugend gebeugt über schwierige Probleme, wie sie sich bis zur Hinfälligkeit erschöpfte. — Dies wurde: „Jeshiboth",- das erste große Werk des Meisters, das ihm auf der Weltausstellung in Paris 1889 die Goldene Medaille brachte. Er sah die jüdischen Philosophen, wie sie dem Schatten des Ghettos entwichen und sich dem Lichte zuwandten. Er sah Uriel Acosta, wie er Spinoza in die ersten Begriffe der Geschichte der Natur einweihte.— Dies ließ ihn „Uriel Acosta und Spinoza" schaffen. An seinen Glaubensgenossen interessierte ihn alles. Er. folgte ihnen in ihr Privatleben, er sah sie leben, leiden und weinen. Er verherrlichte und besang sie. ---Juden, versammelt um einen Tisch der von einem flackernden Talglicht spärlich beleuchtet wird, eifrig diskutierend über dunkle Punkte, die sich am Horizont zeigen und Unheil drohen den Unglücklichen, den stets Verspotteten und Verhöhnten, den ewig Verfolgten. — Das malte er in „Ein Stückchen Politik". Er sah sie versammelt bei den Großeltern, — hörte vielleicht selbst zu, wie sie die Neuigkeiten vorlasen, die die Briefe aus Amerika brachten, — während sie vom Fenster aus die hohen Schornsteine sahen, die in Lodz, seiner Vaterstadt, rauchten. Er fühlte mit ihnen die wehmutsvolle Poesie, die diese von jenseit des Ozeans kommenden Zeilen bargen, und er schuf daraus, wie bei ihm alles, zu Kunst wurde: „Die Sabbatruhe". Dann wieder fesselte ihn die idyllische Eintönigkeit und Ruhe an den Fest- und Feiertagen, die Frauen in dem Reiz ihrer altmodischen Kleider, und gerade dies liebte er so sehr, weil es ihn an seine Kindheit erinnerte. Das wurden seine" „Feiertage im Ghetto". Dann kamen die bösen Stunden, wo sich alles zu verdunkeln schien, wo der Mensen umsonst den Hafen sucht, in dem er sein Heil findet. Er kam sich in seiner Heimat fremd vor; fremd und einsam, verkannt und enttäuscht, und wenn er seine Mitbrüder um sich erblickte, die ebenso wie er umherirrend, unstät waren, da begriff er sein Elend und auch das ihrige. Sie waren allerorts und allezeit vaterlandslos. So entstand sein „ewiger Jude". Er litt mit ihnen die traurigen Stunden der' Verfolgungen mit. Gleich ihnen gehetzt und verfolgt, mußteer vor den Massakers flüchten. Er mußte sich

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