Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 43 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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•?Jtiö>43 : 52 des Berliner Vertrages verlangen würde, der besagt, daß keine Forts oder Festungen längs den Ufern der Donau unterhalb des Eisernen Tores erlaubt sein und daß die bestehenden geschleift werden sollen. Steht es außer Frage, daß diese oder eine andere Forderung, die von Rumänien gestellt werden sollte, abhängig gemacht wird von der ehrenhaften Erfüllung der Artikel 43 und 44 des Vertrages?---------- Wir haben ein überaus starkes Interesse daran, daß die Frage der rumänischen Juden nicht in diesem wichtigen Momente in den Abgrund geworfen und vergessen wird. Zunächst würde, wenn man sich enthielte, diese Frage letzt aufzuwerten, dies bedeuten, daß man die ganze Frage nachlässigerweise habe fähren lassen. Es würde von Rumänien und den Mächten als eine schweigende Zustimmung zu den rumänischen Greueltaten und ein tatsächliches Imstichelassen unserer Glaubensbrüder aufgefaßt werden. Jeder Versuch, die Sache später aufzurollen, würde dem Einwand begegnen, daß die Zeit zur Erörterung vorüber ist, und daß es nicht angehe, die Verhandlung über die schwierigen und gefahrvollen Fragen des Berliner Vertrages wieder zu eröffnen. Keine verantwortliche jüdische Körperschaft dürfte sich, sei es aktiv oder passiv, zu einer solchen Politik entschließen, wenn sie nicht die schwerste Verantwortung eingehen und sich nicht der ernstesten Verurteilung aussetzen will. Tatsächlich handelt es sich nicht nur um das Schicksal der Viertelmillion Juden in Rumänien. Die Paragraphen 43 und 44 des Berliner Vertrages waren ein großer und beispielloser Sieg der nationalen und religiösen Toleranz, ein Sieg, der durch die Mächte im Kongreß geweiht und in das Gesetzbuch Europas aufgenommen wurde. Sich mit ihrer Verletzung einverstanden zu erklären, würde daher, die Zustimmung dazu bedeuten, daß ein wichtiges und wohltätiges Gesetz nicht in Kraft treten und ein bedeutsamer Schritt rückwärts gemacht werden soll. Unter einem solchen Triumph der Reaktion würden nicht nur die Juden Rumäniens leiden. Die Antisemiten Rußlands, Bulgariens und aHer andern Länder würden frischen Mut fassen aus diesem- Rückzug der liberalen Idee, und ein neues Kapitel der Verfolgung und des Unrechts würde in unserer bewegten Geschichte eröffnet werden. Jetzt ist wahrhaft die Zeit für alle die großen jüdischen Organisationen in der ganzen Welt, alle Differenzen;' «P^^^^-rO^^^^T?^-^ \' *jv £ELT - 7 verschwinden zü machen und alle Vorurteile beiseite zu legen, um eine wehrhafte Phalanx als Juden zu bilden. Sie müssen sofort in Beratungen eintreten, sie müsseh stark und guten Mutes sein und dafür sorgen, daß die Geschichte nicht einmal, von unsttrm Geschlechte sagen muß, sie habe es zü einer Zefe. wo die religiöse Gleichberechtigung im nicht unwichtigsten TejlP: der Erde in Frage kam, illoyal und apathisch gefunden iwiMh* Der «Nutus* Berlin schreibt in seiner Jüdische Aktionäre Nf 43 yom 24 Oktober: Mancher mag erstaunt gelesen haben, daß zu Ende Oktober eine außerordentliche Generalversammlung der Petersburger Putilowwerke über die Gleichstelleng der Aktionäre jüdischen Glaubens mit denen christlichen Glaubens beschließen soll. Em derartiger Beschluß würde Juden statutarisch die ihnen bisher verschlossene Möglichkeit öffneft, Mitglieder der Verwaltung der Gesellschaft au werden. Eine Aktiengesellschaft, die der freien Betätigung des Kapitals konSessionelle Schranken auferlegt, ist «etn "Widerspruch in sich, mutet wie ein mittelalterliches Restchen an. indessen, man sollte sich hüten, diese Zustände mit dem keüuemen Hinweis auf in Deutschland unmögliche russische Verhältnisse abzutun. Die Selbstgefälligkeit wäre vom Übel. 'Wie vor wenigen Monaten Kuxenfachblätter berichteten, gibt es ttiämlich in TDeotschland rganz Ähnliches heute noch — natürlich im Mecklenburg. Dort existiert die Mecklenburgische Gewerkschaft ^Friedrich Franz, ein Kaliunternehmen. Zwar wird dort nicht der "Küxenbesitz aus ^konfessionellen Gründen" Juden versagt und Christen erlaubt, aber nur formell nicht, in der Praxis erwirkt das Statut <ier Gewerkschaft das Gleiche. In der Satzung der 1 Gewerkschaft heißt es nämlich, daß Gewerken nur Persönlichkeiten fsein können, welche zum „Gesellschaftskreise" des gräflichen! Herrn Slaolto Douglas gehören. Es ist durchaus glaubhaft, daß dieser Gesellschaftskreis nicht alzu viel Juden umschließt Aber eine weitere Sperre liegt vor der Möglichkeit, Gewerke zu wenden. Den Hebel zu dieser hat die bekanntlich sehr moderne 'MeckieRburgiSchwerinsche Regierung in der Hand, deren Finanzministerium jeden neuen Gewerken ablehnen kann. Muß : man also nach Rußland gehen, um Arbeit für die Beseitigung von faßlichen Altertümern zu finden? □ n □ PALÄSTINA nnn Die Parlamentswahlen Jaffa, 16. Oktober. Die Wahlen der Wahlmänner sind irr Palästina bereits beendet In Jerusalem sind vier mohammedanische- und zwei jüdische Wahlmänner gewählt worden. Die beiden jüdischen "Wahlmänner sind die Zionisten Dr. Levy, Direktor der Anglo Palestine Company in Jerusalem, und Jellin. Zwei andere jüdische Wahlmänner blieben mit wenigen Stimmen gegenüber den Mohammedanern in der Minderheit Der Wahlkampf in Jerusalem war sehr heftig, da der Direktor der Gewerbeschule der Alliance- Israelite Universelle, Anfcebi, gegen Dr. Levy auftrat und sich sogar in Levys Wahlbezirk als Kandidat aufstellen ließ. Er erlitt indessen eine schwere Niederlage, da sich auf ihn nur 105 Stimmen vereinigten, während Dr. Levy 154 erhielt. In Pethäch-Tikwah und Umgebung ist der mohammedanische Wahlmann mit 155 Stimmen gewählt werden; der jüdische Kandidat Schapira erhielt nur 71 Stimmen. Aus Rämleh, wo die jüdischen Kolonien Rischon, Reschoboth,. Wadi Chanin und Ekron wählten, ist das Resultat bis zur Stunde nicht bekannt Die Juden, die hier nur ca. 120 Wähler haben, gegenüber 2600 Christen und Mohammedanern, haben eine sehr rührige Agitation entfaltet namentlich in den arabischen Dörfern, und man hofft, daß unter den 5 Wahlmännern 2 Juden (Eisenberg und Seeger) gewählt sein werden. - In Jaffa hat die Behörde widergesetzlich die Wahlbezirke nicht nach Stadtbezirken, sondern nach Konfessionen gebildet und aus Juden und Christen zusammen einen Bezirk mit 800 Christen und 100 Juden gebildet. Alle Proteste der Juden hiergegen waren erfolglos. . An ein Durchbrihgen eines jüdischen Wahlmannes war hiernach nicht zu denken. Die Juden werden im günstigsten Falle im ganzen Paschalik Jerusalem nur vier Wahlmänner (neben etwa 140 mohammedanischen , und 20—30 christlichen) haben. Unter diesen Umständen erscheint,, die Wahl eines jüdischen Abgeordneten fast aussichtslos. Es kommt darauf: an, ob die Mohammedaner bereit sein werden, auch einen nichtmohammedanischen Abgeordneten ins Parlament zu entsenden. In .diesem Falle hätte der überall sehr beliebte und angesehene :Dr. .Levy die meisten Aussichten. .Jaffa, 19. Oktober. Die Aussichten für Herrn Dr. Levy haben sich inzwischen leider so verschlechtert, daß dieser seine Kan- .ditatur zurückgezogen hat. Bei den Wahlen, die gestern im Kreise (Cada) Jerusalem stattgefunden haben und die für die -Stimmung im ganzen Sandschak Jerusalem als symptomatisch angesehen werden können, wurden nämlich drei Mohammedaner als Deputierte gewählt. Es kann hiernach' als feststehend gelten, daß die Mohammedaner weder einen Juden noch einen Christen als Kandidaten unterstützen wollen, und bei dieser Sachlage ist die Wahl von Dr. Levy nicht durchzusetzen. Die Juden sind eben in politischer Beziehung in Palästina noch sehr schwach, weil nur eine ganz geringe Zahl ottomanische Staats-- burger sind. Die genaue Zahl der wahlberechtigten Juden ist erst jetzt bekannt geworden und sie beträgt in Jaffa nur 112 Wähler bei insgesamt 3463 Wählern überhaupt im Bezirke Ramleh. zu dem die Kolonien Rischon mit 47, Rechoboth mit 19, Wadi Chanin mit 12 und Ekron mit 48 jüdischen Wählern gehören, 126 Wähler unter 2700 Wählern überhaupt Die mohammedanischen Kandidaten, welche im C a d a Jerusalem die meisten Stimmen erhalten und deshalb bisher auch die besten Aussichten haben, endgiltig auch im Sandschak Jerusalem gewählt ' zu werden, sind Rochi Effendi el Halidi, türkischer Konsul in Bordeaux, ein sehr gebildeter und liberaler Mann, Osman Nachichibi und Said Effendi el Husseni, beides ebenfalls gebildete Leute, ohne prononcierte Stellung zur Judenfrage. Azouri Bey, Herausgeber der Independence Arabe, bekanntlich ein judenfeindlicer christlicher Araber, hat nicht eine einzige Stimme erhalten, Dr. Levy erhielt die Stimmen der beiden jüdischen Wählmänner, während die drei genannten Mohammedaner 21,19 und 14 Stimmen auf sich vereinigten.