Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 42 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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12 DiE 2B£ELT ^i*v>^->^Ä^^ -zwischen den christlichen und jüdischen Arbeitern Bialystocks keinen Zwiespalt geben könne, da sie der Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch", nicht aber der bureaukratischen Maxime: „Freßt einander auf folgen. Er habe des weitem ausgeführt, daß die Unzufriedenheit des Militärs durch ihre Verwendung für den Polizeidienst zur Bekämpfung des „inneren Feindes" bedingt sei, daß anderseits die hetzerische Propaganda in der Armee bereits seit dem Brester Pogrom betrieben worden sei, wobei er einen in seine Hände geratenen Aufruf zitiert hätte. „An dem Bialystocker Pogrom" — hätte Hillersohn ausgerufen — „seien nicht die Juden noch die Angeklagten, welche Opfer der Provokation wären, schuld: die wirklichen Schuldigen erfreuen sich der Freiheit. Durch verabredete Flintenschüsse sei der Pogrom in Bialystock angekündigt worden." Nun wären ja die verfolgten Rechtsanwälte und mit ihnen alle freiheitlichen Kreise Rußlands über die Anklage froh. Denn niederschmetternd müßte der Wahrheitsbeweis, den zu erbringen Skarjatin und .Hillersohn sich erbötig machen, auf die reaktionäre Sippe wirken. Aber von den Gewaltmenschen kann man von vornherein annehmen, daß sie jeden derartigen Versuch ohne weiteres unterdrücken werden. Ist doch darin die Praxis so weit gediehen, daß die Zeiten Plehwes bei weitem überholt sind! Im Kischinewer Prozeß durften wenigstens die Advokaten die Wahrheit aussprechen, jetzt wird auch dieses Asyl den Betroffenen genommen werden. Von nun an soll über den Verteidigern in allen politischen Prozessen das Damoklesschwert einer etwaigen nachträglichen Anklage hängen und das Prozeßverfahren auf ein völliges Nichts degradieren. Verschlimmerung der Lage Petersburg, 19. Okt. Ein vom Kaiser bestätigter Beschluß des Ministerrats über die Feststellung des Prozentsatzes bei der Aufnahme von Juden in die Lehranstalten verfügt, daß Juden in den Lehranstalten sämtlicher Ressorts, ausgenommen die Petersburger und Moskauer Konservatorien, wo ein höherer Prozentsatz zulässig ist, in den Hauptstädten mit drei Prozent an der Hörerzahl beteiligt sein dürfen, mit fünf Prozent für die übrigen außerhalb der Grenzen, in denen den Juden das Wohnen gestattet ist liegenden Städte des Reichs und mit zehn Prozent für die innerhalb dieser Grenzen befindlichen Städte. Auf Befehl des Kaisers wurde ein Ausschuß zusammenberufen unter dem Vorsitz des Ministers für Volksaufklärung und zusammengesetzt aus Vertretern der interessierten Behörden, der die Bedingungen bei Aufnahme von Juden in die mittlem Lehranstalten feststellen soll. Die Beschlüsse sind dem Ministerrat zur Bestätigung vorzulegen. Dieses bedeutet eine wesentliche Verschlimmerung des bisherigen Zustandes. Bis jetzt galten nämlich die oben mitgeteilten Normen .nur auf Grund eines Ministerialerlasses. Dadurch war es möglich, daß in den letzten Jahren zahlreiche Ausnahmen von der Regel gemacht und an mehreren Anstalten Studierende auch über das festgesetzte Maß zugelassen wurden. Nachdem aber nunmehr der Ministerrat diese Verfügung erlassen und sie von allerhöchster Stelle bestätigt worden ist, sind Ausnahmen kaum mehr zu erwarten. / ■ ' ' ■ No/42 Synagogen, Lord Rotschild, an den sogenannten „Rabbi" zurSprache," der von den streikenden Händlern angestellt ist. In diesem Schreiben weist Lord Rotschild auf die ihm bekannt gewordene Tatsache hin, daß dieser „Rabbi" Scheidungen vornehme und macht ihn darauf aufmerksam, daß diese nach englischem Gesetz ungültig sind und daß sollten, sich solche „Geschiedene" wieder verheiraten, die Kinder dieser zweiten Ehe als unehelich gelten. Er verschweigt, daß eine solche zweiteEheschließungunweigerlich ßine Anklage wegen Bigamie nach sich ziehen würde. Zweifellos wird dieses Schreiben von Einfluß auf die Stellung der Streikenden sein nnd sie vielleicht veranlassen,-sich Verhandlungen zugänglicher zu zeigen, umsomehr da Lord Swaythling erklärte, daß der Schecheta Board für tatsächliche Beschwerden ein offenes Ohr habe. Ungarn Vier von den Personen, die bei der Panik in der Synagoge zu Marmarosziget, über die wir in unserer vorletzten Nummer berichteten, verwundet wurden, sind nachträglich gestorben, so daß die Zahl der Opfer insgesamt acht beträgt. Der Schechitastreit in London Der Schechitastreit in London, über den wir jüngst berichteten, ist leider noch nicht beigelegt, sondern nimmt im Gegenteil schärferer Formen an. Die streikenden Fleischhändler verlangten bekanntlich, daß die Zahl der vom Schecheta Board zu erteilenden Schächtlizenzen künftighin beschränkt werde, weil sie unter dem Übermaß von Schächtern und Fleischhändlern litten. Als die Verhandlungen zu keinem Ziele führten, organisierten sie einen Streik, sagten sich vom Schecheta Board los, stellten einen eigenen Rabbiner an, setzten einen besonderen Board ein, kurzum separierten sich vollständig. Demgegenüber erklärte der Schecheta Board die von dem neuen „Rabbi" erteilten Lizenzen für ungültig, das von den betreffenden Schächtern geschlachtete Fleisch für trefa. Ein Teil der Eastendjuden sympathisiert aber mit den rebellischen Händlern, und es kam zu bösen Zänkereien, Boykott und sogar Schlägereien. Natürlich ist der Schecheta Board um seine Autorität sehr besorgt. In seiner jüngsten Sitzung gebrauchte sein Vorsitzender, Lord Swaythling, daher auch sehr heftige Ausdrücke, bezeichnete die Widerspenstigen als Rebellen, die erst widerrufen müßten, ehe man mit ihnen verhandeln könne und drohte mit den schärfsten Maßregeln, Ausschluß aus der Synagogengemeinschaft, Verweigerung des religiösen Begräbnisses usw. Anderseits kam aber auch eine mildere Tonart zur Geltung, die auf das Beklagenswerte und Schädliche des jetzigen Zustandes hinwies und durchsetzte, daß Verhandlungen mit den streikenden Händlern eingeleitet werden sollen. Insbesondere der Chiefrabbi machte sich in dieser Hinsicht verdient. Bei den Verhandlungen kam auch ein Brief des Vorsitzenden des Rates der Vereinigten Triumph des Patriotismus Folgende reizende Geschichte lesen wir in der Nr. 245 des „Pester Lloyd" vom 13. d. M.: Aus Komärom wird gemeldet: In Katnocsa wollten die Israeliten ihre neue Synagoge einweihen und lüde» den Rabbiner der Gemeinde Guta ein, die Einweihung vorzunehmen. Der Rabbiner erklärte jedoch, daß er nicht ungarisch spreche, und.da die patriotisch gesinnten Juden nicht wollten, daß das erste Wort in ihrer neuen Synagoge in einer fremden Sprache gesprochen werde, ersuchten sie den reformierten Seelsorger Koloman Boroß, in der Synagoge eine ungarische Predigt zu halten, und übergaben ihm zugleich den mit einem rot-weiß-grünen Bande geschmückten Tempelschlüssel. Seelsorger Boroß willfahrte gern dem Wunsche der Israeliten und hielt in. der Synagoge eine tiefempfundene, wirkungsvolle Predigt. Wir möchten das Entsetzen der famosen Israeliten von Katnocsa gesehen haben, wenn etwa jemand auf den Gedanken verfallen wäre, zu behaupten, die Eröffnung der Synagoge müsse in der den , Juden Kamocsas bekanntlich fremdesten Sprache,- der hebräischen, vorgenommen werden. Eine Anklage wegen Hochverrats wäre ihm wahrscheinlich gewiß gewesen! NOTIZEN Rasse und Geisteskrankheiten Eine Untersuchung über Geistesstörungen beiden Juden Über ein viel erörtertes Tema, über die vielverbreitete Anschauung, daß speziell die jüdische Rasse besonders stark zu geistigen Erkrankungen neige, läßt sich in der bekannten populärwissenschaftlichen Zeitschrift „Die Umschau" der Arzt an der Frankfurter Irrenanstalt Dr. med. Max Sichel in einem Artikel „Die Geistesstörungen bei den Juden", wie folgt, vernehmen: Vor einigen Jahren, schreibt Dr. Sichel, stellte Professor Pilcz in Wien vergleichende Betrachtungen über Häufigkeit und Verlauf der Geistesstörungen ~ bei verschiedenen Rassen an. In einer früheren Arbeit hatte der Genannte interessante statistische Ergebnisse über die Geisteskrankheiten bei den Juden Wiens veröffentlicht und dabei auf die auffallend hohe Zahl der jüdischen Geisteskranken hingewiesen. Da diese Ansicht von der besonderen Häufigkeit psychischer Erkrankung bei den Juden ziemlich allgemein geteilt wird, hielten wir es für wertvoll, auch unser Krankenmaterial auf die Richtigkeit der bestehenden Anschauungen statistisch zu prüfen. Wir glaubten zu diesem Versuch um so mehr berechtigt zu sein, als einerseits der hohe Prozentsatz, den die Juden zur Bevölkerung Frankfurts stellen, anderseits die freien Aufnahmebedingungen der Frankfurter Irrenanstalt und das mehr und mehr schwindende Vorurteil auch der wohlhabenden Kreise gegen dieselbe unserer Untersuchung über die Geistesstörungen bei den Juden eine breite Unterlage lieferten. Wir sind uns vollkommen bewußt,- daß, wie jeder Statistik, auch unseren zahlenmäßigen Erhebungen gewisse Mängel anhafteu. Gleichwohl sind wir der Meinung, daß, wenn von irgendeiner Seite an diese Frage herangetreten werden, darf, dies nur da geschehen kann, wo die Verhältnisse gleich günstig liegen wie hier.