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Die Welt · 1908-10-23 · 42 (23.10.1908) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
42 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Psychologie emgeschüchferter, ängstlicher, lefserteterischer Juden. Es -wird Sä 'manchen Kreisen mitgeheimnisvollen' Mienen und Gebärden ^behauptet", der Fall Lutgers würde' die Antisemiten erbittern und zu einem organisierten Boykott der jüdischen Gewerbetreibenden führen. Die Leopoldstädter Juden wären ruiniert, an den Bettelstab gebracht. Daher, so wird argumentiert müssen die Juden selbst -dafür Sorge tragen, daß Lueger gewählt werde — . •. Eine baüemfängerische Rabulisiik entweder zusammengeknickter, rfickgratioser Leute, die die Furcht um jeden Rest von Logik gebracht hat, oder aber geschickter Wahlagitatoren, die auf die besinnungslose Ängstlichkeit mancher Juden spekulieren. Das Gerücht - wird schwerlich den Tatsachen entsprechen. Aber bezeichnend ist es. Übrigens, es gibt nichts Neues unter der Sonne. Wir haben es ja erlebt, daß Juden aus „nationalen Gründen", im Banne der „deutschen Gemeinbürgschaft" — ein ideelles Gut! — für notorische Antisemiten stimmten. Warum sollen sich keine seelisch Verwandten finden, die aus minder selbstlosen, aus Gründen vermeintlicher Selbsterhaltung das gleiche tun? ... Gewerkschaftlicher Antisemitismus Der österreichische Schneiderverband hat eine befremdende Verfügung getroffen. Er erklärte, daß die jüdischen Schneider in Galizien die Unterstützungseinrichtungen des Verbandes allzu sehr in Anspruch nehmen. Er sistierte daher die weitere Aufnahme von jüdischen Schneidern; den mehreren Hundert jüdischer Schneider Galiziens, die dem Verbände bereits angehören, werden alle Bezugsreebte entzogen. Also ein nicht mißzuverstehender Hinauswurf der jüdischen Schneidergehülfen aus der gewerkschaftlichen Organisation. Nach den jahrelangen Bemühungen der Wiener Zentralverbände, die viel schlechter gestellten jüdischen Arbeiter Galiziens zu organisieren, die die Lebenshaltung ihrer westlichen Arbeits- §enossen bedrohen können, ist dieser Fußtritt, diese einfach unerhörte irüskierung der zahlreichsten Branche der, jüdischen Arbeiter, schlechthin , unbegreiflich. Daß die Erhaltung einer Gewerkschaft in einem rückständigen Lande wie Galizien mit Opfern verbunden ist, war auch bisher bekannt und würde als eine selbstverständliche Notwendigkeit betrachtet. Das Vorgehen des Schneiderverbandes ist aber keine durch die Daseinsbedingungen der gewerkschaftlichen Organisation gebotene Maßregel. Sie entspringt parteitaktischen Erwägungen und wurde nicht in Wien, sondern in Krakau, in der " Parteileitung der R. P. S., ersonnen. Die jüdischen Schneider gehören nicht der herrschenden Polnischen sozialdemokratischen Partei an. Sie legen ein ausgesprochen. jüdisches Selbstgefühl an den Tag und ziehen, insofern sie politisch organisiert sind, die jüdischsozialistischen Organisationen — .Separatisten, Poale Zion — vor. Daher die Maßregelung seitens der den Willen der Partei erfüllenden Gewerkschaft Ein neuerlicher Beweis dafür, daß die gewerkschaftliche Neutralität in Galizien von den P. P. S. mit Füßen getreten wird. Die Brutalitäten der polnischen Sozialdemokratie werden ihr gewiß die Herzen der jüdischen Arbeiter nicht zurückerobern. Sie sind nur ein Kennzeichen ihrer Schwäche im jüdischen Proletariat. Bilinskis Judenfreundlichkeit Herr R. v. Bilinski, Gouverneur der Österreichisch-ungarischen Bank, natürlich auch Mitglied der Rechten des Herrenhauses, ist auch Abgeordneter des „einzigen polnischen Parlaments", des galizischen Landtags. Daß der hohe Herr sich herbeiläßt auch Landtagsabgeordneter zu sein, ist nicht weiter verwunderlich; die polnische Schlachta weiß, wo die Quellen ihrer Macht sind. Herr R. v. Bilinski ist, wie bekanntlich das gesamte polnische Volk und insbesondere seine ruhmreiche, freiheitsliebende Aristokratie, ganz vorurteilslos und sehr, sehr judenfreundlich. Den Beweis hierfür erbrachte er auch in einwandfreier Weise vor seinen Wählern in Stanislau. Der naive, ahnungslose, treuherzige Herr Rauch, der- Kandidat der konservativen Polen bei den Reichsratswahlen, interpellierte den Herrn Bilinski, warum eigentlich die Juden bei den autonomen Behörden, die ja polnisch sind, keine Anstellung finden können. Herr Bilinski ließ eine Lobeshymne auf den jüdischen „esprit" vom Stapel, huld-gte unserm Handelsgeist und andern Tugenden. Für den Beamtenberuf jedoch haben wir, so meint Herr Bilinski, kein Talent Die Begründung ist einfach unwiderleglich. Er, R. v. Bilinski, sei ja gewiß kein Antisemit, — man studiere die Statistik. Diese als Prämisse aufgestellte Behauptung war eben zu beweisen! — und doch gibt es in der Österreichisch-ungarischen Bank keinen einzigen Juden! Folglich sind die Juden wirklich unfähig, Beamtenstellen zu bekleiden. Ein typisch schlachzizischer Kniff. Herr Bilinski, der hTder Reichsbank keinen Juden duldet, .ist wohl der erste Mann auf Erden, der den Juden die Fähigkeit abspricht, Bankgeschäfte zu leiten oder auszuführen. So steht es auch mit der Befähigung für die Beamtenlaufbahn. 11 Parteitag der Separatisten In Lemberg fand vom 17. bis 19. dieses Monats der Parteitag der „Jüdischen sozialdemokratischen Partei Galiziens" statt. Wir kommen noch auf die Verhandlungen zurück. Die Kandidaten der Opposition In einer Montag, den 19. d. M. stattgehabten Vertrauensmännerversammlung, wurde die Kandidatenliste des Oppositionellen Wahlkomitees bekannt gegeben. Unter lebhaften Beifallskundgebungen wurden folgende von Herrn Dr. Weisengrüu im Namen des Exekutivkomitees in Vorschlag gebrachten Kandidaturen einmütig zur Kenntnis genommen. Es werden kandidiert die Herren Adolf Brecher, Ad. Böhm, Prof. Ehrmann, Max Frank, Dr. Isidor Margulies, Max Markus, Dr. J. Schalit, Dr. Zipser und Dr. Egon Zweig. In'der Versammlung sprach Abg. Dr. Mahler über die „Notwendigkeit eines Wahlkampfes", Dr. Zweig referierte über die Wahlplatform. Wir berichteten bereits über die programmatischen Postulate der Opposition. Es ist noch zu erwähnen, daß die oppositionellen Parteien folgende Forderungen in ihr Programm aufgenommen haben: Errichtung eines Auswanderungsamtes, die Eingemeindung (Kommunalisierung) des Arbeitsnachweises und die" Gründung von Lehrlingsheimen. Rußland Die Zivilkläger des Bialystocker Pogromprozesses unter Anklage Aus Petersburg wird uns vom 14. Oktober geschrieben: Die Schatten des berüchtigten Bialystocker Pogromprozesses wollen nochimmer nicht schwinden. Daß der Senat der sich neuerdings mit der Materie nochmals befaßte, die von den zu verhältnismäßig milden S:rafen verurteilten Prozeßbeteiligten eingelegte Berufung zurückwies und die Straf bestimm ungen formell rechtskräftig werden ließ, war nur ein allgemein erwarteter Akt gleichgültigster Natur. Damit sollte die unheimliche Episode der absolutistischen Konterrevolution als erledigt gelten, da das weitere Schicksal der vollziehenden niederen Pogromorgane und ihre unausbleibliche Begnadigung niemand mehr interessiert. Allein jetzt kommt ein wichtigerer Nachhall zu der Bialystocker Prozeßkomödie, der den ganzen Niedergang der russischen Rechtspflege offenbart. Es bestätigt sich nämlich das bereits früher aufgetauchte Gerücht, daß der Bialystocker Staatsanwalt gegen die Rechtsanwälte Skarjatin und Hillersohn, die vor dem Bialystocker Forum als Zivilkläger fungiert hatten, eine Anklage erhoben hat Oberschaut man die Grundlage dieser Anklage, wie sie in den Feststellungen des Staatsanwalts selber zutage treten, so sieht man erst, welch einen willkürlichen Eingriff in das Recht der Rechtsanwälte das Bialystocker Vorgehen bedeutet. Es ist eine prinzipielle Aktion, die ein sehr wesentliches Refugium der Kämpfer für Recht in Rußland aus der Welt zu^schaffen geeignet ist. Was den beiden unter Anklage gestellten Rechtsanwälten zur Last gelegt wird, ist im Grunde nur, daß dank ihren Bemühungen manchen Zeugen im Bialystocker Prozesse trotz aller Schranken einzelne Bekundungen entschlüpft sind, die die Bureaukratie aufs höchste blamieren, daß ferner die Zivilkläger selber in ihren Urteilen über das verbrecherische Treibender Bialystocker Polizei einige unangenehme Andeutungen haben fallen lassen. So wird der Rechtsanwalt Hillersohn u. a. beschuldigt, daß infolge seines Kreuzverhörs - ein Zeuge die Tatsache von der Verbreitung aufreizender Flugblätter durch den Beamtenklub erzählt hätte, worauf der Zivilkläger selber mit den Worten eingefallen sei: „Also ein (in Bialystock) fremdes Element sät die Feindschaft zwischen den]hiesigen Juden und Christen." Ein anderer Punkt der Anklage besteht darin, daß einer der Zivflkläger den als Zeugen geladenen Pristaw Kostetzki gefragt hat, ob er während der Haussuchungen zu den Schutzleuten gesagt hätte: „Durchsucht nur die Juden recht gut und haut auf sie los!" Zwar hat der Vorsitzende des Bialystocker Gerichtshofs die Beantwortung der heiklen Frage verboten, aber der Staatsanwalt schloß , auch diese blamable Szene in seine Materialien ein. Aber noch mehr als die Verhöre haben die Reden der Rechtsanwälte, die gleich Hammerschlägen das Luggebäude zerfetzten, den Staatsanwalt in Harnisch gebracht. Skarjatin wird beschuldigt in seinem Plaidoyer den Gedanken ventiliert und ausgesprochen zu haben, daß „die Anklageakte bestellte Arbeit sei", daß „Anzeichen vorhanden seien, daß die Verfasser der Anklageakte den wahren Sachverhalt absichtlich entstellt hätten". Seinem Kollegen Hillersohn wird hingegen die Analyse der Pogromvorgänge verübelt So habe er, wie der Staatsanwalt klagt, gesagt, daß es et^w&^fesy&Siawss&ig

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