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Die Welt · 1908-10-23 · 42 (23.10.1908) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
42 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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andern Kinderberühmtheiten (als da sind: Der Wiener Schusterjunge, Ludwig Thomas „Lausbub", das englische ' Geschwisterpaar „Bob und Taddy" und der Setzerlehrling Peter Schnäuzchen), daß er mehr hinterlistig als ausgelassen, mehr abgefeimt als spitzbübisch, mehr skrupellos als unbändig ist. Und es gehört kein allzu feines Ohr dazu, um aus dem Legendenkranz, den sie um.das wenig anmutige Haupt dieses Knaben weben, .folgende Leitmotive herauszuhören: „Seht, das ist der "künftige jüdische Gauner, der mit feiger Hinterlist die "Leute schröpft." .„Aus solchen Kindern werden jene. "Advokaten, die hungernden Arbeiterfamilien das Bett -pfänden." „Das wird einmal ein lichtscheuer Kerl. Er .-wird gestohlenes Gut kaufen, und man wird ihn nie Spacken können, wenn auch alle Komplizen längst hinter ^Schloß und Riegel sitzen ..." . Wir überlassen es andern, die Geschichten vom kleinen Moriz unter Lachkrämpfen zu verschlingen, und sie, hübsch unterspickt, immer wieder zu reproduzieren, und wollen ehrlich unsere Zehn- und Fünfzehnjährigen •betrachten, ob man das Ebenbild dieser traurigen Berühmtheit unter ihnen findet. Drüben, im Lande der Not, werden wir wohl kaum zu suchen wagen. . Dort mag des Dichters Perez „kranker Knabe" leiden, dessen heißes Herzchen zuckt, als schmerzten -es die eigenen Schläge. Dort trägt der kleine „Bonze" die Last des Lebens demütig und still in das Mannesalter hinüber, als wäre er nur zum Dulden auf diese gute Erde gekommen. _ Dort kauern in der Kellerstube Reisens kleine \ magere Geschöpfe, zwei in Vaters und zwei in Mutters "Bett: Ihr Auge hat nie die Freude erleuchtet. Sie kennen den Himmel nur als viereckiges blaues Stück über dem Hofe und mögen mit den Kindern des Nachbars, der jenseit des Kreidesstriches wohnt, davon träumen, wie wohl die Welt um die nächste Straßenecke aussieht .... Und aus dem Cheder des kleinen Weichselstädtchens treten paarweise, vom Belfer geführt, bleiche Jungen, von öden acht Stunden zerquält. Einer löst sich von ihnen los, setzt sich an das Ufer des Flusses, lauscht in sich hinein und geht wieder lernen, hungert und sinnt und studiert, bis man ihn plötzlich an der Hochschule einer Großstadt findet. Nein. Hier gedeihen rührend schlichte Träumer, stumpfsinnige Bettler, hungernde Märtyrer und lungensüchtige Philosophen, — aber keine kleinen Morize. So mag er wohl ein „Westler" sein? Vielleicht der gelbe Bub aus Boskowitz, "der Sohn der verwitweten Weißnäherin mit den vier Kindern, der die abgeschabten' Hosen des ältern Bruders trägt, immer still in seinem Bankwinkel sitzt und so tüchtig seine Lektionen lernt? Der darf sich nicht erlauben, einen kleinen Moriz zu spielen, denn geschenkte Stiefel und Kosttage sind nur für gesittete Kinder da. Und der engbrüstige, kurzsichtige Knabe des Kleinkrämers aus der Vorstadt, der der beste Mathematiker und der schlechteste Turner ist, der weder Schlittschuhlaufen noch Fußball spielen kann, ist sehr müde, weil er in der schulfreien Zeit „Stunden" geben muß und wegen-des weiten Weges in die Schule sehr zeitig aufsteht. Von einem kleinen Moriz ist nichts an ihm zu entdecken. Aber der frische, rotbackige Sohn des Ökonomen aus der Slowakei, der hat so was an sich. Ja, keck und vorlaut ist er, und der Mund steht ihm nicht still. Auch kann er sehr übermütig sein, ist Rädelsführer bei alle.n Streichen undmacht dem Lehrerdie Klasse rebellisch. Aber wenn^er's zu bunt treibt, ist auch schon - der Vater da. Der hat gottlob eine tüchtige braune Hand, legt seinen Jakob übers Knie und bringt ihn so rasch zur Besinung, wie der Jakob seine Mitschüler, die seine Kraft unterschätzten und ihm den Juden an den Kopf warfen. Bliebe noch der Fabrikantensohn mit den Spatzenbeinen und mit dem Hofmeister. Er ist' blutarm, knautscht, wenn ihm einer eins versetzt, kauft sich mit seiner Buttersemmel den Frieden und wird strenge überwacht, daß er nur mit Vorzugsschülern -verkehrt. Übrigens heißt er niemals Moriz, sondern Häds oder Erich, und wenn er manchmal in der Religionsstunde bedenklich auftaut, so hängt das nur damit zusammen-, daß der Papa Kultusvorstand ist. : So kann man die Bankreihen getrost abschreiten. Der kleine Moriz wird sich nicht finden. Unsere Kinder sind eben nicht besser und nicht schlechter als andere. Vielleicht ein wenigunfrei, weil sie sich als jüdische Kinder in fremder Umgebung -frühzeitig beobachten lernen, vielleicht auch ein wenig altklug, weil einem jungen Wesen diese unwägbaren Unterschiede zwischen ihm und des Nachbars Kindern so viel - einsames, leidvolles Denken und Grübeln verursacht. Dafür aber'döch wohl in tausend Fällen gemütvoller, weil schließlich die jüdischen Mütter nicht so ohne sind; und nicht selten sehr adlig und innerlich vornehm, als wollte die Natur in einzelnen Exemplaren erweisen,: daß-Tradition,-und Verfolgung ein stolzes Geschlecht schmieden kann . . . Zum Glück dürfen wir aber-die Figur des kleinen Moriz schon deshalb energisch ablehnen,, weil sie nicht auf unserm Holz gewachsen ist. Etwas Literarhistorik wird da von Vorteil sein. Vor einem Jahrzehnt noch war der kleine Moriz gut arisch, hatte ein urdrolliges Gesicht und prächtige zeichnerische Anlagen. So phantasierte er in Mußestunden auf einer mächtigen Schiefertafel mit dem Schul griff el. In den Witzblättern sah man dann seine Werke, und darunter stand: „Wie sich der kleine Moriz. eine Straußenjagd vorstellt:" Oder: „Wie sich der kleine Moriz den Sturz des Ministeriums vorstellt." Da begab es sich, daß die jüdischen Tingeltangel- Größen von der Sorte des „Kulturträgers" Eisenbach eine neue Figur brauchten, weil sich der Schmul Asterduft und der Chaim Bartbindenbestandteil überlebt hatten.. Ein glücklicher Zufall ließ sie den kleinen Moriz finden. Rasch wurden ihm Beine und Nase gebogen, die Haare zerzaust-, und die Äuglein listig zugekniffen. Und das ahnungslose Kind wurde das Gefäß für alle Unsauberkeifen, Gaunereien und Schlechtigkeiten, die der Geist der „Budapester" für sein Stammpublikum ersinnt. ' So ward im „Jahrhundert des Kindes" die wehrlose, jüdische Kindesseele geschändet. Wenn ihr nächstens in den Straßen einem Gipsfigurenhändler begegnet, der euch nebstdem kleinen Kohn auch schon den kleinen Moriz-anbietet, so denket daran, ob wir nicht die Pflicht hätten, den Schild unserer Kinder blank zu halten, weil sie doch unsere Hoffnung sind und dereinst unsere Rettung werden sollen. . , .

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