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Die Welt · 1908-10-23 · 42 (23.10.1908) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
42 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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BRIEF AUS KOI (Von unserem Eine öffentliche Versammlung der „Achwah" Aus ihrem anfänglich stillen und bescheidenen Wirken erwächst allmählich die ^Nationale Liga der Juden der Türkei" zu achtungsgebieienden Massehmanifestatiönen empor. Bei der jüngsten großen öffentlichen' ^Versammlung der~„Achwah" wäre» nicht weniger als [ 2ÖO0 Südenaus Pera, Galatai StambuL Hasköei, Balat,. aus allen Stadtteilen und Volksschichten vereinigt. In dieser Versammlung legte die neue rührige Gesellschaft ihr Programm vor und warf die Frage auf, welche Stellung die Juden zu der neuen Ordnung einnehmen sollen. - Als erster Redner sprach der Präsident der Liga, Advokat Russo in türkischer Sprächet Er-setzte' 'den politischen Teil des Programms auseinander, der die Einigkeit der ottomanischen Nation anstrebt durch die Verbreitung der Staatssprache und Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Der Jude sei stolz, im Verein rn.it den andern ottomanischen Mitbürgern an den Aufgaben des Vaterlandes mitzuarbeiten. In Verhinderung - des Herrn MoTse Fresco sprach Herr David Elnekaweh spaniolisch und plädierte für die hebräische und spaniolische Sprache. In fließender hebräischer Rede,, die mit sichtbarem. Interesse vom Publikum verfolgtwurde, erinnerte Herr Neuf.ach an die Dankbarkeit, die ^die Juden den Türken zollen. Sicherlich nicht "zu geringem Teile aus diesen Ge-' fühlen heraus hat Beaconsfield, der eifrig für die Einwanderung der Juden -nach dem ottomanischen Reich eintrat die von Rußland auf dem. Berliner Kongreß vorgeschlagene Aufteilung der europäischen Türkei verhindert Um.das Bild zu vervollständigen, sprach auch Herr M. Gorodichze in Jiddish. Er führte aus, die Rolle die ihm zugefallen, sei demonstrativ und dekorativ. .. Demonstrativ, weil sie zeigen soll, daß am neuen ottomanischen Volksleben alle Juden, Sephardim wie Aschkenasim, Anteil nehmen; auch deshalb demonstrativ, weil sie die Einheit unter den Juden.trotz Verschiedenheit der-Sprache zeigen soll. Seine Rolle sei dekorativ, weil , sie noch einen Punkt auf das vielfarbige Bild der jüdischen Nation, auftragen .soll, aber zwischen Demonstration und Dekoration stehe, die Tat,, die Aufgaben der Liga, die in moralischer und materieller Hebung des Volkes bestehen. Er sprach darin von der Lage des „kranken Mannes", von der mazedonischen Krise,-die dem Kranken die Medizin: „Einigung und Fortschritt" gezeigt habe. Nicht alle, aber verstehen diese Medizin zu nehmen. Sie soll, den Staatsorganismus im allgemeinen stärken und auch die Wirkung einer lokalen Behandlung haben, für die allgemeine Stärkung sei die Einigung, für die lokale Behandlung der Fortschritt Fortschritt sei Kultur, für die jede Nationalität ihre eigene Form habe. Die Liga will Einigung, Verbrüderung, Harmonie, aber nicht Einheit äußere Uniformierung und Gleichmachung, sie will die jüdische Nation dem Fortschritt zuführen, damit sie eine feste Stütze des Staates werde. Als letzter ergriff das Wort Herr Schabotiriski, der als Korrespondent diverser russischer Zeitungen hier weilte. Wie schon bei seiner Ansprache während der Eröffnungsfeier der „Achwah", sprach er auch diesmal italienisch. Er begrüßte die Versammlung im Namen der. russischen Juden, die große Opfer fürdie Freiheit gebracht Jiätten, aber nicht das erreicht, was die friedliche Bewegung der Ottomanen* dem Reiche gegeben habe. Die Große, des ottomanisch"en=-Volkes bestehe nicht allein in der-Transformation des - Landes, "sondern in* der Mäßigung und Würde. Arif* die Natiönalitätenordnurig eingehend, zeigte "er . an Beispielen aus dem Nationalitätenkampf in Österreich; weicht. Politik die einzelnen Völkerschaften betreiben müßten, das sei die otfomanische Politik. Die Grundlage, einer solchen Politik müsse aber die eigene nationale Würde bilden. - Er. vergleicht den Staat mit einem- Orchester, wo jeder sein eigenes Instrument spielt.und eben-dadurch die Schönheit der Harmonie erreicht. Die Juden werden ein .-wertvolles Element des Staates sein, wenn sie nicht den Fehler der Juden anderer Länder .begehen und sich sinnlös der einen oder andern Nationalität äußerlich anschließen und dadurch den Haß aller-Nationalitäten auf sich ziehen. .Die Juden.müssen innerhalb der Völkerschaften jüdische Politik betreiben, wodurch, allein sie die Harmonie der ottomanischen Politik aufrechterhalten werden.. Die „Achwah'*. hat diesen Standpunkt in dem einfachen- Satze; der Verbreitung der türkischen und hebräischen Sprache ausgedrückt in der Sprache seien die Gedanken gebqjgen, .die. .den einzelnen zum Wohle der Gesamtheit leiten.r Die glänzende Rhetorik, des Redners hatte ihre Wirkung nicht verfehlt, und in wiederholtem brausendem Beifall machte sich die: Begeisterung des Publikums Luft, die zuletzt in förmlichen Ovationen für den Redner endete. Das Meeting der „Achwah" hat gezeigt, Berichterstatter) daß die Juden des Orients nicht nur für die Volkssache arbeitswillige Kräfte aufweisen, sondern daß auch die Massen für ideale Ziele aufnahmefähig sind. Es wird nicht lange dauern, und die . Juden des Orients stehen ihren Brüdern des Okzidents würdig zur Seite; ' Der Boykott der Juden _. Bulgarien erklärt sich für unabhängig, Österreich annektiert; Bosnien und Herzegovina,- die Türken boykottieren darauf österreichische-Waren, und die Geschlagenen sind nicht zum geringen Teil die Juden. Der Patriot ruft: „Stärkt nicht mit dem Gelde des Volkes unsere Feinde" und stellt Boykottposten vor den Geschäften - der Meyer, Stein, Tiring, Schapirer und selbst vor dem getauften Orosdi-ßack auf. Tatsächlich sind fast alle österreichischen Detailgeschäfte im Besitz österreichischer Juden, und auch die große Anzahl der Kommissionäre, die Blumenthal und Rosenthal, vor deren Bureaus sich zwar nicht manifestierende Menschenmassen ansammeln, bekommen die Wut'gegen ihre österreichischen Schutzengel zu spüren. In Saloniki sind es sogar in erster Reihe die Spaniolen", die den Boykott gegen ihre österreichischen Stammesgenossen führen, aber wen trifft hier die Schuld? Nicht zum wenigsten die deutschen, tschechischen, polnischen Israeliten mosaischer Konfession, die alles' aufboten, damit sie nicht als das erkannt werden, was sie unter der österreichischen Deckfarbe eigentlich sind. Wenn die Türken wüßter, daß der zur Auswanderung gezwungene galizische Jude daheim selber vom „österreichischen Feind" boykottiert wird, daß die Losung „kauft nicht bei Juden" in Wien und Prag gar nicht von der Tagesordnung kommt, sie würden vielleicht einen feinern Unterschied zwischen Freund und Feind ziehen. Ein ungarischer Waffenhändler läßt Zettel verteilen, er sei Magyare und nicht Österreicher; den Juden, die überall loyale Staatsbürger sind und oftmals sogar päpstlicher als der Papst sein wollen, können wir nicht den Rat erteilen, das gleiche zu tun, aber es liegt im Interesse der GesamtjiTdenheit eine reinliche Scheidung vorzunehmen zwischen jüdischen Bank- und Indüstriebaronen ä la Taussig, die nach der Türkei ihre Waren senden, und solchen Juden, die die Gastfreundschaft und Toleranz der Türken ins Land geführt hat. Der Boykott wird auch sein Gutes haben.; die Schwäche, die sich aus dem Mangel einer nationalen Industrie ergibt, gelangt dem Volke deutlicher zum Bewußtsein, und die Hindernisse, die bisher der Gründung von Stoff- und Fezfabriken, durch die kaiserlichen Anlagen von Hereke oder die Spinnereien von Smyrna, im Wege lagen, werden einer Unterstützung und. Ermunterung seitens der Regierung Platz machen. Die jüdischen Einwanderer, die ihren Erwerb auf dem Gebiete der industriellen Betätigung suchen, werden nicht nur dem Boykott entgehen, sondern sich auch die Freundschaft der Türkei sichern. In österreichischen Kaufmannskreisen denkt man schon ernst daran, verschiedene Industrien nach der Türkei hinüberzupflanzen; soll denn der einfache Spekulationsgeist wirklich eine stärkere Triebkraft sein als alle jüdische Volksnot? In der ^Nation" Man wird schon müde, dem Gezänke zwischen Fresco und Gabai zu folgen, um so mehr, als man von beiden nicht besonders erbaut ist. Was sie aber durch ihre unfruchtbare Polemik erreichen konnten, haben sie erreicht. In Hasköei fanden Manifestationen für Naoum statt, bei einer Gegenmanifestation wurde ein Redner aus den Anhängern Naoums geprügelt Um diesen Reibereien ein Ende zu machen, versuchte Herr Fernandez, der Vertreter der Alliance, einen Ausgleich zwischen den beiden Redakteuren herbeizuführen, was aber an dem Wunsche der Alliäncepartei wegen Aufrechterhaltung Naoums scheiterte. Der Kampf wird fortgesetzt und auf Veranlassung seiner Exz. Jacques Bey de Leon und'Kiamil Effehdi haben zehn Chachamim einen Protest beim Kultusminister gegen die etwaige Kandidatur von Naoum eingereicht " Die äilf Veranlassung des Komitees für „Einigung und Fortschritt" von Naoum zusammengesetzte Kommission für die Parlaments Wahlen beschäftigt .sich mit der. Aufstellung der Wählerlisten. Wahlprogramm - brauchen die Juden nicht, haben doch schon die andern deren genug, und wozu soll man sich der Gefahr einer Diskreditierung aussetzen? An Kandidaten fehlt es ebenfalls nicht man wiFd auch nicht in Verlegenheit kommen, wen zu wählen, denn die ^Taktik ist gegeben;tJ)ie-JungtürkeH^: wüns€heni in Konstantmopel einen^. jüdischen Deputierten, also werden sie auch schbn: Tür den"rich~tTgen"' Mann sorgen, wozu-sollen die Juden.sich da anstrengen?,- Vielleicht - werden die persönlichen Ambitionen des einen oder andern Kandidaten die Juden noch aus ihrer Flauheit aufrütteln. 2*

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