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Die Welt · 1908-10-23 · 42 (23.10.1908) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
42 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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4 Gegner den Handschuh hin, wendet sich in irgendeiner Art an die, die gereizt oder verblüfft, entlarvt oder aufgeklärt werderr \ sollen. Wie der Künstler Brandstätter als Mensch dem Leben und seiner Umgebung gegenübersteht, ob mit Liebe oder Haß, trotzig oder gelassen, mißtrauisch oder heiter gesinnt: das bestimmt auch die künstlerischen Akzente. Demnach weiß er seine Sprache zu Zelt - ";: ..- . . gestalten, seinen Ton zu modellieren. Und die Erzählung gewinnt an Leben, an Lebhaftigkeit wenn' er sich auch hie und da eine Wendung zuschulden kommen läßt, die uns heute nicht 'mehr modern anmutet Seine Figuren, das sind gelungene Gassentypen; ihr Dialog ist aufregend und wortreich;" und aus jedem Satze, leuchten hervor: Satire, Humor und — erstickte Tränen. Die Krisis im nahen Osten. Wir lesen in der letzten Nummer des .Jewish Chronicle": „Der „Daily Telegraph" brachte vor einigen Tagen Berichte über die „umwälzenden Ereignisse, welche jet2t im nahen Osten vor sich gehen", und das Blatt sagte bei dieser Gelegenheit sehr mit Recht, „daß diese Ereignisse wahrscheinlich nicht ohne Einfluß auf die jüdischen Interessen in diesem Teile der Welt sind". Wir stimmen darin mit dem Blatte vollkommen überein, da wir selbst vergangene Woche dasselbe fast wörtlich geschrieben haben. Aber der „Daily Telegraph" erklärt die Ereignisse im Osten auf eine besondere Weise, indem er meint, daß alles, was innerhalb und außerhalb des Türkischen Reiches geschähe, dazu beitrage, dem zionistischen Programm zur Errichtung eines autonomen jüdischen Staates in Palästina den Todesstoß zu versetzen, und das Blatt tut sich etwas zu gute auf diese Folgerung. Letzteres ist nun etwas, was einer nichtjüdischen Zeitung eigentlich nicht ansteht auch nicht, wenn es in der Rubrik „Jüdische Welt" geschieht aber „de gustibus non disputandum". Was uns viel mehr interessiert, ist die irreführende Erklärung, welche der „Daily Telegraph" in bezug auf das zionistische Programm zu veröffentlichen für gut befunden hat Was die Zionisten erstreben und was sie immer erstrebt haben, seit dem Beginn der zionistischen Bewegung, ist in dem Wortlaut des Baseler Programms enthalten, welches lautet: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich , techtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Nicht ein Wort verlautet hier von einem autonomen jüdischen Staat, von dem der „Daily Telegraph" spricht. Dieses Mißverstehen des zionistischen Programms hat das Blatt vollkommen irregeleitet Anderseits hätte es doch sehen müssen, was dem geringsten Beobachter der Ereignisse nicht verborgen bleiben konnte, nämlich daß die Juden allen Grund haben, mit dem Gang der Dinge zufrieden zu sein, denn durch die Verfassung, welche das Türkische Reich jetzt erhalten hat, sind und werden die Juden ein gutes Stück weiter kommen. Es mag sehr gut möglich gewesen sein, daß unter dem alten Regime, falls es fortgedauert hätte, nur die Schaffung einer autonomen Siedelung in Palästina, möglicherweise unter der Garantie einiger Mächte, die großzügige Konzentrierung unseres Volkes im Heiligen Lande gesichert hätte. Aber unter einer konstitutionellen Verfassung, die fortschrittliche und tolerante Ideen vertritt, werden die Zionisten. die Lage ganz anders betrachten, und werden wahrscheinlich in der Lage sein, in einer viel näheren Zukunft, als es noch vor einigen Wochen zu hoffen war, ihr Werk zu beginnen, und zwar mit einem guten Teil politischen Ballasts weniger, als es der Fall gewesen wäre, wenn die Türkei das geblieben wäre, was sie war. Der Zionismus wird also auch diesen „letzten Nagel" an seinem Sarge, den der „Daily Telegraph" ihm mit soviel Behagen gerne eingeschlagen hätte, wieder einmal überleben. Es ist nur hübsch zu beobachten, daß wir nicht wissen, wieviel „Särge" mit „letzten Nägeln" es bedurft hat «m den Zionismus immer wieder auferstehen zu lassen. Er hat sogar das beständige Totengeläute überlebt, welches Mr. Lucien Wolf seit Jahren periodisch angestimmt hat zuletzt noch anläßlich der Ereignisse, welche sich im nahen Osten abgespielt haben. Welchen klareren Beweis von Lebenskraft konnte der Zionismus denn geben, als Mr. Luciens Wolfs Bitten, sich begraben zu lassen, kein Gehör zu schenken? Nach all diesem ist dessen Ruf als Prophet und als Autorität in politischen, eigenen und fremden Angelegenheiten dahin, und was bedeutet das Schicksal der. Bewegung, die allgemein als die größte jüdische Bewegung der Jetztzeit anerkannt ist, im Vergleich zu diesem Umstände?" Der brennende Busch In unserer jüngsten Nummer berichteten Der brennende Busen wif vQn der Erstaufführung von Zangwills neuer Komödie „Der Schmelztiegel" in Washington. Das Stück behandelt bekanntlich die Liebe eines vertriebenen russischen Juden zur Tochter eines russischen Generals, der die Eltem des Erleiden im Kischinewer Pogrom hat liiqmetzeln lassen! In Amerika, diesem „Schmelztiegel" der Rassen, dessen assimilierende Eigenschaften vom Helden des Stückes aufs höchste gepriesen werden, legen Held und Heldin ihre Eigenart so weit ab, daß sie sich vereinigen und ein neueres glücklicheres Geschlecht zeugen können, das die Synthese der jüdischen, russischen und amerikanischen Rasse darstellt, und dem die Zukunft der Welt gehört Die jüdische Presse Amerikas lobt aufs höchste den kunstvollen Aufbau des Stückes, während sie an der Tendenz mancherlei auszusetzen hat Als ein Beispiel folge hier die Kritik des angesehensten jüdischen Organs Amerikas, des „American Hebrew": „Was immer auch die Kritiker sagen mögen, sie werden in dem Stück eine Anzahl Szenen von höchstem dramatischem Schwung, feinst ausgeführtem Dialog, voll von Witz, mit Gesprächen von wundervoller Schönheit und Beredsamkeit finden, und sie werden, denken wir, gerne anerkennen, daß Mr. Zangwill seinen hohen Rang als Dramatiker behalten hat...... Die Kritiker mögen Anstoß an der Tendenz des Stückes nehmen, weil sie die dramatische Handlung beeinträchtigt aber ich fühle mich zum Widerspruch gegen das Stück getrieben wegen seiner Tendenz. Ein Stück mit einer bestimmten Absicht wurde vor mir gespielt aber ich konnte seiner Tendenz nicht zustimmen. Ich habe jüdische Dinge in Amerika mehrere Jahre hindurch beobachtet und ich habe immer empfunden, daß wir uns zu schnell amerikanisieren und daß -wir zu lässig sind im Bewahren der Elemente des Judentums, die unserm Leben Farbe verleihen könnten und aus uns die- ' beste Art des Tributs an die amerikanische Mannheit machen würden. David Quixano (der Held des Stückes) spricht viel von Seele und besonders von seiner Seele, aber er sagt nichts von den Mitteln zu ihrer Pflege, und die jüdische Seele hat ihre besondern Bedürfnisse, die in dem gewöhnlichen Schmelzprozeß der Rassen nicht vorgesehen sind. Der Amerikaner der Zukunft wird seine Kirche haben und wird entweder ein Unitarier, ein Hochkirchler, ein Presbyter, Methodist oder Katholik sein. Welche geistige Eigenart wird der Jude haben, wenn er aus dem „Schmelztiegel" hervorgeht? Ich folgere aus den Rhapsodien Quixanos, daß der Jude nicht länger ein Jude sein wird. Ich protestiere durchaus gegen das von ihm ausgesprochene Urteil. Alle Greuel von Kischinew hätten niemals einen Jüngling von hohen geistigen Eigenschaften in das Lager dieser christlichen Herren nach Art der jüdischen Reformprediger getrieben, die wünschen, daß der Unverteidigte sich zuerst entwaffne, die raten, daß der Gehaßte der erste sein soll, der Liebe entgegenbringt, die vom Schwachen verlangen, daß er seine Stärke zum Bau der Zukunft der Humanität beisteuere, die den Ungeladenen und Ungefragten auffordern, als erster sich zu vereinigen oder zu verschmelzen mit den Rassen, die ihn verfolgt und unterdrückt haben. Quixano ist ein besserer Amerikaner, als je einer gelebt hat und ich bin besorgt daß er nicht einmal unsere, ersten Bürgerpapiere gelöst hat..... Es berührt einen fremd und ist bezeichnend für den Wirklichkeitsmangel dieses Slückes, daß dieses Opfer - von Kischinew, dieser Träumer in Israel niemals vom Zionismus oder von der Jewish Territorial Organisation, noch von irgendeiner der andern Versuche gehört haben soll, die gemacht werden, um die jüdische Einheit zu bewahren. Und die Realität des Stückes leidet ferner darunter, daß die Eltern Quixanos nicht den Schrei von jüdischer Einheit ausstoßen dürfen, den Protest gegen die Auflösung, die in Davids Wort und Tat ausgedrückt ist. Die andere Seite der »Frage ist eben in diesem einseitigen Stück nicht dargestellt die - andere Seite dieser Botschaft der Assimilation, die uns' als Werk eines jüdischen Nationalisten so seltsam berührt. Das ist eine. "Antwort auf den „Schmelztiegel", der symbolisch besser „Der brennende Busch" genannt würde."

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