Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 42 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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GröHdung war zweifellos reis und erhaben; die Tätigkeit in den ersten Jahren war von einer rühmenswerten Begeisterung getragen^ und haben die-Leistungen viele . Schwächen, so haben sie auch manches Gute an. den Tag gefördert. Unsere Armseligkeit kann auch das wenige Gute nicht entbehren. Möge dieses-nicht als-ein gegen diese oder jene Vereine gerichteter Tadel gelten! Hier spricht keine Gehässigkeit, kein* Eigendünkel und kein Parteifanätismas^ sondern die. wohlwollendste Anerkennung und die aufrichtigste Sympathie, die die Lichtseiten hervorheben und auf die Schattenseiten aufmerksam machen, nur um auf die. Notwendigkeit einer Besserung hinzuweisen. Es darf auch nicht in einem verallgemeinernden Sinne, aufgefaßt werden: viele Vereine leisten Gutes und auch dasjenige, das die Satire herausfordert, ist wohlgemeint und mag unter Umständen auch manches Gute stiften. Aber auf jeden Fall kann eine freimütige Kritik dieser ausgezeichneten Sache doch viel mehr als ein blinder Autoritätsglaube und ein Routinekultus nützen. Hieraus ergibt sich mit gebieterischer Notwendigkeit unsere Pflicht, die Tätigkeit der jüdischen Literaturvereine mit aller Energie zu fördern. Das muß unsere grundsätzliche Stellung sein. N. S. Mardechai David Brandstätter {Zu seinem 40 jährigen Schriftstellerjubiläum) Von Hermann Sternbach Der erfrischende Hauch des 19. Jahrhunderts hat auch in die Judengasse neues Leben gebracht Die Ideen der Aufklärung, der Toleranz, die von Deutschland kamen, bemächtigten sich der Gemüter, fanden da festen Boden und trieben schöne Früchte. In Berlin, Hamburg, Breslau bildeten sich zuerst kleinere Zirkel, wo sich lern- und lehrbegierige Jünglinge zusammentaten, um Leben, Licht und Aufklärung in die engen Judengassen zu tragen. Von der europäischen Zivilisation bezaubert, machten sich diese „aufgeklärten" Jünger, oder — wie man sie nannte — „Maskilim" daran, die allgemein-menschliche Kultur ' auch unter ihren Brüdern zu verpflanzen, die'bis nun ganz in der Hand der starren Richtung waren. Durch Wort und Schrift suchten sie auf Bildung und" Gesittung der jüdischen Massen zu wirken und auf diese Weise dem finstern Obskurantismus den Platz streitig zu machen. Voll Mut und Hoffnung gingen sie in den Kampf. Und der Kampf war nicht so leicht Denn wie ihnen einerseits der mittelalterliche Obskurantismus im Wege stand, so mußten sie es anderseits auch mit dem Indifferentismus der „Gebildeten" aufnehmen, denen all das, was den „Maskilim" so teuer war, nur wenig oder gar nichts bedeutete. Gegen beide zogen sie ins Feld. Und im ersten Heft des „Haschachar" bezeichnet es Smolenskin als seine Aufgabe: die Bigotten und Frömmler sowohl, die sich in den Mantel der Wahrheit hüllen, als auch die aufgeklärten Hypokriten der Neuzeit zu demaskieren. Das war. das Programm des „Haschachar", — und um diese Zeitschrift gruppierten sich die bedeutendsten Männer jener Zeit alle diejenigen,, die vom. tiefsten Herzen eine kulturelle Neugeburt des Judentums herbeiwünschten. Im „Haschachar^ kamen sie zu Wort mit ihren Ideen, Idealen, Plänen und Betrachtungen. In dieser Zeitschrift war auch Brandstatters erste Arbeit zu lesen. Seit jener ^Zeit sind vierzig Jahre dahin. Brandstätter war noch jung, vollblütig, ein kampflustiger Talmudjünger, den Genossen ein „Iluj% seinen Eltern der künftige Rabbiner. Doch dasRabbinertum scheint ihn nicht' besonders angezogen. zu haben. Vielmehr huldigte er im stillen den neuen Ideen, die von Deutschland aus bis nach Galizien eingedrungen waren. Von diesen Ideen ergriffen, suchte er allmählich sein talmudisches Wissen durch andere Studien zu ergänzen: er wollte ein Stück „Europa" in sich aufnehmen. In Brzesko, — wo er im Jahre 1843 geboren ist — einem kleinen Nest in Westgalizien, konnte er wenig Befriedigung finflen. Das, was er suchte, bot ihm sein Geburtsort nicht. Aus jener Zeit trug er nur eine Erinnerung davon, die Erinnerung an seinen ersten Lehrer, dessen einnehmende Freundlichkeit und Menschenliebe ■nicht minder auf ihn einwirkten als seine Gelehrsamkeit Sem zweiter Lehrer, der Limanower Rabbiner, konnte ihn nur ein- Jahrlang bei. sich behalten, da es Brandstätters Eltern eilig war, ihrenverzärtelten Sohn in seinem eigenen Heim zu sehen, — wie es Gott geboten. Der junge „Maskil" wurde ein Ehemann und verweilte-von nun an in Tarnow. Die nächste Welt, in der er sich hier bewegte, war die „Klaus". An ihren Jüngern fand er wenig Gefallen. Er vermißte an ihnen jene Eigenschaften, die ihm seine ersten Lehrer so lieb machten. "Denn die Tarnower Kameraden waren wohl_im Talmud bewandert, dabei aber geistlos, trocken, ohne jede Umgangsformen; fanatisch .und — so sehr paradox es klingen mag — kraftlos; kleinmütig und den zu vernichten begierig, der etwa ihre Ansichten nicht teilte oder ihre Lebensweise nicht billigte. Brandstätter hatte gleich den Gegensatz herausgefühlt, der ihn von seinen Kameraden trennte. Er machte sie lächerlich, haßte sie aber nicht. Er bedauerte sie vielmehr, weil er auch für ihre guten Eigenschaften die Augen nicht geschlossen hatte. Der Zufall führte ihn mit einem in Tarnow lebenden mährischen Junggesellen namens Veit zusammen, dessen Abgötter Philipsohn und Stern waren, dessen liebste Lektüre der „Hamagid" bildete. Durch diese Bekanntschaft hat sich für den wissensbegierigen jungen Mann eine neue Welt aufgetan. Neben — oder eigentlich unter den „Gemara" hatte fortan Brandstätter die ihm von Veit gelieferten deutschen, französischen oder hebräischen Bücher liegen. Ideen und Pläne drängen sich in seinen Kopf, und er faßt einmal den Mut zur Feder zu greifen, was seinem Lehrer augenscheinlich große Freude macht Er wird des Lobens' nicht müde und regt seinen Jünger zu neuen Arbeiten an. Brandstätter wird seinerseits nicht müde, neue Quellen zu suchen; er lernt allmählich das Wertvolle vom Wertlosen unterscheiden; er lernt Mapus, Ginzburgs und Gordons Werke kennen und schätzen. Er gewinnt an Maß und Reife und bringt die ersten Arbeiten in den „Haschachar". Allmählich hat er von sich die äußere Frömmigkeit abgetan. Er wurde ein „Epikuräer". Und dies blieb von seiner Umgebung nicht unbeachtet Man begann über ihn zu lächeln und zu spötteln. Im stillen nur! Denn er war ein wohlhabender Mann, und vor dem Mammon hatte man Respekt. Dieser niedrige Zug seiner Kameraden machte ihn bitter, machte die Pfeile, die er. gegen sie losdrückte um so giftiger, je tiefer sie sich vor dem Uelde bückten. Verfolgungen. — wie dies etwa bei anderen hebräischen Schriftstellern der Fall, — war er nicht ausgesetzt Er lebte vielmehr ruhig und zufrieden im Kreise "seiner Familie, ein „baal habajith", ohne irgendwelche heftigere Seelenstürme durchzumachen. Das hat entschieden auf seine schöpferische Tätigkeit nachteilig gewirkt und so mancher Zeile das Leben genommen, das bei genossener Wermut mit aller uns bezwingenden Macht aus ihr hervorsprudeln würde. Trotzdem waren seine Erzählungen sehr beliebt und viel gelesen. Brandstätter war im Haschachar der Spiritus movens der Belletristik. Seine Arbeiten gehören zu den schönsten, die diese vornehm redigierte Zeitschrift aufzuweisen hat. Smolenski selber bekannte, daß Brandstätters Arbeiten dem Haschachar viel neue Abonnenten zuführten, während die anderen wegen der aus diesen Arbeiten hervorlugenden „Gottlosigkeit" sich von dieser Zeitschrift .abwandten. Einhellig wurde von den Zeitgenossen geurteilt, daß hier ein Talent auftrete, dem Rechnung getragen werden muß. Salkinsohn spendet ihm großes Lob, Mirland nennt ihn einen zweiten Erter, und Gordon widmet ihm einen größeren Essay in einer russischen Zeitschrift Seine Arbeiten werden ins Russische, Deutsche und Polnische übersetzt. Brandstätter ist vorzugsweise Humorist, Satiriker, und als solcher nimmt er in der hebräischen Literatur einen bedeutenden Platz «in. Mag seine Intuition nicht so tief greifen, seine Betrachtungen auf minder geklärten Kunstprinzipien beruhen,:— eines haben sie, was nicht gering zu schätzen ist: Wahrheit und darum gewinnen sie unsere Sympathie; dazu gesellt sich noch eine meisterhafte Darstellung des Gesehenen, das er uns „unter Tränen lachend" mitteilt Der Humor seiner Erzählungen hält die Mitte zwischen Weinen und Lachen und preßt uns oft Tränen aus den Augen. Denn er lacht über Dinge, die er liebt und die ihm . wehtun. Den Hintergrund seiner Erzählungen bildet ja das, Elend der Judengasse, das verfehlte Leben seiner Umgebung. Er. beobachtet jede ihrer Bewegungen, akzentuiert und unterstreicht' was ihm des Nachdrucks wert; er verteilt Licht und Schatten darnach, ... wieder sich-jdie Welt und das^Leben in seinem Gehirn abmalt -Ergibt ein unverzerrtes ^Wideriprel des Lebens dieser Gesellschaft, die er kennt Seine Kunst weist einen. gewissen Dualismus auf, der darin besteht daß er sich seiner bestimmten Frontstellung stets bewußt ist; mit jedem Wort, das er niederschreibt, wirft er seinem