Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-10-23 · 42 (23.10.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
42 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316339--51160-3378780
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bIE3§£ELT -No/42 ist vor mehreren Jahren geschaffen worden.. In Deutschland ist dies ein unvergängliches Verdienst Karpeles\ in England — Magnus' und Myers, * daß eine solche Organisation geschaffen worden ist. Unabhängig von dem Standpunkt, von dem aus wir die Leistungen und die Richtungen betrachten mögen, auf dem die Gründer und Leiter dieser Institutionen dem Ziele entgegenschritten, ist in uns das Bewußtsein klar, daß das Ziel ein edles und hohes war. Und sehen wir auch trübe Anzeichen des Rückschritts und der Ermattung in manchen Reihen, das Prinzip dürfen wir nicht hochmütig verhöhnen. Daß die Begeisterung, von. der die Vereine in den ersten Jahren durchglüht waren, die frische Kraft verlor, — ja, jeder von uns hat ebenfalls manches ähnliche erlebt. Es mangelte auch und mangelt bis auf den heutigen Tag an einer wirklich starken und der Größe der Sache würdigen Förderung aus Gemeindemitteln. Wo für andere äußerliche Dinge oder Wohlfahrtseinrichtungen Hunderttausende leicht zu beschaffen sind, ist es schwierig, für diese unentbehrliche, geistige Propaganda Hunderte zu sammeln. Prachtbauten, Stiftungen, Anstalten, — alles, was sichtbar ist und prunkt, regt den philanthropischen Trieb mehr an als der Geist, das schlichte Wort, die Lehre. Und dann handelt es sich ja um den jüdischen Geist, das jüdische Wort, die jüdische Lehre! Wie viele sind es unter den leitenden jüdischen Faktoren, die diese Güter kennen und die sie zu schützen verstehen? Stellen wir ja so oft an die Spitze unserer Gemeinden nicht, wie ehemals, die jüdischsten Juden, d. h., die eine tief jüdische Bildung und ein intensives jüdisches Empfinden besitzen,. sondern gerade die unjüdischsten Juden, in deren Gold¬ oder Titelglanz die Gemeinden sich sonnen. Daher bleibt die Tätigkeit der Literaturvereine eine nebensächliche, hier und da protektionistisch-wohlwollend behandelte, aber doch verhältnismäßig ein Aschenbrödel. Welche Stellung nehmen wir Zionisten dieser Tätigkeit gegenüber ein? Nicht nur vom allgemein-jüdischen Standpunkte, sondern auch unter dem Gesichtswinkel eigener wohlverstandener Parteiinteressen ist die Ausgestaltung des Jüdisch-Geistigen dringende Pflicht und Notwendigkeit. Die Endziele des Zionismus sind nur dann zu erreichen, wenn im jüdischen Volke eine geistige Wiedergeburt erfolgt,- wenn die jüdische Bildung des Volkes gründlicher und das Interesse für die geistigen Güter der Nation, ' für jüdische Literatur, Kunst und Wissenschaft in allen Kreisen unserer Bevölkerung, in allen Ländern der Diaspora wärmer und fruchtbarer würde. Diese Gedanken und Gefühlskreise sind die Voraussetzung für eine dauernde Volkseinheit und.Palästinaliebe; eine Anwandlung dieser Regungen ohne erwähnte Vorbedingungen kann sich nur in Ausnahmefällen lange erhalten, — in der Regel hat sie eine „Kikajon"-, oder Mimosenexistenz, weil die Wurzeln fehlen. Warum gerade Palästina und nicht ein anderes' Land? Warum "Hebräisch und nicht eine andere Sprache? Was ist denn die „ jüdische Eigenart" und zu welchem Zwecke soll man sie einer besondern und so mühsamen Plege würdigen? Was ist es, was wir in der Diaspora nicht erhalten können und wofür wir ein Zentrum nötig haben? Die Beantwortung dieser Fragen gibt nur ein jüdisches Geistes- und Gefühlsleben! Deshalb ist die Entwicklung eines jüdischen Geistes- und Gefühlslebens die unentbehrliche Vorbedingung für einen dauernden Zionismus _der jüdischen Gesamtheit, oder Mehrheit,, die andererseits die Voraussetzung für das Gelingen und die Verwirklichung der konkreten. zionistischen Bestrebungen ist. Die Tätigkeit der Literaturgesellschaft, wie auch jede Propaganda jüdischen Wissens kommt also uns zu gute. Unsere Feinde sind der Indiffe- . rentismus, das Ignorantentum, der Hoch- und Mißmut, das zynisch-verächtliche Verhältnis dem jüdischen Wissen gegenüber. Jedes Nähertreten diesem Gebiet hingegen ist ein Fortschritt, ist indirekter, vorbereitender, geistiger Zionismus, gleichviel bewußt oder unbewußt. Eine richtige zielbewußte Assimilation hat — freilich vom Standpunkte ihres Selbstvernichtungstriebes — recht, wenn sie diese Vorträge verhindert,- oder sie — was sie auch wirklich tut — mit Geringschätzung behandelt. Denn diese Popularisierung macht doch aus dem Judentum mehr als eine kalte und kleinliche Konfession und mehr als eine starre, kalte und kleinliche Tempelgemeinde. Und das ist es eben, was uns diese Arbeit schätzenswert macht! - . Wir schätzen sie, trotzdem sie oft beschämt, kleinlich, spießbürgerlich und furchtsam gemacht wird,. und trotzdem das, was in zerstreuten Zügen und durch Übersetzungen abgeblaßt dargeboten wird keinen Anspruch darauf erheben darf, als jüdisches Wissen zu gelten. Wir sehen leider die Schwächen der Ängstlichkeit, das feige Wesen, das, anstatt ein Publikum zu erziehen, dem Tagesgeschmacke dieses Publikums frönt, das Duckmäusertum,- das philisterhafte Flunkern mit Phrasen und Schlagworten! Die Archäologie und das Antiquarientum, das Fernliegende, das Trübe und Unbestimmte wird bevorzugt, — und wie oft hört man Vorträge über jüdische Literatur von sonst gebildeten Männern, die aber auf hebräischem Gebiete . . . Analphabeten sindJ Was versteht man von deutscher Literatur, wenn man kein Deutsch, was von jüdischer, — wenn man kein Hebräisch versteht? Was kann - über die Bibel trotz aller wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Apparate, trotz des lautesten Phrasengepolters und trotz aller Titel jemand erzählen, der nicht den hebräischen Jesaias nachempfindet? Meistenteils Kompilationen von der zehnten Hand, Obersetzungen aus Übersetzungen, fast unkenntlich, pretentiös-verziert und — verunstaltet für jemand, der einen Jesaias von Hause aus kennt. Oder die schon sprichwörtlich gewordenen (irgendein beliebiges Sujet) . .'. „und die Juden", um das jüdische Thema als Anhängsel an etwas Allgemeines verschrumpft und lokalisiert, also völlig „salonfähig* erscheinen zu lassen. . Goluth- Niedlichmacherei, Pose und Verschleierung! Das Publikum bleibt „so klug wie zuvor"; das „Am-ha- Arazentum" erfährt nichts, was es nicht früher wußte oder wissen könnte, — es werden nur Mätzchen, kleine Reizsurrogate gesucht, es heranzulocken, — nach bewährten Orgelmustern, — ohne zu bedenken, daß ebensowenig, wie die Orgel eine Andacht schafft, die fremden Frisierkünste am Judentum jüdisches Wissen erzeugen können. Dann tritt die große Langeweile ein: das Allgemeine, nach dem man gehascht, erreicht man nicht,- denn dafür sind andere Stätten und Veranstaltungen reichhaltiger und wirksamer. Das Spezifischjüdische hingegen hat man verpulvert und verwässert, o'der so fein und dünn ausgeplättet, daß nichts mehr davon übrig geblieben ist. Und doch ist diese so mangelhafte Arbeit besser als nichts! Die Idee der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.