Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 42 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ME LT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 23. Oktober 1908 pnrt> n'nn'« n»n n"D No. 42. UNSERE VORTRÄGE (PROGRAMMATISCHE WEISUNGEN) I Wenn je, so tut es heute not, daß die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur in die breitesten Schichten der Bevölkerung getragen und die Irrtümer der Gegenwart bezüglich dieser Gebiete überall, insbesondere in Vereinen und Versammlungen widerlegt werden. Zwar besitzen wir eine schöne Anzahl der besten jüdisch-geschichtlichen Werke wissenschaftlicher und populärer Natur in mancher europäischen Sprache; allein dieselben befinden sich zumeist in den Händen von verhältnismäßig nur wenigen. Jüdische Bibliotheken sind nur in ganz großen Zentren vorhanden und nicht für alle nahe gelegen und zu jeder Zeit zugänglich, wie etwa die überall befindlichen Volksbibliotheken. Kleinern Gemeinden. fehlt das Verständnis für die Notwendigkeit solcher Anstalten. Was ehemals die kleinste Gemeinde besaß: ein „Lehrhaus" und darin eine nicht nur für jedes Gemeindemitglied, sondern schlechthin für jeden Juden zu jeder Zeit zugängliche Büchersammlung, besitzen jetzt nicht einmal reiche Gemeinden in jener schlichten, gemeinnützigen Form. Der Durchschnittsjude hat also keine leichte Gelegenheit, Belehrung zu finden. Der Mehrzahl fehlt entweder das zur Anschaffung einer Büchersammlung notwendige Geld oder wohl auch die zum Studium oder zur Lektüre erforderliche Zeit, Lust und Ausdauer. Soll daher die Kenntnis des Judentums erfolgreich verbreitet und der überhandnehmenden Unwissenheit wirksam begegnet werden, so muß.dem geschriebenen Wort das gesprochene zur Seite stehen: die Geschichte und die Literatur des jüdischen Volkes müssen zum Gegenstand freier Vorträge in Vereinen und Versammlungen gemacht werden. Um den an und für sich etwas trocknen Stoff genießbar zu machen, müssen zahlreiche Charakterzeichnungen -besonders hervorragender Persönlichkeiten aufgenommen, die Ereignisse in pragmatischer Weise miteinander verknüpft und bei jeder Gelegenheit auf die Idee und die Moral der Geschichte im Leben des Judentums hingewiesen werden. Die- Vergangenheit muß durch die Kunst des Vortrags lebendig und anschaulich erneuert, der historische Sinn geweckt und verbreitet werden. Eine b esondere Aufmerksamkeit verdientdiezivilisatorische Tätigkeit des Judentums auf allen Gebieten des Wahren, Guten und Schönen, deren Erkenntnis eine Abwehr gegen den inneren Antisemitismus bildet. Das Hauptgewicht muß auf das Übersetzen und die anmutige Form, auf das Modernisieren und Hineinzaubern bunter, anziehender, neuzeitlicher Reflexe in das Alte und Herkömmliche gelegt werden. Diese popularisatorische Aufklärungsarbeit gehört zu den erstklassigen Pflichten aller führenden Kreise, die "sich um die Erhaltung des Judentums kümmern. Denn ohne jüdisches Wissen wird der Jude vollständig stumpf und aller jüdischen Selbstachtung, alles jüdischen Gemeingeistes bar. Das Wissen, die Lehre, die „Thora" bildeten seit jeher jene geheimnisvolle innere Kraft, die das Judeutum erhalten hat. Die Kultusstätten mögen noch so weihevoll sein: sobald das jüdische Wissen schwindet, sinken sie auf das Niveau äußerlicher Einrichtungen herab. Auch all die Gemeinden und Anstalten sind nur Schalen, Hüllen, Schleier für das Wesen und den Kern der Dinge, für die Ideen, die das Judentum lehrt, deren Kenntnis und Pflege der Zweck all dieser Zusammenfassungsgestalten ist. „Die Lehre der Thora überwiegt alles." Nun ist aber, die Ausarbeitung nützlicher, dem bezeichneten Zwecke gewidmeter populärer Vorträge mit einem Aufwand von Zeit und Mühe verbunden, über die heutzutage die wenigsten verfügen können. Es besteht daher das Bedürfnis nach Vereinen, die sich ^dieser Tätigkeit widmen, die die entsprechenden Kräfte beschaffen, das Auditorium sichern, für die Mittel sorgen und Ordnung halten. Auch könnte eine solche Tätigkeit durch vereinzelte Vereine nicht auf die Dauer erhalten und förderlich entwickelt werden, — daher die Notwendigkeit einer Zentrale, die die einzelnen Vereine verbindet, den zerstreuten Stoff sammelt, die Richtlinien vorzeichnet, die notwendigen Kräfte ausfindig macht, das Bestreben, wo es nicht vorhanden ist, weckt und ihm, wo es sich auch nur kaum merken läßt, einen entsprechenden Nährboden verschafft, — mit . einem Worte: eine Organisation! .Das war notwendig und