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Die Welt · 1908-10-16 · 41 (16.10.1908) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
41 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
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18 DIE^KELT No. 41' War Jesus Jude oder Arier? Auf dem Orientalischen Kongreß in Kopenhagen hielt in der Sitzung vom Sonnabend den 15. August Herr Prof. Paul Haupt-Baltimore einen Vortrag über einige galiläische Ortsnamen in Palästina. Wie auf dem Historiker-Kongreß in Berlin so hat auch hier Prof. Haupt seine Hypothese von der arischen Abstammung Jesu Christi zu beweisen gesucht. Da nun ein solches Thema mit orientalistischer Sprachforschung eigentlich nichts xu tun hat, so zwängte er es in den Rahmen seines Vortrages hinein, der im Grunde sich nur mit der Feststellung der Lage einiger nach seiner Ansicht noch nicht genau bestimmten Orte in Galiläa befassen sollte. Er ging davon aus, daß der Ort Hamath, der in der Sibel vorkommt, nicht, wie allgemein angenommen wird, in Nord-Syrien, sondern in Galiläa, und zwar in nächster Nähe vom Tiberiassee gelegen haben müsse. Diese seine Hypothese stützte er mit allerlei Konjekturen und Emmendationen aus verschiedenen biblischen Stellen; er schickte dieses voraus, um die Ansiedlung der Medier und anderer angeblich arischer Mischvölker, die durch die assyrischen Könige in der Gegend vom nordsyrischen Hamath im 6. Jahrhundert v. Chr. veranlaßt wurde, nach Galiläa zu versetzen um dann hieraus den Schluß herzuleiten, daß Jesus, der nach seiner Ansicht unmöglich ein Judäer gewesen sein könne und ebensowenig in Bethlehem geboren worden sei, von arischer Abstammung gewesen wäre. Seine Ausführungin schloß er mit den Worten: Die Feststellung, daß Jesus kein Judäer, sondern ein Arier gewesen sei, sei von höchster weltgeschichtlicher Bedeutung; denn die Rasse sei alles, und alles könne nur aus der Rasse erklärt werden. Auch hier müsse das Wort Jeremias: „Kann denn ein Neger seine Haut ändern", seine Anwendung finden. So könne Jesus nicht mehr als Judäer angesehen werden, da er nun doch ein Arier war. Dr. Kaminka-Wien bemerkte zunächst, daß er bereits vor 18 Jahren aus rein geographischen Erwägungen dieselbe Hypothese über den Ort Hamath in einer wissenschaftlichen Zeitschrift aufgestellt habe, später aber gänzlich hiervon zurückgekommen sei, weil sowohl geographische als auch wichtige historische Momente unbedingt dagegen sprechen. Herr Dr. Gunkel, Professor der Theologie in Gießen bemerkte, daß wenn es auch als feststehend betrachtet werden müsse, daß Jesus kein Judäer, sondern Galiläer gewesen, so_könne man doch nicht seine Abstammung von Ariern beweisen. Oberhaupt sei es sehr schwer die Abstammung eines einzelnen von einer bestimmten Rasse zu beweisen, und in diesem Falle müsste Prof. Haupt zum mindesten erst den Nachweis dafür bringen, daß in Galiläa nicht ein einziger Judäer übrig geblieben wäre. Herr Privatdozent Dr. Mittwoch-Berlin meinte, daß die Schlüsse, die Herr Prof. Haupt u. a..auch aus einigen Überlieferungen über die fremdartige Aussprache der Galiläer auf die fremde Abstammung Jesu Christi und seiner Apostel herleiten möchte, nicht stichhaltig seien. Herr Prof. Ginzberg New-York widerlegte auf Grund von mehreren Stellen, die er aus der alten und namentlich talmudischen Literatur anführte, die Annahme des Prof. Haupt auch in bezug auf die Lage anderer Orte in Galiläa. Herr Lic. Dr. Jeremias-Leipzig betonte, daß Jesus nur als Jude verstanden werden kann, und daß alle Versuche ihn als Arier begreiflich zu machen nur verwirrend wirken müßten. Am Ende meinte er, Herr Prof. Haupt könnte seine Beweisführung auf alle Juden ausdehnen und sie alle von Ariern abstammen lassen. Herr Dr. Yahuda-Berlin kritisierte in eingehender Weise die unwissenschaftliche Art wie Prof. Haupt seine Hypothese von der arischen Abstammung Jesu zu beweisen suchte." Wenn Herr Prof. Haupt einen Vortrag über einen wissenschaftlichen Gegenstand halten wolle, so könne man ihm dafür nur dankbar sein. Ob man ihm nun in allen Einzelheiten beistimmt oder nicht, bleibt sich gleich. Ich frage aber, fuhr er fort, ob es sich mit der ernst-wissenschaftlichen Arbeit, zu der man sich auf diesem Kongresse versammelt hat, vereinbaren läßt, daß man einen Vortrag über geographische und historische Dinge für die Erörterung einer Frage benutzt, für deren richtige Beantwortung jede wissenschaftliche Voraussetzung fehlt. Hätte wenigstens der Vortragende die Frage, ob Jesus ein Judäer oder Arier war zum eigentlichen .Gegenstand seines Vortrags gewählt und um diese Frage zu entscheiden von geographischen Gesichtspunkten seinen Ausgang genommen, so könnte man es noch zur Not hinnehmen. Aber erst mit einem geographischen Thema beginnen und ohne jede Vermittlung auf eine Frage zu überspringen, die gar keinen sachlichen Zusammenhang mit dem eigentlichen Thema des Vortrags hat, kann doch nicht als wissenschaftlich bezeichnet werden, zumal es' sich um eine Frage handelt, die in tiefstem Dunkel liegt und wie schon Prof. Gunkel bemerkt hat,- "unmöglich, entschieden werden kann. Man könnte wohl fragen, ob Jesus ein Judäer oder Galiläer, nicht aber ob er Judäer oder Arier gewesen sei. Was würde man darüber denken, wenn reinblütige Semiten, nach Art der reinblürigen Arier, große Männer der Weltgeschichte für ihre Rasse reklamieren würden, und es später jemanden einfiele auf ähnliche Art, wie es Herr Prof. Haupt tut, den Beweis zu erbringen, daß. Goethe beispielsweise von polnischen Juden abstammte, weil auch solche Juden in Frankfurt a. M. angesiedelt sind? Was würde man dazu sagen, wenn es abyssinischen Christen einfiele, zu beweisen, daß Jesus ein Abyssinier gewesen sei, oder, wenn indische oder chinesische Mohamedaner mit aller Gewalt beweisen wollten, daß Mohamed ein Inder bzw. Chinese gewesen sei? Würde man das auch als mit dem Ernst wissenschaftlicher Forschung vereinbar ansehen? Für ihn selbst, meinte Dr. Yahuda ferner, sei es ganz gleichgültig, ob Jesus ein Arier oder Semit war; jeder gute Christ aber müßte dagegen protestieren, daß man den Stifter der christlichen Religion von Mediern und" anderen Mischvölkern abstammen lassen möchte, die zu jener Zeit auf der tiefsten geistigen Stufe gestanden haben und in Vergleich mit den damaligen Juden keine nennenswerte Kultur und Zivilisation gehabt haben. Die Juden hatten schon damals eine hohe Kultur hinter sich, hatten Dichtungen wie Hiob und die Psalmen aufzuweisen, konnten auf Propheten hinweisen, als deren Schüler sich Jesus selbst bezeichnete, hatten ein tiefes religiöses und ethisches Leben; in diesem Milieu ist Jesus geboren und aufgewachsen, er war Jude und wollte selbst ein Jude sein! Aber diese ganze Frage kann uns ja auf einem Kongresse, auf dem wir uns mit sprachlichen, literarischen und historischen Gegenständen nicht aber mit Rassenfragen zu befassen haben, gar nicht interessieren. Wenn sich Herr Prof. Haupt zur- Aufgabe gestellt hat, für eine Hypothese, die von Chamberlain aufgestellt worden ist, Propaganda zu machen, so kann er es tun; nur darf er wissenschaftliche Kongresse, die sich rein wissenschaftlichen Fragen zu widmen haben, zu einem solchen Zwecke nicht benutzen, und nachdem er schon dieselbe Frage auf dem Historiker-Kongreß in Berlin erörtert hat und vom ausgezeichneten Theologen Herrn Prof. Deissmann gründlich abgefertigtwurde, so wäre es nur billig, wenn er den Orientalisten-Kongreß mit einer solchen Frage verschonte." Herr Prof. Haupt verwahrte .sich dagegen, aus antisemitischen Motiven an die Frage nach der Abstammung Jesu herangetreten zu sein und erklärte in ziemlich erregten längern Ausführungen, daß er durchaus nicht den Anspruch darauf erhebe, die Abstammung Jesu \jpn Ariern definitiv entscheiden zu können, da er ja selbst bei der Geburt Jesu gar nicht anwesend gewesen wäre. Nachdem er sich auch gegen Dr. Yahuda in scharfen Worten gewandt hatte, wurde ein Antrag auf Schluß der Debatte, die einen sehr erregten Verlauf nahm, einstimmig angenommen. ' Die Ausgrabungen bei Gezer Das kürzlich erschienene zweite Vierteljahrsheft der „Quarterly Statements'- des Palestine Exploration Fund enthält einen sehr interessanten Bericht, den Professor Alexander Macalister, der Leiter der Ausgrabungen bei Gezer, in der jüngsten Jahresversammlung der Gesellschaft über diese Ausgrabungen erstattet hat. Bekanntlich förderten die Ausgrabungen bei Gezer, dem levitischen Gazara, zunächst Ruinen zutage, die aus der Zeit der alten hellenischen und makkabäischen Siedelung an dieser Stelle stammten. Die Makkabäer hatten zuletzt in Gezer gebaut. Darunter lagen die Oberreste einer alten Stadt, die auf die Zeit der jüdischen Besitznahme des Landes zurückzuführen ist, die bekanntlich unter König Salamon stattfand, der diesen Landstrich als Mitgift seiner Frau, der Tochter des Pharao, erhielt Darunter lag eine dritte Schicht, die Oberreste der Stadt, die die Israeliten bei ihrem Einzüge in Kanaan vorfanden, und die sie nicht einzunehmen vermochten. Hier lebten dann die Israeliten 200 Jahre Seite an Seite mit den. Kanaaniten. Darunter befand sich die von Totmes eingenommene Stadt und darunter wieder eine, noch frühere semitische Siedelung. Und zu allerunterst hat man dann die Oberreste der Höhlenbewohner, die hier gehaust haben, lange ehe . das Land besiedelt war. Im ganzen unterscheiden wir also sechs Schichten, sechs Städte, die eine über den Überresten der anderen gebaut worden waren. Professor Macalister erwähnt sodann die Ansiedelungen aus römischer und christlicher Zeit, die rings um dieüügel, die die Überreste der Siedelungen von Gazara bargen, nach dem Falle der makkabäischen Feste entstanden sind. Hier wurden sehr interessante und sehr wertvolle Objekte gefunden. Verschiedene neue hellenische und makkabäische Gräber wurden aufgedeckt, in denen mehrfach Knochenurnen gefunden wurden. Diese werden allgemein bei Ausgrabungen in Palästina gefunden, hier brachte man auch schön verzierte und beschriebene Urnen ans Tageslicht. Aus der makkabäischen Zeit stammt das große Kastell, die Bäder und der vom Makkabäerfürsten Simon gebaute Wall, Entdeckungen,.' über die hier .bereits berichtet wurde. Interessant ist daß, da die Zelte der Expedition sich in der Regenzeit als unzulänglich erwiesen, der Palast des. Simon Makkabäus so weit hergerichtet wurde, daß.

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