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Die Welt · 1908-10-16 · 41 (16.10.1908) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
41 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nö. 41 DJE^E LT ist mir wohl bekannt, daß Sie in Köln nicht arbeiten können, ' wenn in unsern Reihen nichts geschieht. Aber die Impulse müssen nun einmal von der gewählten Leitung ausgehen, — nicht wie Sie fordern, aus den Reihen der „Gemeinen" kommen.- Bestand doch die Größe von Herzl n'cht zum wenigsten darin, daß er verstand, die Massen im Banne seiner Persönlichkeit und seiner Idee zu halten. Was unsere Gesinnungsgenossen so deprimiert, ist nicht zum wenigsten der Umstand, daß überall die Meinung besteht, in Köln hätte man keine Ideen, keine einheitlichen Pläne mehr, nach denen sich die zionistische Politik richten könne. 4. Es fällt mir gar nicht ein, zu verlangen, daß unsere jetzt englischen Institutionen plötzlich ottomanisch werden sollen. In meinem Aufsatz ist solches gar nicht gefordert. Nur beklage ich es aufs tiefste, daß diese Institutionen eben englische sind. Da ich reichsdeutscher Staatsbürger bin, werden Sie mich nicht eines falsch verstandenen Patriotismus zeihen, wenn ich sage, daß ich unsere Institutionen lieber unter schweizerischer Flagge gesehen hätte, als unter der einer Macht, welche der Türkei schon so_viele schwere Stunden verursacht hat Ich erwähne nur: Cypern, Ägypten, Suez, Akaba .... soll ich fortfahren? Jammerschade, daß man dem Plane Dr. Farbsteins und Drl Meyers seinerzeit nicht stattgegeben hat und den Nationalfonds wenigstens in der neutralen Schweiz legalisiert hat. Die "Schweiz ist ja im übrigen im Orient vertraglich durch das Deutsche Reich geschützt. 5. Fällt mir gar nicht ein, zu behaupten, daß ich im Besitz der Zauberformel bin, wie man das jüdische Großkapital nach Palästina lenken könne. Unter den obwaltenden Verhältnissen dürfte das so schwierig sein, wie die Quadratur des Zirkels zu finden. Ich spreche auch in meinem Aufsatz nicht von dem jüdischen Kapital, sondern vom Kapital im allgemeinen. Die Auffassung, als ob wir nur mit jüdischem Kapital arbeiten sollten, erscheint mir seit langem schon als nicht zweckmäßig. Das Kapital ist wahrhaftig eine „internationale Kategorie" nicht erst seit Karl Marx. Gibt es in Palästina etwas zu verdienen, sind dort lukrative Möglichkeiten für die Kapitalbetätigung, so soll man diesbezügliche Projekte ausarbeiten und versuchen, mit den im Orient arbeitenden Großbanken zusammen dieselben auszuführen. Sache unserer Bank ist es, dafür zu sorgen,, daß wir die Kontrolle über die Arbeitsverhältnisse behalten. Nicht das Kapital muß jüdisch sein, sondern die Arbeiter, die von ihm in Bewegung gesetzt werden. Auf Projekte, die Rentabilität versprechen, — und solche gibt es, scheint mir, in Palästina, — werden die betreffenden Banken wohl eintreten. Ich bin gern bereit, den Beweis dafür zu liefern, falls ich die Unterstützung des A. C. — will sagen des Aufsichtsrates des J. C. T. (nicht die materielle — um kein Mißverständnis hervorzurufen) für die notwendigen Vorarbeiten genieße. Ich bin "der Meinung, daß sich sehr, sehr viel tun läßt, Sie selbst empfinden es schmerzlich, daß so wenig geschieht. Aber sollte es nicht an der Parteileitung sein, die Arbeit zu verteilen? Mit dem Sammeln und dem Arbeiten in den Landesorganisationen ist es allein nicht getan, — so notwendig und ersprießlich diese Arbeit an sich auch ist. Es dünkt mich nur, es gäbe großzügigere Arbeit auch — — — doch das müssen diejenigen Instanzen, die sich von Amtswegen damit beschäftigen, in Köln und Berlin ja auch wissen--warum also geschieht doch nichts? In der Hoffnung, daß Sie diese Ausführungen eines Mannes, der nichts sehnlicher wünscht, als in der Organisation arbeiten zu können, aufnehmen werden, verbleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung und besten Zionsgrüßen als Ihr ergebener Dr. L. Felix Pinkus, Zürich Sekretär des Schweiz. Landeskomitees Anmerkung der Redaktion. Wir geben in loyalster Weise der Replik des verehrten Korrespondenten Raum, umsomehr da unsere Ausführungen nicht gegen ihn persönlich, sondern gegen die Auswüchse leichtfertiger Kritik gerichtet waren, wie sie in dem zitierten Aufsatz im „Heed Ha-Sman" erschienen, zum Ausdruck kamen. Nun behauptet Herr Dr. P., den Aufsatz nicht so unterschrieben und nicht so an manchen Stellen geschrieben zu haben. Das konnten wir aber nicht wissen. Es ist überhaupt unvorsichtig, Artikel in einer Sprache drucken zu lassen, die man selbst nicht, kontrollieren kann, besonders „offene Briefe" an eine Leitung. Viel einfacher und zuverlässiger wäre es, in der Sprache, in der man geschrieben hat, den betr. Brief an die Leitung zu richten. Wir empfehlen dem Herrn Dr. P. eine Prüfung der Obersetzung. Er wird über diese Musterleistung seiner Berichtigungskunst selbst lächeln und die Leichtfertigkeit bedauern, mit der er uns Vorwürfe macht während er sich nicht die Mühe gibt wenigstens jetzt seinen eigenen Aufsatz durch einen Hebräischkundigen sich vorlesen zu lassen. .Es heißt nicht im Aufsatz: „vom Kongreß", sondern deutlich „von der Tribüne des Kongresses"; es steht kein Passus von „staatsbürgerlichen Rechten". Aus' Inhalt und Form, insbesondere aus dem Zusammenhange des zitierten Aufsatzes war die Tendenz ersichtlich. Die Erzählung, daß er an Herzl geschrieben und freurtd-- liehe Antworten bekommen habe, beweist ebensowenig wie die neuen Anregungen für Jahreskongresse und für die Gründung des Nationalfonds in der Schweiz. Solche Berichtigungen ändern an der Richtigkeit unserer Behauptungen nicht das mindeste. Wir rügten nicht, was Herr Dr. P. jetzt über Jahreskongreß, über die Stellung Englands und die Vorzüge der Schweiz, über das -nichtjüdische Kapital und die Projekte usw. vorbringt, — das sind Ansichten, die man hundertmal gehört, die aber die Mehrheit nicht akzeptiert hat und Herr Dr. P. wird doch nicht annehmen, daß das A. C. diese Ansichten nicht gekannt und gegen die Motive, die er anführt, nicht andere m höherem Grade maßgebende Erwägungen geltend machen mußte. Was wir rügten, war nicht die Verschiedenheit der Ansichten, sondern die Brüskierung und Ironisierung des Systems, — eine Unart, wie sie nicht nur jetzt, sondern schon früher geübt wurde. Es ist nur ein Spiel mit Worten, wenn Herr Dr. P. von der Leitung „Ideen" verlangt. In jedem Aufruf und in jedem Beschluß werden die Richtlinien vorgezeichnet Damit viel mehr beschlossen und ausgeführt werden könne, muß die zionistische Gesamtheit intensiver mitarbeiten. Die Redensarten des Genres: „man glaubt, daß man in Köln keine Ideen hat", „man ist nicht mehr begeistert" — wenn sie überhaupt eine Wirkung haben, so ist das eine negative Wirkung: sie schwächen die agitatorische Kraft, sie ziehen eine Mißstimmung groß — und verlangen zu gleicher Zeit_Wunder. Das ist keine Opposition, sondern eine Dekadenz, eine Überdrußstimmung, gegen die von allen Seiten angekämpft werden muß. Herr Dr. P., der es bestimmt gut meint, hat in seiner obengedruckten Replik manche Scharten ausgewetzt. Wenn er manchen Fragen praktisch näher treten wird, so wird er, bei dem guten Willen, den wir bei ihm voraussetzen, noch von andern Irrtümern abkommen. SPRECHSAAL Diese Rubrik, für die die Redaktion keine Verantwortung trägt, ist Zuschriften aas dem Leserkreise zum freien Meinungsaustausch offen Nennen Sie mich keinen Phantasten und Stürmer. Es ist alles reiflich überlegt. Ein Wort ist neu und wird verlacht. Ging es doch dem Zionismus auch so. Aber man hört es öfter und immer wieder. Schließlich denkt man sich auch etwas dabei, und schließlich findet man es ganz vernünftig. Mein Gedanke ist: Der nächste Kongreß muß in Palästina tagen. Dies muß auch das Losungswort bis zum nächsten Kongreß sein. Keine finanziellen Schwierigkeiten stehen da im Wege. Haag und Basel und London sind nicht weiter von den jüdischen Zentren entfernt als Palästina. Unser Kongreß kann es wagen, der türkischen Öffentlichkeit ins Auge zu sehen. Die Türken sind nicht unsere Feinde, und nur ein selbstbewußtes Auftreten kann dem Zionismus vor den Augen des türkischen Volkes dasselbe Ansehen und dieselben Rechte gewährleisten, wie sie Griechen, Armenier und andere Völkerschaften des türkischen Reiches zu erwarten haben. Die Türken müssen von vornherein den Gedanken als natürlich empfinden, daß Juden auf palästinensischem Boden ihre Volkstage abhalten. Sie sehen sicher darin nichts Außergewöhnliches, nur wir, wir verschüchterten, ängstlich nach jedem Stirnrunzeln ausspähenden Ghettojuden, wir wagen keinem einfachen freien Gedanken unbefangen Raum zu geben. Auch die Judenheit Palästinas muß endlich einmal anfangen, Palästina als ihr Land wiederzuerkennen. Der Kongreß auf palästinensischem Boden muß diesen Glauben mächtig stärken. Das Gehirn und das Herz der mit dem Boden noch nicht organisch verwachsenen Judenheit Palästinas wird in dem Kongreß entstehen, eine Grundlage für künftige Selbstverwaltung, eine Schule für politisches Denken. Die hebräische Sprache, die auf dem letzten Kongresse als Kongreßsprache festgestellt wurde, was aber bisher nur „ein Ziel aufs innigste zu wünschen" war, solange der Kongreß in der Diaspora tagt, würde auf einmal neue Bedeutung gewinnen,- der Kongreß würde hebräisch werden und befruchtend auf die Volkssprache Palästinas zurückwirken. Und jnoch eins.- Mit dem Kongreß in Palästina käme auch Geld ins Land. Und predigen wir nicht immer Palästinareisen? Wer sieht nicht tausend neue schöne Möglichkeiten bei diesem Gedanken?

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