Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 41 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316338--51143-3378762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Bäder von Hama Von %* ".' Vor einigen Jahren bedurfte es noch einer mehrtägigen Wagenfahrt auf unbequemen Straßen, wenn man die heißen Quellen von Hama (im Jarmuktale, nicht weit von der Mündung des Jarmuk in den Jordan) besuchen wollte. Jetzt kann der Reisende mit der Eisenbahn von Haifa in 4 Stunden bis zur Bahnstation Hama (el Hami) fahren und von hier mit wenigen Schritten die Bäder erreichen. Wir kamen zu Pferde von der Stadt Tiberias, hatten den Jordan dicht an seiner Ausmündung aus dem Tiberiassee auf einer Furt überschritten' und beabsichtigten, in Semach, der Bahnstation von Tiberias, den Zug bis Hama zu benutzen. Wir wären dann in einer halben Stunde in Hama gewesen. Aber wir waren zu spät aufgebrochen, verpaßten infolgedessen den Zug und mußten nun in der brütenden Mittagsglut eines heißen Septembertages nach Hama reiten. Der Weg führte quer durch das Jordantal, das sich in stattlicher Breite ausdehnt. Kein menschliches Wesen begegnete uns; nur einmal kreuzten arabische Kaufleute unsern Weg. Sie führten große Herden schöner Kamele mit sich,, die sie von den Beduinen des Hauran gekauft hatten und jetzt nach Egypten brachten. Im Vorbeireiten fanden sie noch Zeit, uns zu sagen, daß die Kamele dieses Jahr sehr teuer seien und daß sie für manches Stück bis zu 20 Napoleon (400 Frcs.) bezahlt hätten. Allmählich steigt der Weg an; wir verlassen das Jordantal und biegen in das tiefe Tal ein, das sich der Jarmuk ausgewaschen hat. Höher und höher steigt der Weg. Tief unten rauscht das smaragdgrüne Wasser des Jarmuk; an seinen Ufern blüht der Oleander und säumt ihn mit grünem Laube ein. Rechts und links steigen die Gebirgswände steil in die Höhe; sie bestehen aus weißem Kalk, der an vielen Stellen von schwarzer Lava überlagert ist, die einst in diesem Gebiete aus zahlreichen Kratern herausflutete. Der weiße Kalk, von dem das Sonnenlicht grell zurückprallt, hebt sich prächtig von der schwarzen Lava ab. An einer Stelle tritt das Gebirge von beiden Seiten dicht an den Fluß heran und bildet ein enges schwarzweißes Tor, durch das sich der Fluß mit Mühe seinen Weg bricht. Obwohl wir uns der greographischen Höhe nach kaum auf Meeresniveau befanden — wir kamen aus dem 200 m unter Meeresniveau gelegenen Jordantale —, täuschte uns der Fluß, der so tief unter uns lag und die sich über uns hinziehenden Höhen fast eine Hochgebirgslandschaft vor. Auch die Kahlheit des Gebirges paßt dazu. Nur hier und da erhebt eine Terebinthe ihr kugelförmiges Haupt. Die Berge ermangeln allerdings der schroffen Formen des europäischen Hochgebirges. Mit ihren leicht geschwungenen und sanft abfallenden Höhen erinnern sie vielmehr an das Kalkgebirge Mitteldeutschlands. Der Kalk muß übrigens stark eisenhaltig sein, denn überall sahen wir auf ihm Krusten von Eisenoxyd. Nach lVa stündigem Ritte wird die Vegetation reicher; auf der andern Seite des Tales sind die Berge sogar mit Eichwald bedeckt Wir steigen auf einem engen, schluchtartigen Wege zum Flusse hinab, überschreiten das Bahngeleis, und sind bald in der Nähe der heißen Quellen. Plötzlich erhebt sich ein Gekreisch und Geschrei; einige badende arabische Frauen haben uns bemerkt, als wir uns dem Strauchwerk nähern, das die eine der warmen Quellen umfaßt, und sind in Angst, daß wir zur Quelle einbiegen könnten. Wir müssen nolens volens weitergehen .und gelangen in wenigen Augenblicken zu den Hauptquellen, die mit einer Temperatur von etwa 50° in starken Sprudeln aus dem Boden hervorquillt und einen starken Schwefelgeruch verbreitet Das die Quelle bildende Bassin ist nicht groß; das Wasser, das in den prachtvollsten Farbennuancen flimmert und auf allen Steinen einen gelblichgrünen Schwefelabsatz zurückläßt, übersprudelt das Bassin und sucht sich zum Jarmuk freien Abfluß. Dicht an der Quelle stehen die Ruinen des großen Badehauses, das in römischer Zeit hier stand; die großen Quadern und Bögen haben die Zeit überdauert. Welches Leben muß vor 2000 Jahren in dieser Gegend geherrscht haben! Dort drüben auf einem kleinen Hügel befinden sich noch die Reste eines römischen Theaters, und Säulenstümpfe und Kapitale finden sich überall zerstreut. Jetzt ist die Gegend, -weildie heißen Quellen keinen geregelten Abfluß haben und das Gebiet versumpfen, als gefährlicher Fieberherd gefürchtet,, und nur wenige Fellachen bewohnen die Gegend. Eine einzige elende Badehütte ersetzt jetzt das ehemalige stolze römische Badehaus. Im Winter und Frühjahr kommen allerdings Fellachen und Beduinen in ziemlicher Anzahl zum Bade und schlagen in der Nähe ihre Zelte auf. Insbesondere suchen kinderlose arabische Frauen das Bad auf und schreiben ihm Heilwirkung gegen Unfruchtbarkeit zu. Für den Europäer ist das Bad' in seinem jetzigen Zustande nicht besuchbar, denn er-, findet nirgends Schutz vor der Sonnenglut, die sich sehr unangenehm bemerkbar macht. Schattenspendende Häuser und Bäume wären die erste Voraussetzung für jede Wiederbelebung des Bades, dessen Heilkraft bei Rheumatismus und Hautkrankheiten altberühmt ist und nicht hinter den heißen Quellen von Tiberias zurücksteht Außer den Hauptquellen und in deren unmittelbarer Nachbarschaft gibt es noch 4 andere Quellen; ihre Temperatur ist stark verschieden, offenbar im Zusammenhang mit der verschiedenen Tiefe, aus welcher das Wasser herauskommt In einer der Quellen, die von grünen Sträuchern überschattet und in ein geheimnisvolles Dunkel getauchtist,istdas Wasser an einer Stelle kalt und für unsern Durst ein erquickendes Labsal; wenige Fingerbreit entfernt in demselben Quellbassin ist das Wasser dagegen lauwarm, und hat mindestens 30°, anscheinend deshalb, weil das kleine Bassin von verschiedenen, aus der Erde hervorrieselnden Wassern gespeist wird. Eine andere Quelle mit lauwarmem Wasser hat auf ihrem Abflüsse einen ziemlich, großen Teich gebildet. Ich steige hinein, um ein Bad zu nehmen, der Fuß gleitet aber auf den im Wasser liegenden mit Schwefelabsatz bedeckten Steinen aus und zugleich löst sich die schweflige Kruste von den Steinen und kommt an die Oberfläche des Wassers. Schwimmend gelange ich aus dem Bereiche dieser unangenehm qualligen Masse und genieße nun im Wasser ein Farbenspiel, wie ich es kaum je gesehen habe. Wie ein riesengroßer flüssigr Diamant funkelt das Wasser; die von mir aufgerührte Oberfläche des Teiches zeigt immer neue Farbentöne von einer Schönheit und Tiefe, daß sie mir fast die Augen verwirren. — Ich wurde erst ernüchtert, als ich auf dem glühendheißen Boden ohne den geringsten Schatten meine Kleidung wieder anlegte; da wurde in mir der Wunsch rege, daß es den Badenden hier in Zukunft durch Errichtung einer Badehütte besser ergehen möge. v Wird dies der Fall sein? Eckardt Zickermann und Fenner sagen in ihren „Palästinensischen Kulturbildern" (Leipzig 1907 S. 130), künftig soll ein Dampfschiff oder Motorboot den Verkehr zwischen Semach und Tiberias vermitteln, dann sind die Verbindungen für Verwertung der heißen Schwefelquellen bei Tiberias und bei el Hami im wildromantischen Jarmuktale vorhanden. In der schönsten Gegend Palästinas könnten dann Sanatorien und Badeorte entstehen, die ebenso bequem wie Heluan in Egypten zu erreichen sind, den Kurgästen aber eine Fülle landschaftlicher Genüsse bieten." Jetzt ist die Verbindung mit Hama durch die Eisenbahn in der denkbar bequemsten Weise geschaffen. Der Weg ist also frei, um', die Bäder von Hama zu neuem Leben erstehen zu lassen. Durch Regulierung des Abflusses der heißen Quellen, die wahrscheinlich mit geringen Kosten durchgeführt werden kann, könnte die Gegend von Malaria befreit und durch Erbauung eines Hotels und Badehauses aus den an Ort und Stelle in Menge vorhandenen prachtvollen Bausteinen könnte der Gebrauch des Bades auch Europäern ermöglicht, könnte den vielen an Rheumatismus leidenden Personen in Palästina und Syrien eine Heilquelle ersten Ranges mit außerordentlich mildem Winterklima erschlossen werden. Gibt es energische jüdische Unternehmer, welche diese Möglichkeiten in Wirklichkeiten umzusetzen wissen?