Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 41 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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. BRIEF AUS KOI (Von unserem Die Freunde der Türkei Es ist zu bewundern, welcher Zug von Einmütigkeit zwischen Juden und Türken herrscht Trotz ihrer geringen Anzahl versäumen die ersteren keine von den vielen großen und kleinen Gelegenheiten, ihre Solidarität mit'der gesamten ottomanischen Nation zu manifestieren. Die Schmerzen von Saloniki sind schnell vergessen, und in brüderlicher Freundschaft für die Türken sagten sich die Juden: tes amis sont mes amis. Der enthusiastische Empfang der Athener in Konstantinopel gestaltete sich fast zu einer Verbrüderung zwischen Hellenen uod Israeliten. Auf einem Spezialschiff der Juden fuhren Hunderte .von Mitgliedern der „Nation** den Griechen entgegen, um in Reih* und Glied mit den andern Ottomanen den Gästen den ersten Willkommengruß zu entbieten. Kurz waren die Tage, an denen Hellenismus und Judaismus nach langer geschichtlicher Unterbrechung wieder miteinander Fühlung nehmen konnten, aber der Berührungspunkte waren glücklicherweise viele, um auch bei den Juden einen Stützpunkt-für die Ziele der geeinigten ortomanischeh Nation zu schaffen. Die Abordnung der Juden mit David Fresco an der Spitze an Bord des griechischen Dampfers, die ausgetauschten Toaste auf den Banketts, besonders die Ansprache Nahmias Beys, des Dragomans der Banque Ottomane, im Namen des Konsistoriums, die griechische Delegation bei Naoum, all das sind zwar nur kleine äußere Zeichen von Gastfreundschaft und" Sympathie, die später vielleicht ebenso schnell, wie sie gekommen, vergessen werden könnten. Aber Griechen und^ Juden zeigen ernste Bestrebungen, engere Freundschaft, zu pflegen, und schon ist ein Kind der neuen Liebe in Form einer helleno-israelitischen Assoziation unter dem Ehrenvorsitz des griechischen Gesandten gezeitigt. Wir haben keinen Grund zu zweifeln, daß die Freundschaft zwischen dem schwachen Griechen und dem schwächeren Juden ebenso fest sein wird wie zwischen dem starken Griechen und dem stärkeren Türken. Die Loyalität der Juden, kennt keine Einschränkungen und Grenzen; sie gehen bis zur letzten Konsequenz und sagen nicht nur „tes amisrsont mes amis", sondern auch „tes ennemis sont mes ennemis_". Das Fieber, die Entrüstung, die das ganze ottomanische Volk ob der alle Rechte mit Füßen tretenden Anmaßung der Bulgaren ergriffen hat, hat auch die Juden in begreifliche Erregung versetzt Sie beteiligten sich infolgedessen nicht nur an den großen Straßendemonstrationen, die den Engländern und Franzosen die Sympathie, den Bulgaren hingegen die Entrüstung der ottomanischen Nation ausdrückten, sondern sie beabsichtigen auch dem Beispiele der Armenier zu folgen und dem Großwesir die Bereitschaft der Juden, im Falle eines Krieges mit der ottomanischen Armee zu marschieren, zu erklären. Solche Gefühle sind bei der Loyalität der ottomanischen Juden wohl verständlich, ihnen gesellen sich aber auch ungekannte Ottomanen. Welche Vorteile stecken die bulgarischen Juden mit der Unabhängigkeitserklärung Bulgariens ein? Vor dem Berliner Vertrag brauchten die Juden Bulgariens und Rumäniens nicht den Antisemitismus ihrer Befreier vom »türkischen Joch" zu befürchten. Sie wußten wohl, daß diese Erlösung mit" der Befreiung aller Ottomanen aus dem Drucke des Absolutismus kommen wird, und niemals ließen sich' die Juden dazu verleiten, sich bulgarischen Banden anzuschließen. Im Gegenteil, die Juden aus dem Balkan, die in die Türkei eingewandert sind, haben selbst unter dem alten Regime es vorgezogen, die türkische Untertanschaft anzunehmen, als unter dem Verdachte zu stehen, bulgarischer Großmachtssucht und den Umtrieben sich bojarisch gebärdender Rumänen die Hand zu bieten. Heute sind bulgarische und rumänische Juden in Konstantinopel, Saloniki und Palästina mit den Türken vereint, und keine Unabhängigkeitserklärung kann sie von dem ottomanischen Volke trennen. Was soll nunmehr die Juden der abgefallenen Balkanprovinzen, in denen sie verfolgt und gehaßt werden, verhindern, ihre Solidarität mit den Ottomanen kund zu geben? Kann man denn den Sofiaer, Bukarester, selbst Sebastopoler und Tifliser Juden zumuten, sie mögen gegen ihre Konstantinopeler Brüder die Waffen ergreifen? Die Rumänen haben die Juden als Fremde erklärt, was wird diese Fremden hindern, sich aus der rumänischen Befreiung in wieder das „ottomanische Joch" zu begeben? In der Tat ist auch eine Bewegung unter den Ottomanen gewordenen' rumänischen und bulgarischen Juden bemerkbar, eine eifrige Propaganda für die Idee des Ottomanentums unter den Balkanjuden, die ebenso Spaniolen wie die ottomanischen Juden sind, zu entfalten. Sobald es zu einer Revision des Berliner Vertrages, zu einer Aufrollung der orientalischen Frage gelangt, wird auch für die Juden des. Balkans -der Moment gekommen sein, zu ihrer eigenen Situation Stellung zu nehmen. Wollen sie als Parias von Abtrünnigen, als Fremde von den Rumänen behandelt werden, oder wollen sie ihr verfolgtes Judentum -unter Berichterstatter) den Schutz des freien Ottomanentums stellen? Für die Juden gibt es nur eine Antwort. Sie können nur die Größe und mit den Freiheit und Fortschritt liebenden Franzosen und Engländern die Einheit der Türkei wünschen. Es ist kein Zufall, daß die zionistischen Institutionen, trotzdem die Massen der Anhänger des Zionismus in Rußland, Rumänien und Galizien, in Österreich_und Deutschland wohnen, in England ihren Sitz haben. Treu den Überlieferungen Disraelis, der durch sein Eingreifen im Krimkriege einer Beschneidung der Türkei vorbeugte, mußte England als Stütze der Einheit des ottomanischen Reiches angesehen werden. Während die Zionisten durch backschischgierige Izzets und Tachsims verhindert waren, sich in den Schutz der Türkei zu stellen, war es nur natürlich, daß die zionistischen Institute der Kontrolle Englands, das absolut nicht in den Verdacht kommen konnte, irgendwelche Absonderungsbestrebungen im ottomanischen Reiche gutzuheißen, übergeben wurden. Die Zionisten wollten auf diese Weise der Freundschaft Englands für die Türkei auch die ihrige zugesellen, und wenn jetzt die Zeit gekommen ist, wo die Türkei die Dienste Englands anerkennt, so kann auch der Zeitpunkt nicht mehr fern sein, an dem die Türken in dem natürlichen Bündnis mit den Nachfolgern Disraelis eine Stärkung ihrer Position suchen werden. Der Schwerpunkt des jüdischen Wohls und Wehes liegt im Schöße Osmans, niemand kann mehr interessiert an der Erhaltung des Gleichgewichts im ottomanischen Reiche sein als die jüdische Nation; aber wenn rumänische und bulgarische oder andere Großmachtsintrigen diesen Schwerpunkt außerhalb des Orients wurden verlegen wollen, würde auch das ottomanische Reich ins Wanken geraten. Jetzt, da diese Frage wieder aufgerollt wird und die Türkei sich nach Bundesgenossen umschaut, wird sie sich wohl überlegen müssen, welche Freundschaft ihr billiger zu stehen kommen wird: diejenige der über Kreta oder mit der von Larissa direkt nach der Türkei noch zu bauenden Eisenbahn reisenden griechischen Ausflügler, oder die der wandernden heimatsuchenden Juden. In der jüdischen Nation Der Kampf um den Chacham-Baschi-Thron scheint seihe Apotheose erreicht zu haben. In einer Gratis-Ausgabe des „Tiempo" veröffentlicht David Fresco ein langes Expos6 über den Werdegang der neuen Ordnung — oder wie der „Telegrafo" meint, der neuen Unordnung — in der jüdischen Nation seit dem 24. Juli. Aber was nützt die Länge der Auseinandersetzungen, wenn ihnen die Tiefe fehlt. Obwohl sich eigentlich alles um das Sein oder Nichtsein Naoums dreht, haben seine Gegner die Debatten geschickt-auf ein anderes allgemeines Gebiet gelenkt. Aus dem Personenkasus, eine* Prinzipienfrage machen, wäre nicht allein eine Entwürdigung der Aufgaben, die sich die Wortführer der jüdischen Nation stellen müssen, sondern auch bei dem wenig wiegenden Prinzipienwert des in Betracht kommenden Kandidaten eine Lächerlichkeit. In der italienisch-französisch erscheinenden „Turquie" ward ein mit „eine Unparteiische" unterzeichneter Artikel publiziert, in dem auf die merkwürdige Ta'sache der engen Freundschaft und Verwandtschaft zwischen Fresco, Naoum, Danou usw. hingewiesen wurde. Kaum war der Mischlisch ruchni durch Dr. Markus, Danou und Naoum ergänzt, der Mischlisch gaschmi aus der intimen Freundschaft Danous zusammengestellt, als auch schon sein Schwiegersohn Naoum zum Chacham-Baschi ernannt wurde. Man hatte aber eins, die Hauptsache quasi, übersehen. Wessen Werk war diese blitzesschnelle saubere Arbeit? Gabai nennt das seit Wochen im „Telegrafo" los Manevros de David Fresco, die Artikelschreiberin in der „Turquie" das legale Werk des aus 80 Mitgliedern bestehenden illegalen Mischlisch umumi. Dem Gesetze nach werden diese Mitglieder des großen Volksrats lebenslänglich gewählt; seit 35 Jahren haben keine Wahlen stattgefunden, verschiedene Mitglieder sind längst gestorben, und doch war der Volksrat stets vollzählig; die Lösung dieses Kunststücks steckt im vorkonstitutionellen System. Und die, die früher Mord und Zeter gegen Fresco schrien, daß er das Großrabbinat stürzen wolle, sind jetzt reuige Sünder. Fresco hat recht gehabt, MoTse Halevy und der ihn stützende und schützende Mischlisch waren in der Tat eine zu Unrecht bestehende Körperschaft. Warum ist er aber bei seinem Suchen nach Recht und Legalität bei diesen paar Personen stehen geblieben? Fühlte er die diktatorische Kraft seines Programms nicht weiter reichend? Für die Verteidigung einer gerechten Sache fühlen sich seine Gegner nunmehr stark genug, und er selbst nimmt den Standpunkt seiner früheren Widersacher ein: man kann das Großrabbinat nicht absetzen, es ist lebenslänglich gewählt; ja, wenn aber von einem illegalen Volksrat? Von Naoum: befreundeter Seite wird das Gerücht verbreitet, der Mischlisch gaschmi