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Die Welt · 1908-10-16 · 41 (16.10.1908) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
41 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die J»,..^. R.mürie, HSSLt ausgeführt hat, daß eine friedliche Lösung der Orientkrise auch im Interesse der Juden liegt: Auch noch von einem andern Gesichtspunkte aus verlangt diese bedeutsame und schwierige Lage die jüdische Aufmerksamkeit Das Hauptstreben der bulgarischen und österreichischen Handlungsweise ist, den Berliner Vertrag zu einem weißen Stück Papier hinabzudrücken. Wir freuen uns über den Standpunkt der englischen Regierung in dieser Frage, die gemeinsam mit einigen andern Mächten für die Unverletzbarkeit dieses diplomatischen Instruments eintritt. Es ist richtig, daß ein europäischer Vertrag dieser Art n'cht einer einseitigen Verletzung ausgesetzt werden durfte. Aber warum sind die Unterzeichner des Vertrags gerade jetzt aus ihrer Untätigkeit erwacht? Die Bulgaren und Österreicher sind nicht die ersten, die das Abkommen gebrochen haben. Schon seit Jahren hat die rumänische Regierung einen dicken Strich durch den Vertrag gemacht und motuproprio den Artikeln 43 und 44 ein Ende bereitet. Man' kann unmöglich daran zweifeln, daß Bulgarien, da es ein anderes Land dicht nebenbei sah, das den Vertrag nach Herzenslust verletzte, ermutigt wurde, diesem Beispiel zu seinem eigenen Besten zu folgen. Wenn die Mächte in Bukarest interveniert und strenge auf der Beobachtung der die Juden betreffenden Bestimmungen des Vertrags seitens Rumäniens bestanden hätten, wäre Bulgarien eine Warnung erteilt worden, die es nicht hätte mißverstehen können. Sie zogen es vor, den Vertrag zu ignorieren und sie zahlen jetzt die Strafe für ihren eigenen Kleinmut und Treubruch. Möglicherweise wird als Resultat der Vorgänge im nahen Osten eine Gelegenheit gegeben werden, nicht nur die Haltung.Bulgariens und Österreichs, sondern auch Rumäniens zu prüfen. Eine Gelegenheit wie diese, wird uns nur höchst selten geboten. Die Mächte können nicht eine Verletzung des Vertrags diskutieren und die andere unerwähnt lassen. Die Juden Europas und Amerikas, die durch die ungesetzliche Bedrückung der rumänischen Juden immer erneuten Schwierigkeiten ausgesetzt sind, haben ein Recht, über diese Frage gehört zu werden. Hier ist auf alle Fälle eine Krisis, bei der eine mächtige, repräsentable i;ternationale jüdische Körperschaft mit einigem Erfolg intervenieren könnte. Bis etwas geschehen ist, müssen wir sehr bedauern, daß das Verhalten Bulgariens und Österreichs, die den Berliner Vertrag für nichts achteten, für Rumänien ein unwiderstehlicher Ansporn sein wird, in seiner alten Haltung gegen unsere Glaubensbrüder zu verharren. Jeder Appell an den Vertrag, als Gewährleister der jüdischen Rechte wird bei den rumänischen Politikern dem Einwand begegnen, daß sie nur tun, was andere Mächte auch getan haben und beide Signatarmächte, die den Vertrag zerrissen haben, und die Mächte, die diese Handlung zugelassen haben, werden außerhalb jeder Gerichtsbarkeit stehen. Solange der Berliner Vertrag tatsächlich in Wirksamkeit blieb, bestand allezeit ein fühlbarer Schutz für die rumänische Judenheit, der doch immer eine, wenn auch sehr schwache Bürgschaft bildete, an die jederzeit appelliert werden konnte. Die Vernichtung des Vertrags droht die eine kleine Schranke zu entfernen, die zwischen unsern Brüdern und einer grausamen und unbarmherzigen Bedrückung stand. S? SSSSS£SSÜS erae ant.sem.t.sclie Pobelei der an die Redaktion des Parole" adressiert, von ihr aber natürlich nicht veröffentlicht worden ist: „Aus der Lektüre des ,Libre Parole' vom 1. Oktober ersehe ich, daß Sie Verlangen darnach tragen, ,die türkischen Barbaren und ihre hebräischen Genossen' aus Europa verjagt, zu sehen. Das ist gewiß ein lobenswertes Gefühl. Gestatten Sie indessen einem türkischen Barbaren, Ihnen im Namen seines ganzen Volkes zu antworten. Die neue Türkei ist Ihnen zwiefach verhaßt: l. Weil sie weder katholisch noch romanisch ist; 2. weil sie dieser ersten Sünde das Verbrechen hinzufügt, liberal und tolerant zu sein. Wir sind doppelt Barbaren, das ist klar, weil wir nicht wie Sie denken und weil wir nicht zulassen wollen, daß man denke wie Sie. Sie denken wie das Mittelalter während der Kreuzzüge. Sie Zusammenschluß der New Yorker Juden denken, wie etwas später die Inquisitoren gedacht haben. Wenn Sie und die Ihrigen am Ruder wären* würden Sie demselben Scheiterhaufen, auf dem Ihre Heldin Jeanne d'Arc, das Opfer des Bischofs Cochon, verbrannt wurde, unterschiedslos die Sarazenen, Juden und Freidenker überliefern. Das würde Ihre Zivilisation sein. Wir, wir gestatten, daß man Christ, Jude oder nichts von beiden sein kann. So . sind wir also, wenn auch Muselmanen, offenbar noch Wilde. Nun wohl Herr^Drumont, ich will Ihnen nur das sagen, ich ziehe unsere freie und tolerante Barbarei Ihrer feudalen Zivilisarion, Ihren Inquisitoren und Ihrem" Scheiterhaufen vor. Tahar Menekbi, Mitglied des Komitees Einheit und Fortschritt" In amerikanischen Zeitungen finden wir folgenden Aufruf des Dr. Magnes an die New Yorker Juden: „Die letzten Ereignisse und besonders die Beschuldigungen des Polizeikommissars Bingham gegen die Juden haben. mit vollkommener Klarheit die vollständige Desorganisation der Juden von New York dargetan. Wir Juden sind ungefähr eine Million stark in dieser Stadt, und doch ist unsere Stellung eine so exponierte und eine so schwache, daß wir vollkommen machtlos sind gegen Angriffe und Kränkungen, von welcher Seite diese auch kommen niögen. Müssen denn gerade wir, die wir doch die größte aller jüdischen Gemeinden der ganzen Welt sind, immerwährend eine Beute unserer Feinde innerhalb und außerhalb unserer Reihen bilden? Augenblicklich spricht alles'zu unsern Gunsten, aber als Folge unserer Desorganisation wird nichts davon draußen gehört Wir gebrauchen dringend eine ständige und repräsentative Organisation der New Yorker Juden, eine Organisation, welche ihre Autorität vom Volke empfängt und welche dem Willen des Volkes Ausdruck geben soll. Von einer solchen Organisation hängt für die Zukunft hauptsächlich die Entwicklung ' des Judentums in unserer Stadt ab. Eine Konferenz der jüdischen Organisationen ist einberufen worden für Sonntag den 11. Oktober und Montag den 12. Oktober 1908, abends 8 Uhr, in Clintons Hall, 151 Clinton Street Diese Konferenz ist die Folge der Clinton Hall Conference, welche zu dem Zwecke einberufen war, die Beschuldigungen des Polizeikommissars Bingham zu besprechen. Alle jüdischen Organisationen sind eingeladen worden, Delegierte zu dieser Konferenz zu senden, und zwar unter folgenden Bedingungen: 1. Jüdische Föderationen und Verbände senden je 10 Delegierte, welche entweder von den Föderationen und Verbänden selbst gewählt oder vom Vorsitzenden bestimmt werden. 2. Vereinigungen der Rabbiner senden ebenfalls je lODelegierte, welche entweder von den Vereinigungen gewählt oder vom Präsidenten bestimmt werden.- 3. Organisationen, welche sich mit den jüdischen Bewegungen befassen, wie die zionistische Organisation, die Poale Zion und die Territorialisten, senden je 10 Delegierte,'welche entweder von den Organisationen selbst gewählt oder von deren Vorsitzenden bestimmt werden. 4. Jede Synagoge oder Schule, welche ihr eigenes Haus hat, sendet je einen Vertreter, gewählt vom Präsidenten der Synagogengemeinde. ' 5. Alle diejenigen Organisationen, welche den oben angeführten nicht zuzurechnen sind, wie z. B. die Gemiluth Chasodim, Chesed Shel Emeth, Adath B'nai Israel usw., senden je einen Vertreter, der' vom Präsidenten einer solchen Organisation bestimmt wird. Jeder Delegierte hat zwei ordnungsmäßig unterschriebene Beglaubigungsbriefe vorzuweisen, einer davon ist den Beamten des Kongresses vorzulegen, der andere dient zur Identifizierung des Inhabers. Das Ziel der Konferenz ist, aufzubauen und nicht niederzureißen. Die Selbständigkeit und die Tätigkeit keines Verbandes wird untergraben werden. Das Komitee ist der Hoffnung, daß alle Kommissionen" schnellmöglichst ihre Delegierten wählen werden und die Sekretäre des Komitees von ihren Entschließungen benachrichtigen werden."

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