Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 41 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316338--51136-3378755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
beginnt die Saison für die Vereine für judische Geschichte und Literatur. Auch das ist ein Arbeitsgebiet für Zionisten. Das nationaljüdische Wissen muß nicht nur gehoben und vertieft werden, auch in die Breite muß es wachsen, es darf nicht nur Erkenntnis der Forscher, der Wissenden, der Gelehrten, es muß zum Gemeingut der breiten Schichten der Volksmasse werden. Wir Zionisten sollen unsern Ehrgeiz daran setzen, die Pioniere und Bannerträger dieses Strebens zu sein. Wir sollen es als unsere Pflicht erachten, das große, zusammenfassende Band, das altbewährte historische Einigungsmittel: die hebräische Sprache, zu verbreiten, zu stärken und zu befruchten. Hebräische Sprachkurse, hebräische Lesehallen, Unterhaltungskränzchen, Verteilung hebräischer Bücher sollen die Mittel sein, dem nationalen Empfinden die notwendige Unterlage des Wissens zu verleihen. Die ergiebige Kraft jüdischer Kunst müssen wir sich bilden, wachsen und entfalten lassen. Die Palästinakunde muß ins Volk dringen. Man muß der Masse den Mut, die Bescheidenheit und die Geduld zum Lernen beibringen. Das sind die Ideen. Da gibt's keine reklammenhaft schreiende Clown-Kunststücke, da gibt's ewiges Arbeiten, über das man nicht hinwegtäuschen kann. Jedes entnationalisierte Volk mußte so und lange schwer arbeiten, bis es seine Volkskraft wiedergewonnen hat. Und so müssen auch wir arbeiten. Ist man blasiert und findet all das veraltet und abgebraucht, so ist man eben für die Arbeit nicht mehr fähig. Schön würde es um die wunderbare, Jahrtausende hindurch sich erhaltende Jugendfrische des Judentums bestellt sein, wenn ein hastiger Snobismus, in der Verärgertheit seines Spleens, jeden Tag neue Reizmittel fordern wollte! Was könnte das Judentum diesem Nimmersatt geben außer seinen alten Lehren, — die er als „Gemeinplätze", „Plattheiten" und „Selbstverständlichkeiten" bezeichnen würde? Ja, es hat sich vertieft und Theorien geschaffen, aber da ist auch nichts für die Sensation; alles ist schwierig und geduldig zu erlernen, von Geschlecht zu Geschlecht zu überliefern und zu bereichern. Die Kraft liegt aber nicht an den Theorien selbst, sondern hauptsächlich an den Menschen, die in sich den Jungbrunnen besitzen müssen, aus dem sie neue Anregung und Begeisterung für das Alte und Einfache schöpfen können. So ist auch das Edelprodukt des Judentums, der Zionismus, beschaffen. Kein Blendwerk steht ihm zur Verfügung, bis in die Unendlichkeit kann er seine Motive nicht variieren. Er besitzt eine alte Sprache und ein altes Schrifttum, aber deren Erlernung schafft Mühe; er soll auch modern zum Ausdruck kommen, aber das erheischt wiederum Mühe und Geduld und große Opfer. Wie zwei Deklinationsformen gibt es auch hier zwei Arbeitsmethoden: die starke und die schwache. Die vertiefte zionistische Belehrung, der Zionismus mit Weltanschauungsmomenten, mit historischem Rückblick, mit wissenschaftlicher Begründung, mit derlei Vorträgen, mit einer Literatur usw., und die seichte, schablonenhafte Propaganda, die mehr mit der Schreibmaschine als mit dem Denkvermögen und mehr mit Zirkularen, Etiketten und Schlagworten als mit Erziehung und Literatur operiert. Aber beide Methoden haben ihre Klippen: die erstere setzt eine unermüdliche Lernbegierde, einen Intellektualismus voraus; die letztere wird verflacht und abgenutzt. Vereine mit kräftigem intellektuellem Gehalt, sind selten;, die andern sind zahlreicher, aber sie gehen an einem Marasmus zugrunde und verwelken ebenso schnell, wie sie aufblühen. Die intensive national-zionistische Arbeit ist wegen der modernen Neigung zur Leichtlebigkeit und zum Materialismus schwer zu betreiben; die oberflächliche Propaganda droht, eine Vereinsmeierei zu werden. Es läßt sich leider nicht verkennen noch verhehlen, daß eine erfolgreiche Arbeit der größten Einsicht und der größten Anstrengungen bedarf. Es gilt, das Problem einer glücklichen Verbindung beider Methoden zu finden. Das ist Sache aller Zionisten und besonders der Landesorganisationen und Föderationen. Es ist nur eine Verlegenheitsantwort und eine Sündenbockabwälzung, wenn man meint, die Arbeit sei nur deshalb schwach, weil man nicht jeden Tag neue Ideen und Parolen von oben bekommt. Nichts ist verwirrender als diese Selbsttäuschung. Möge die Sachlage allen klar und deutlich wie ein offenes Buch erscheinen: Wir arbeiten zu wenig, — und plötzlich ist eine große Zeit gekommen! Genau konnte man sie nicht voraussehen, aber instinktiv hat doch die zionistische Gesamtheit vorausgeahnt, daß der Zionismus schicksalsschweren und ereignisreichen Aufgaben entgegengeht. In Erwartung einer solchen Periode hat der letzte Kongreß den Hebel an der richtigen Stelle angesetzt und die Gründung des Parteifonds einstimmig beschlossen. Um wie viel anders sähe es jetzt aus, wie viele Projekte könnten verwirklicht werden, um wie viel tatkräftiger könnten wir in das frühlingsfrohe Keimen neuer Zustände im Orient helfend und fördernd eingreifen, wenn die Sammlung des Parteifonds hinter den berechtigten Forderungen nicht so. weit zurückgeblieben wäre! Wie anders wäre es, wenn man nicht mit dem banalen, aber leider wahren: „non habeo pecuniam" die besten Projekte, an denen es wirklich nicht fehlt, zurückstellen müßte! Die Kritik der Vergangenheit möge nur als eine beherzigenswerte Warnung für die Gegenwart dienen! Wir treten jetzt in eine neue Arbeitsperiode ein. Beurteilen wir die Lage richtig und bemühen wir uns alle, die Lage zu verbessern! Möge es nicht an jener Übereinstimmung der Meinungen fehlen, die für ein ersprießliches Zusammenwirken auf die Dauer unerläßlich ist. Mögen die persönlichen Eifersüchteleien und die Gegensätze des Temperaments nicht durch unerquickliche Auseinandersetzungen das allgemeine Pflichtbewußtsein verdunkeln! Eine Stimmung ist im Gesamtjudentum für den Zionismus vorhanden, aber sie muß angeregt, gelenkt und ausgenützt werden. Ein ernstes Wollen ist in unseren eigenen Reihen erwacht; aber um dieses Wollen zu etwas Praktischem zu führen, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt werden, die heute noch fehlen. Unsere Idee ist so frisch und stark, daß sie die Verdrießlichkeiten überwinden muß. In diesem neugestärkten Bewußtsein unserer inneren Kraft dürfen wir neuen Mutes den Erfolgen der neubeginnenden Saison der Vereinsarbeit entgegenblicken. , N. S. Das Jubiläum Scholom Aleichems Der gefeierte volkstümliche jüdische' Schriftsteller, Herr Scholom Rabinowitsch, bekannt unter seinem „nom de plume" „Scholom Aleichem", beging in diesen Tagen sein 25 jähriges Schriftstellerjubiläum. Ein Vierteljahrhundert ist; verflossen, seitdem dieser hochbegabte l*