Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 41 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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lassen. Und nicht andern, uns selbst galten die Worte. Man muß während der Kleinarbeit, im täglichen Bemühen, das schwere Rüstzeug der Theorie in die Ecke stellen; denn nicht immer gelingt es, den festen Boden des Möglichen und Erreichbaren unter den Füßen zu behalten, weil hin und wieder die Wünsche über die Tatsachen hinausfliegen. Starres Festhalten an Dogmen und Theorien bei jeder Kleinigkeit ist Prinzipienreiterei. Aber noch gefährlicher ist die Prinzipienlosigkeit. Wir müssen uns vor den Schlingen und Fallstricken von beiden Seiten in acht nehmen. Ein vernünftiger Ausgleich ist hier vorhanden. Man kann und soll große Ziele aufstellen, die man fest im Auge behalten muß. Aber der Weg dahin muß Schritt für Schritt mit unaufhörlicher Sorgfalt abgesteckt, geebnet, befestigt werden. Und wie auch die Vorgänge sich gestalten mögen, hoch über allen Wandel der Verhältnisse bleibt die Devise der Idee, an der man mit zähem, unverdrossenem Mut festhalten soll. Das ist unser ideeller Standpunkt dem Zusammenschluß-Problem gegenüber. Aber wenn wir auch .nicht Ja und Amen zu jedem Projekt einer goldenen Brücke sagen, wenn wir auch so manche Danaer fürchten, auch wenn sie Geschenke bringen, und den Brückenbau für eine furchtbar schwierige und gefahrvolle Kunst halten, so ist das kein bösartiger Argwohn, sondern gesunde und weise Mäßigung. Es gibt Situationen, in denen eine reine ehrliche Scheidung der Geister besser ist als ein fauler Friede. Aber daß wir mit den andern Institutionen eine ganze Strecke Hand in Hand gehen können, bis sich die Wege scheiden, wo der eigentliche Prozeß eines nationalen Judentums einsetzt, — das ist eine Wahrheit, die kaum der Erwähnung bedarf. Es wird auch niemand bezweifeln, daß in der jüdischen Gesamtheit die Stimmung für Palästina im Wachsen begriffen ist. Die Parteien prallen nicht mehr in so stählernem Klange wie früher aufeinander. Man steht nicht mehr kalt, apathisch und abgeneigt dem Zentralgedanken der jüdischen Kolonisation Palästinas gegenüber, auch wenn man sich noch hier und da hinter eine angebliche Opposition gegen den „politischen Kongreßzionismus" verschanzt. Wir freuen uns über die begonnene Einsicht und appellieren an. die Begeisterungskraft unserer Anhänger, daß sie in diesen arbeitsreichen Tagen nicht versage. Zahlreiche Versammlungen müssen veranstaltet, die tüchtigsten Rednerkräfte müssen mobil gemacht, die Agitationstouren durch die jüdischen Zentren müssen eingeleitet, die Werbe- und Spendetätigkeit muß in rührigste Bewegung gesetzt werden! Weg mit der nervösen Überdrußstimmung, weg mit dem kläglichen Gefühl des Enttäuschtseins, weg mit dem öden Radikalismus, mit der nörgelnden Sonderbündelei und mit der politischen Scholastik! Sorgen wir nur dafür, daß wir eine Macht werden, dann wird man uns schön berücksichtigen. Arbeiten wir, — nicht nur mit dem rechnenden und abwägenden Verstände, sondern auch mit dem Herzen! Wir sind zu sehr geneigt, unsere Energie in inneren Reibungen und in kasuistischer Polemik zu verpuffen. Wir sind nicht ruhig genug. Wir bewegen uns immer in Extremen; wir sind entweder allzu unterwürfig oder allzu rücksichtslos. Kaltblütigkeit und Geduld gehen uns ganz ab. Darum gebrauchen wir in anmutiger Abwechslung bald Superlative des Enthusiasmus, bald Superlative der Entrüstung. Die ganze Skala der Töne, die zwischen dem höchsten Tenor und dem dumpfesten Baß liegt, ist uns fremd. Auf diese Weise kann man freilich Aufsehen erregen, aber ganz sicher keine Politik machen. Uno" " so sind wir zuletzt dahin gekommen, wo wir jetzt stehen. Bei einer nationalen Arbeit, die andere Völker "jahrhundertelang unentwegt, mit stets sich verjüngender Kraft betreiben, zeigen sich unter uns, nach der kurzen Zeitspanne von elf Jahren — bei dem einen Ermattung, bei dem andern — hypersensitive Abwechslungssucht, jene krankhafte „novarum rerum cupiditas", die eine Gemütsdepression kennzeichnet___Mögen die Nuancen, die sich in unserer Idee entwickelt haben, ungestört zur Geltung kommen; der Ausgleich der sich widerstrebenden Fraktionsfragen muß in der Partei erfolgen, die aus den verschiedensten Elementen besteht und deshalb darauf angewiesen ist, in solchen Dingen die Mittellinie der Verständigung zu suchen. Wenn sich alle Fraktionen an der positiven Tätigkeit der Gesamtpartei beteiligen, an der Propaganda mitarbeiten und die Organisationsaufgaben tatkräftig fördern werden, so wird das Vorhandensein mancher Differenzpunkte anstatt ein Moment der Störung eine Quelle des Wetteifers sein, die die Gesamtpartei nur reichhaltiger und vielseitiger machen wird. Dazu ist der Geist der Ruhe und der Versöhnung^ notwendig. Es ist keine gute und im Kampfe der Überzeugungen empfehlenswerte Gepflogenheit, dem Gegner ganz allgemein die bona fides abzusprechen. Gegenseitige Achtung und der Glaube an die Ehrlichkeit des andern müssen an die Stelle der Heftigkeit treten. Und so sehr wir das Leisetreten verabscheuen und die freie sachliche Kritik befürworten, müssen wir doch die Ruppigkeit und das Maulheldentum gegen eine Obrigkeit, die keine Obrigkeit ist, sondern die auf Grund unserer freien Wahl unsere zusammengefaßten Kräfte vertritt, entschieden verwerfen. Mit den „neuen Worten", die man jeden Tag. verlangt, soll man uns vom Halse bleiben. Auch mit den neuen Eintagsideen. Man muß schon in arger Verlegenheit sein, wenn man durch solche Mittel den psychologischen Reiz anspornen will. Soll man die schon ohnehin zu sehr entwickelte Neigung zu großen Worten fördern? Es wird auch schwerlich ein Einsichtiger als Entschuldigung gelten lassen wollen, daß unter Herzl der Einfluß der Persönlichkeit mächtig war, und daß wir diese Macht verloren haben. Also nicht die Idee, nicht die Macht des Volkstums, sondern der vergängliche Einfluß? Nein! Solche Auffassungen dürfen unter uns nicht aufkommen. Sie entbehren auch der tatsächlichen Begründung, denn die Nörgelei war immer da, und das waren ja kaum die ersten Jahre. Wir haben auch Herzl gerade auf unserer Seite, wenn wir meinen, Politik könne nicht von allen gemacht werden. Es handelt sich hier aber gar nicht um Politik, sondern um Anregung für die Parteiarbeit, die nicht in genügendem Maße erteilt werden soll. Ja, diese Anregung soll nicht nur still säuseln, sie klinge wie eine Fanfare durch die zionistischen Reihen: daß die vielen Vereine wieder ins Leben gerufen werden, daß die Veranstaltungen, die Vorträge, die Verteilung der Broschüren, die Agitation von Mann zu Mann mjt aller Kraft wieder einsetzen sollen! Jetzt