Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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tragenden und Freunden von der Synagoge nach dem jüdischen Friedhofe gebracht werden sollte, wurden der Leichenzug plötzlich von einer rohen Menge, welche Steine^-schleuderte, angegriffen. Dann auf einmal gingen sie mit dem Rufe „Nieder mit den Juden" dazu über, mit Stöcken und Keulen auf die Juden loszuschlagen. Die Juden umgaben den Sarg und verteidigten sich mit der bloßen Faust. In dem Streite wurde der Leichenwagen umgeworfen und der Sarg fiel heraus. Glücklicherweise kam die_Polizei noch zur rechten Zeit um den Mob auseinanderzutreiben. Ober 20 Juden wurden verwundet und 9 mußten zum Hospital gebracht werden. Die ganze Presse ist über den Vorfall erbittert. (Jewish Chronicle) Der jüdische Einjährige Aus Baden, 2. Okt. Ein interessanter Beleidigungsprozeß spielte sich dieser Tage vor dem Schöffengericht in Lahr ab. Angeklagt war der Rentier Josef Kaufmann aus Lahr wegen Beleidigung des Hauptmanns v. Denicke vom Infanterie-Regiment Nr. 169. Der Angeklagte hatte behauptet der Hauptmann habe einen Einjährigen Dreyfus seines israelitischen Glaubens wegen bei der Beförderung übergegangen. Die Anklage wurde auf Antrag des Regiments erhoben. Die Verteidigung des Angeklagten lag in den Händen des sozialdemokratischen Rechtsanwalts Dr. Frank- Mannheim. In der Beweisaufnahme gab, wie die „Mannheimer Volksstimme" mitteilt, der als Zeuge vernommene Oberst v. Randow auf Befragen des Verteidigers zu, das im Laufe des letzten Jahres eine kaiserliche Kabinettsorder durch den' Kriegsminister den Regimentern zur Kenntnis gebracht worden sei, in der bestimmt wird, daß bei militärischen Beförderungen keinerlei Unterschied zwischen den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen gemacht werden dürfte. Er — der Oberst — fasse diese Kabinettsorder so auf, daß sich diese Order nicht nur auf die Beförderung von Katholiken und Protestanten, sondern auch auf die Beförderung von Juden beziehe, und er fühle sich schwer beleidigt, wenn ihm jemand den Vorwurf mache, daß er einer Allerhöchsten Kabinettsorder zuwiderhandle. Tatsächlich wurde dann auch festgestellt, daß im Regiment Nr. 169 eine durchaus gleichmäßige Beförderung stattgefunden habe. Das Urteil des Gerichts lautete auf 50 Mark Geldstrafe. Der Staatsanwalt hatte Gefängnis beantragt Jubiläum der Gemeinde Augsburg Die israelitische Gemeinde unserer Stadt blickt in diesen Tagen auf' eine für sie überaus wichtige Begebenheit zurück, welche sich gerade vor 600 Jahren, in der ersten Hälfte des September 1308, zugetragen hat. Damals gelobte die Augsburger Judengemeinde, dem Rat und der Stadt für den ihr zu gewährenden Schutz 500 Pfund Pfennig (nach dem heutigen Gelde etwa 5000 Mark) zu entrichten. Die darüber ausgefertigte Urkunde wurde von den damaligen Vorstehern der Judengemeinde: Michel, Lamp, Jüdlin, Joseph von Muelstadt, Maier und Manz von Biberach, mit deren Insiegeln bestätigt. Schon früher hatten sich hier die Juden fast fortwährend eines besonderen Schutzes erfreut, darum haben sie als besondere Erkenntlichkeit (1298) einen Teil der Stadtbefestigung aus eigenen Mitteln (Judenwall, Judenmauer) erbaut Sie hatten sich aber trotzdem nicht gar lange dieses Schutzes zu erfreuen, denn am St. Cäcilientag des Jahres 1348 wurde alles, was nicht entkam, erschlagen oder verbrannt. Serbien Eines der wenigen Länder Europas,. das von den schmutzigen Wellen des Antisemitismus fast nicht berührt wurde, ist das Königreich Serbien. Die Ursache dieses Umstandes liegt in dem demokratischen Charakter des serbischen Volkes, das die Aristokratie und den Klerikalismus nicht kennt und ohne Zweifel auch in der geringen Anzahl der Juden (5—6000 oder 0,22",'o). Es sind das meist Sepharden, deren größter Teil in Belgrad lebt. Erwähnenswert ist die Tatsache, daß die Serben von einer Assimilation der Juden nichts hören wollen und jeden derartigen Versuch von jüdischer Seite karikieren. Schade nur, daß sie den Zionismus nicht mit dem richtigen Verständnis beurteilen . . . Daß die Juden Serbiens mit ihren Mitbürgern im besten Einvernehmen leben, kam bei der am 21. September erfolgten Einweihung der neuen Synagoge „Bet Israel" in Belgrad eklatant zum Ausdruck. Zu dieser schönen Feier erschienen die Vertreter fast aller Kreise der serbischen Gesellschaft^ u. a. fast sämtliche Minister und Sektionschefs, ferner die Vertreter des Staatsrates, der Generalität, des Metropoliten, der Kommune, der Kaufmannschaft, der Presse usw. Der Glanz dieser imposanten Feier wurde durch die Anwesenheit des Königs Peter I. noch erhöht, denn es ist in Europa ein seltener Fall, daß ein Herrscher an der Freude seiner jüdischen Untertanen persönlich teilnimmt. Unser hervorragender Gesinnungsgenosse, Vorsteher Dr. David Alkalay, hielt eine glänzende Festrede über die Wichtigkeit dieses Tages und erwähnte auch ' rühmlichst die Toleranz des serbischen Volkes und seines Herrschers. Während dieser Rede und des Gebetes für König und Vaterland brach die versammelte Gemeinde wiederholt in brausende Ziviorufe aus. Der König, der vom ältesten Chacham gesegnet wurde, entfernte sich sichtlich erfreut und zufrieden, und es wurden ihm vor der Synagoge von der jüdischen Bevölkerung große Ovationen dargebracht Jüdischer Jugendverein für den Nationalfonds in Konstantin opel In der jüdischen Kolonie macht sich allseits der Wunsch geltend, eine Stiftung zum Zwecke des Nationalfonds ins Leben zu rufen. Eine Gründung in diesem Sinne dürfte jedenfalls in den nächsten Tagen schön ins Leben treten. Die Alliance und die Türkei Paris, 29. September. (Mitteilung aus dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle):- Gestern hat eine aus den Herren N. Leven, Salomon Reinach, Eugene See und Jacques Bigart bestehende Abordnung sich zu Naoum Pascha, dem neuen türkischen Gesandten in Paris, begeben, um ihn im Namen der Alliance Israelite Universelle zu begrüßen. Naoum Pascha bereitete der Abordnung freundlichsten Empfang und dankte ihr herzlich für die Bewillkommnung. Er wisse die Dienste zu schätzen, die die Alliance Israelite Universelle der Türkei geleistet habe, indem sie dort Unterrichtsanstalten schuf und den Gedanken des Fortschritts verbreite. Der Alliance Israelite Universelle sei es zuzuschreiben, daß .die Israeliten der Türkei an der Erneuerung des Landes teilhaben können, die im ganzen ottomanischen Reich so große Begeisterung erweckt hat — Der Präsident der Alliance, Herr Leven, erinnerte in seiner Erwiderung daran, daß die Türkei die Israeliten während eines schmerzlichen Abschnitts ihrer Geschichte mit herzlicher Teilnahme aufgenommen und ihnen seitdem zahlreiche Zeugnisse ihres Gerechtigkeitssinnes gegeben habe. In allen Schulen der Alliance lernen die Kinder ihr Vaterland lieben und ihm treu dienen. Jetzt, da sie zur Betätigung im öffentlichen Leben aufgefordert sind, werden sie ihre Bürgerpflicht zu erfüllen wissen. Konferenz jüdischer Notabein Einem nachträglichen Berichte der N. J. K.. über die jüngst stattgehabte Notabelenkonferenz in Berlin (vgl. den Spezialbericht in unserer vorletzten Nummer) entnehmen wir noch folgendes: Der Konferenz war Sonnabend den 19. September ein Begrüßungsabend im Restaurant S. Breslauer vorangegangen, der bereits die Mehrzahl der Konferenzteilnehmer vereinigte. Die Vormittagssitzung der Konferenz am 20. September war der Frage des Zusammenschlusses der jüdischen Organisationen gewidmet. Nachdem Justizrat Dr. Maximilian Horwitz die Anwesenden begrüßt, hob er mit Wärme hervor, daß, wenn die gegenwärtige Konferenz zustandegekommen sei und die geplante Aktion auf Erfolg hoffen könne, dies in erster Linie der unermüdlichen organisatorischen Arbeit-ihres Initiators Dr. Alfred Nossig zu verdanken sei. Es wurde hierauf ein Bureau gewählt, bestehend aus den Herren Justizrat Dr. M. Horwitz als Vorsitzenden, K. K. Baurat Stiassny-Wien als zweitem Vorsitzenden; Hermann Landau-London, Prof. Dt. Mandelstamm-Kiew, Prof. Dr. Ludwig Stein-Bern, M. A. Spielmann-London. Nach dem Referat von Dr. Alfred Nossig über den „Zusammenschluß der Organisationen", dessen Hauptteile in einem folgenden Bericht veröffentlicht werden sollen, wurde auf Antrag von Dr. Paul Nathan zunächst darüber beraten, ob eine Gesamtorganisation zweckmäßig sei, hierauf über die Frage, welche Aufgaben der Gesamtorganisation zuzuweisen seien. Professor Dr. Stein-Bern: „Auf dem Boden des Vorschlages der JCA läßt sich ein Ausgleich der Meinungen noch nicht erzielen. Erforderlich ist ein permanenter Areopag der Judenheit, der mindestens zweimal jährlich zur Besprechung aller notwendigen Fragen, vor allem zur Abwehr drohender Gefahren, zusammentritt und in dem sämtliche Organisationen gemäß ihrer Stärke vertreten , sind." Professor Dr. Philippsohn-Berlin: „Die Tätigkeit der Gesamtorganisation soll sich nicht lediglich auf Abwehr erstrecken, sondern vor allem in positiver, schöpferischer Wirksamkeit gipfeln, der Hebung der wirtschaftlichen und kulturellen Lage unserer Glaubensgenossen im Osten gewidmet sein." Dr. Paul Nathan-Berlin: „Der Zusammenschluß der Organisationen darf nicht so gedacht sein, daß sie alle in der neuen Gesamt-