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Die Welt · 1908-10-09 · 40 (9.10.1908) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Auf eine kurze "Weile verstummt die Gasse. Alle sind bereits in ihren Wohnungen. Die Männer waschen sich und wechseln ihre .Kleider;, die Frauen sind am Ofen mit dem Zubereiten des Abendessens beschäftigt. Der abgequälte Vater ruht ein wenig und stillt mit einer Kleinigkeit seinen Hunger; dann wirft er einen Blick in die letzten Tagesblätter. Und wenn die Müdigkeit ihn noch nicht ganz übermanrit, so fängt er mit den Kindern an zu spielen. Die Kleinen sehnten sich den ganzen Tag nach dem lieben Pa; jetzt lassen sie ihn nicht los, umschwärmen, umhalsen ihn, klettern ihm auf die Knie, küssen und herzen und bitten um einen Cent . . . Der Vater fühlt sich glücklich, wenn er die Bitte seiner Kinder erfüllen kann. Bald kommt wieder Leben in die Gasse. Sauber, erfrischt, umgekleidet erscheinen die Menschen;_ junge Leute in weißen Hemden mit auf geschürzten Ärmeln, mit glatt gekämmtem Haar; junge Frauen in weißen gebügelten Jäckchen, schön frisiert, mit einem lieben süßen Lächeln, auf den Lippen. Gemächlich lassen sie sich nieder auf die weißen steinernen Stufen und plaudern miteinander.. ~ Die Älteren kümmern sich weniger um ihr Äußeres, wischen nur den Schweiß ab und gehen in die Gasse, in weißem ausgeschnittenem Hemd mit kurzen Armein; bequem legen sie sich nieder, auf das Straßenpflaster und atmen die „frische", „reine" Ghettoluft ein. Nach ihnen erscheinen die Mütter -mit den Kinderchen und den Kinderwagen, — und es wird ein Durcheinander von Jung und Alt, von Klein und Groß, und es lebt, es kocht die jüdische Gasse am Abend nach der Arbeit. Plötzlich bildet sich in der Mitte der Gasse ein Reigen. Alles drängt sich heran, neugierig, zu erfahren, was geschehen ist. Umringt von fröhlicher Menge stehen drei arme Juden, Straßenmusikanten, mit alten, verbogenen Instrumenten und geben ein „freies Gassenkonzert". Ein älterer, buckliger Jude mit dichtem, grauem, rundem Bärtchen spielt auf einer dunkelbraunen Klarinette, welche verrückte und zischende Töne von sich gibt; der Zweite, noch älter als der Erste, mit kleinen, roten, beweglichen Äuglein, spielt ein anderes Instrument, eine Art Zimbel, mit stillen, süßklingenden Tönen, die aber mit der Klarinette keinen Takt hält. Der Dritte-, ein noch junger Mann, der „Dirigent", scheinbar " einer von den Musikern, mit einem blassen, leidenden Gesicht, führt die Geige; er neigt den Kopf ein wenig nach der Seite und bewegt die Hand mit dem Bogen hastig auf und ab. Man merkt es dem Menschen an, daß das Geigenstück ein trauriges ist; Deutschland . .. München. Die Neuwahl der Vorstandschaft der hiesigen zionistischen Ortsgruppe ergab folgendes Resultat: die Herren' Rechtsanwalt Dr. Strauß, I. Vorsitzender; Jacob Frankel, II. Vorsitzender; Jos. Schachno, ,Kassierer; Jac. Reich, I. Schriftführer; Victor Peissaköwitsch, II. Schriftführer; S. Hausdorf, "■ Kassenrevisor und Frau Kunstmaler Hermann, Beisitzer;, eine Kooptation weiterer Mitglieder wurde der Vorstandschaft anheimgegeben. Die neue Vorstandschaft wird alsbald nach den Feiertagen mit ihrem Winterprogramm an die Öffentlichkeit treten und wir werden dann auf dasselbe zurückkommen. auch sein Gebahren weist darauf hin, denn alle seine Gefühle legt er in die Geige hinein, — und die Geige redet in süßen, weichen, herzbrechenden Gebettönen. Es scheint, daß der Geiger klagt und weint; — ein starkes, heftiges Bewegen des Bogens, — und die Geige läßt mächtige, trotzende Stimmen ertönen: ein Auflehnen gegen sein Los, das Los eines Straßenmusikanten, der, wie alle seine Brüder, in einer bitterh Zeit und unendlichem Elend lebt; er beweint sein eigenes Unglück, und gleichzeitig gibt er Ausdruck dem Unglück der ganzen "jüdischen Gasse, aller seiner unglückseligen armen Brüder Aber die Menge rings um ihn, der eigenen Sorgen und Leiden überdrüssig, ist scheinbar unzufrieden, — denn hier und da lassen sich Stimmen hören: „Etwas Fröhliches, Lustiges, — spielt doch etwas Lustiges!" — Und der Geiger hält inne, schaut mit seinen dunklen, kurzsichtigen Augen auf die große Menschenmenge, welche ihn umringt, und in seinem" blassen Gesicht leuchtet Freude. Herrscher fühlt er sich über die Masse, er -sieht Hunderte Augen auf sich gerichtet, und es dünkt ihm, als hätte er sie alle jetzt in seiner Hand; ein Wohlgefühl ergreift ihn, —. und bald tönt durch die Gasse eine fröhliche, süße, echtjüdische iVlelodie, .... es wird lustig und lebhaft. Die Väter und Mütter heben die Kinder aus ihren Wiegen, schaukeln sie in der Luft, und auch sie selbst ergreift die Lust zum Tanze.n. Auf einmal verschwindet der ältere Jude mit der Klarinette und überläßt es dem Geiger und dem Zimbelschläger, das fröhliche Stück zu Ende zu spielen, . . . er selbst mischt sich unter die Leute, mit dem fettfleckigen Hut in der Hand; die Leute verstehen ihn, sie sind zufrieden und geben .... Es fallen einzelne kupferne Cents von allen Seiten, und bei ihrem Klang wird der Geiger dort noch fröhlicher, rühriger, und erfüllt die Luft mit süßweichen, lustigen Tönen. — Plötzlich tritt aber eine Störung ein. Von weitem hört man das Heranrollen eines Wagens und das beängstigende Läuten einer Glocke. Es ensteht Tumult: „Feuer!" — Unzählige Köpfe erheben sich in die Höhe, schauen zum dunklen Himmel empor, wo helle Sternlein schimmern, — und möchten erfahren, wo es brennt. Gassenbuben laufen nach der Richtung des jagenden Wagens hin, der wie ein Wind vorbeisaust und sich in der dunklen Nacht verliert. Erschrockene Mütter ergreifen die Kindlein an den Händchen und ziehen sie mit Gewalt ins Haus; nur die armen Straßenmusikanten bleiben einen Augenblick lang auf demselben Fleck stehen, und sie wissen nicht, was sie tun sollen..... Duisburg. „In der Generalversammlung der hiesigen Ortsgruppe wurde beschlossen, die „Jüdische Rundschau" für sämtliche Mitglieder obligatorisch zu machen. Ferner wurde der noch ausstehende Teil des,Rechenschaftsberichts erstattet und das Programm für den bevorstehenden Winter besprochen." Hamburg: Am 24. September sprach die auf einer Urlaubsreise begriffene, am Schaare-Zedek-Hospital zu Jerusalem wirkende Schwester Jenny Stiebel über ihre 2jährigen Erfahrungen in Palästina. Die Rednerin .ging von einer Schilderung der modernen Einrichtungen des genannten Krankenhauses aus und erbat das Interesse der Anwesenden für die Ausgestaltung dieses trefflichen Instituts. Sie gab ein anschauliches Bild sowohl -von AUS DER BEWEGUNG

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