Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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w-wr-r*»--^ ^:'?r*"^>^2*?^:ifv^^5^^S• ■■ DIE3qKELT Inzwischen hat dieser famose Beamte sich Oberzeugen müssen, daß seine Beschuldigungen unhaltbar sind, und öffentlich erklärt, daß er seine falschen Behauptungen bedaure und sie zurücknehme. Er sei durch seine Gewährsmänner irregeleitet worden (!) Die Angelegenheit dürfte mit dieser lahmen Erklärung noch nicht erledigt sein. Nachdem die Hetzereien Binghams auch nach Europa gedrungen und von den deutschen Antisemiten begierig aufgenommen worden sind, die natürlich nur die lügenhafte Beschuldigung Binghams, nicht aber seinen Widerruf gebracht haben, dürfte es interessant sein, zu erfahren, wie maßgebende deutsche Kreise ' Amerikas über diesen neuesten Fall amerikanischen Antisemitismus denken. Wir lesen z. B. in dem „New Yorker Echo", einer der angesehensten deutschen Wochenschriften New Yorks unter der an der Spitze dieses Artikels stehenden bezeichnenden Überschrift: „Schon einmal in neuerer Zeit haben wir Gelegenheit gehabt, uns mit Polizeikommissar Bingham zu beschäftigen. Damals legte er die Zunahme der Verbrechen in New York dem eingewanderten Element zur Last Statistisches darüber brachte er nicht bei. Ebensowenig ist es möglich, von ihm irgendwelche Beweise für seine im „North American Review" aufgestellte Behauptung, die Juden stellten 50 Prozent aller Verbrecher in New York, zu erlangen. Tatsächlich kann er greifbare Anhaltspunkte für seine Behauptung nicht geben. Niemand wird das können, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil es solche nicht gibt. Herr Bingham wird noch Verschiedenes zu hören bekommen, bevor die Akten über seinen Artikel geschlossen sind. Unsere israelitischen Mitbürger sind eifrig dabei, Statistiken zusammenzubringen, welche dem Polizeikommissar einige herzlich inkomfortable Augenblicke gewähren werden. Herr N. Behar, der Generaldirektor der „National Liberal Immigration League", befaßt sich ganz besonders mit dieser Sache. Die Liga ist natürlich sehr stark daran interessiert, Herrn Bingham zu widerlegen, denn» sie sucht nach Möglichkeit wünschenswerte Einwanderung heranzuziehen, ganz gleich aus welcher Nationalität diese stammt. Herrn Behars Erfahrung zufolge bleibt, sich die Kriminalistikbei den verschiedenenEinwanderernationalitäten gleich, eine Ansicht, welche durch die Statistik durchaus bestätigt wird. Auch ein bekannter Publizist, Herr Rossitter, der über diese Frage schreibt, erklärt in seinem, gleichfalls im „North American Review" erschienenen Artikel, daß die staatlichen Wohltätigkeits¬ und Strafanstalten eine bemerkenswert geringe Zahl von Israeliten aufweisen. Tatsächlich sind nach einer Prüfung der amtlichen Dokumente In den letzten vier Jahren von 10,347 im County New York eines Verbrechens überführten Personen nur 3690 im _Auslande geboren, also wenig mehr als ein Drittel. Von den Überführten waren nui 7Prozent Juden, — statt der 50 Prozent, die Kommissar Bingham ihnen andichten wollte! Wie gesagt, wird jetzt eine umfassendere und genauere Statistik ausgearbeitet, und wir hoffen dann noch von Herrn Bingham zuMiören. Inzwischen haben einige der hervorragendsten Bürger, nicht nur Israeliten, sondern auch andere, ihr Erstaunen und Bedauern über diese vollständig unbegründeten Angriffe ausgedrückt Villeicht hat Herr Bingham keine Zeit gehabt, sich zunächst gehörig zu informieren, denn es passieren so viele Einbrüche und sonstige Verbrechen in der Stadt, daß man meinen sollte, die Polizei sei bis über den Ohren in der Arbeit Ein Blatt brachte - No. 40 . sogar kürzlich unter der Überschrift „Tausende von Wohnstätten innerhalb einiger Monate ausgeraubt" ein Verzeichnis von Einbrüchen, die der Polizei zwar angezeigt, aber von dieser nicht veröffentlicht worden waren. Herr Bingham sollte aber nicht schreiben, wenn er seiner Sache nicht sicher ist" Grausamkeiten unter den Fremden-Bill "Jewish „So reich die zwei Jahre, seitdem in England das- Gesets gegen die ausländischen Einwanderer in Kraft ist auch an peinlichen Vorfällen gewesen sind, grausamere Fälle, als die-' jenigen, welche jetzt gerade wieder in HuII vorgekommen sind,- sind jedenfalls kaum zu verzeichnengewesen. In einem Zeitraum von einem Augenblick wurden ein alter Mann, seine Frau- und ein I6jähriger Sohn zurückgewiesen. Der Schwiegersohn, der ein ziemliches Geschäft hatte, war bereit Garantien zu bieten derart daß die alten Leute keinesfalls irgend jemand zur Last fallen sollten, aber die unglücklichen Leute mußten über das Meer wieder zurück. In einem anderen Falle wurde einer jungen Jüdin, welche vor 18 Monaten geheiratet hatte, die Erlaubnis verweigert, zu landen und mit ihrem- Gatten zusammenzuleben, angeblich weil sie an Schwindsucht leiden sollte. Es ist klar, daß sich zwischen dem Paar die rührendsten Szenen über die gewaltsam herbeigeführte Trennung abspielten. Der Atzt selbst sagte dem Beamten, daß das arme Weib wahrscheinlich geheilt werden könne, wenn es sich in Behandlung begäbe und der Mann bot sich an, die Frau auf seine Kosten so länge unter amtlicher ärztlicher Behandlung in Hull zu lassen, bis sie geheilt sei. Er benachrichte ferner die Untersuchungskommission, daß-es für ihn unmöglich sei, nach Rußland zurückzukehren, da. er sich seiner Militärpflicht entzogen habe. Die arme Frau wurde nichtsdestoweniger ohne Gnade und Barmherzigkeit zurücktransportiert Es scheint daß die „Hull Old Hebrew Congregation" mit löblichem Eifer wegen dieser Angelegenheit mit dem Ministerium korrespondierte. Aber Mr. Gladstone sandte den Brief lediglich an das Aüswanderungsbureau weiter und antwortete in verbindlicher Form, daß er wünsche, daß das Auswanderungsamt sich dieses Falls erinnere und ihn prüfe, und daß er im übrigen nicht das Recht habe, eine Gerichtsbarkeit in dieser Sache auszuüben. So sind also die Beamten des Aüswanderungsamts mit ihrer podantischen und vigorosen Handhabung ihrer Machtbefugnisse noch geschützt durch die Autorität eines Gerichtshofes, .gegen den es keine Berufung mehr .gibt Während der Debatten, über die Fremdenbill im Parlament wurde die Versicherung gegeben, daß jede Art von Kontrolle über die Tätigkeit der Beamten des Auswanderungsamts vonseiten des Ministerium des Innern, oder von anderer Seite der Regierung ausgeübt werden sollte. Aber Mr. Gladstone hat nicht ein Wort des Tadels für ein Vorgehen, welches die Beamten zu Herrschern über das Leben unschuldiger Frauen und Männer machen. England hat in modernen Zeiten selten ein so grausames Gesetz so grausam gehandhabt gesehen und es ist erstaunlich, daß ein Volk, welches so viele Gesellschaften zur Verhinderung der Greuel selbst an Tieren gegründet hat so ruhig mit verschränkten Armen zusehen kann, wie an Fremden so scheußliche und verachtungswürdige Martern ausgeführt werden, wie sie jetzt in Hull vorgekommen sind." O ((□□□□□□ FEUILLETON □□□□□□)) 6 NACH DER ARBEIT*) (Ein Ghettobild) von JH. Melamed Aus dem Jüdischen übertragen von H. H. Müde, abgespannt und schweißbedeckt, die Gesichter bleich, verlassen die Arbeiter; zu Hunderten die Fabrikräume und Werkstätten. Die Kirchenuhr schlägt die sechste Stunde, und einige Minuten tönt das ununterbrochene, kreischende, beängstigende Pfeifen der nahen und fernen Fabriken. *) Vorwärts, New York, Nr. 3771. Es wächst der Strom der Müden und Befreiten, die das schmale Pflaster der Gassen ausfüllen; unterwegs verschwinden sie in den kleinen Häusern, in den engen, schmalen Gäßchen, die in der Halbdunkelheit der herannahenden Nacht einem weit aufgesperrten Santansrachen gleichen, der den abgespannten, nach langem Tage schwerer Arbeit müden Menschen entgegengähnt.