Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- ^^gjggß^^ 'SC : No. 40 stützen sie die Wahlkommissionen. Auf solche Weise werden die Juden bei den Wahlen entweder leer ausgehen oder auf die Gnade ihrer Freunde angewiesen sein,-die schließlich sich auch nicht beteiligen wollen, und das nationale Ehrgefühl der anderen Nationalitäten geht, ziemlich weit Der Chacham-Baschi soll auch die Nation nach außen hin vertreten. Welche Eigenschaften sind hierzu erforderlich.? Bildung, meint Herr Fresco. Und Naoum ist gewiß ein gebildeter Mann; er kann Französisch, hat er doch die AUiance-Schule besucht und war in Paris, ej kann Türkisch und anderes, was im Orient zur Bildung gehört Naoum hat nach den Saloniker Zu- . sammenstößen zwischen Juden und Griechen das Prestige der Juden wirklich gehoben. Er ist zum griechischen Patriarchen ge- . gangen und hat ihm die freundliche Gesinnung der Juden den Griechen gegenüber beteuert und bat ihn, er möge doch den Griechen das gleiche empfehlen. Daß die Worte des Kaimakams Efendi kein leerer Wahn waren, haben ja auch die Juden durch den herzlichen Empfang der griechischen Ausflügler bewiesen. Wie kommt es, daß bei all den Vorzügen Naoums die Saloniker noch Rabbi Meir als Kandidaten aufgestellt sehen wollen? Soll er denn religiöser, geistig tiefer sehend^ mehr Autorität nach innen und außen sein? Nicht uns ist die Entscheidung vorbehalten, aber wenn der „Telegrafo" Recht hat, daß nicht nur jetzt Herr Naoum keine Zeit für die Nation habe, daß er auch später als das höchste Gutdie höchste Stelle betrachten wird, dann ist es "traurig um die Nation bestellt. Wir können es nicht glauben. Die Eröffnung der Bank Am 1. Oktober wurde die Anglo Levantine Banking Co. Ltd. eröffnet In allen Zeitungen war die Eröffnung der Tochtergesellschaft des Jewish Colonial Trust angekündigt, und Vertreter verschiedener Banken kamen, das Direktorium zu gratulieren. Herr Hirsch, der einige Zeit zur Einrichtung der Bank hier weilte, ist Sonnabend nach Jaffa abgereist wo er in die Tätigkeit der Anglo- Palestine Co. Einblick nehmen wird. Auch der hiesige zionistische Cercle hat durch die Ankunft des Dr. Israel Auerbach als Lehrer an den Hilfsvereinsschulen j&ELT 7 einen Zuwachs erfahren. Der Turnverein wird sich nicht minderfreuen, den Vorsitzenden des Bar-Kochba in seiner Mitte begrüßen zu können. Die Parlamentswahlen Der Jewish Chronicle berichtet: Die Gemeindewahlen sind jetzt meistens zu Ende — sechs Juden sind in Konstantinopel zu Mitgliedern des Gemeinderats gewählt worden, und man ist damit beschäftigt die Vorbereitungen für die Parlamentswahlen zu treffen, welche auf den 13. November angesetzt sind. Es ist begründete Aussicht vorhanden, daß die Juden im Parlamente durch Abgeordnete ihres eigenen Vertrauens vertreten sein werden, denn das Komitee für Einigkeit und Fortschritt wünscht sehr die Vertretung aller Religionen und es wird die Kandidaturen der Juden gerne tatkräftig unterstützen, weil viele Juden in der Freiheitsbewegung mitgearbeitet haben. Mitglieder des Komitees in Konstantinopel haben schon den Häuptern der jüdischen Gemeinden vertraulich erklärt, daß sie für die jüdischen Kandidaten stimmen werden. Man erwartet, daß Juden gewählt werden in Konstantinopel, Saloniki, Smyrna und Bagdad, wo große Judenzentren sind. Folgende Juden werden heute schon als Kandidaten genannt: in Konstantinopel: Vitalis Effendi Faraggi, Verwalter der Kaiserlichen- Tabakregie und Robert Effendi Misrahi, Direktor der politischen Angelegenheiten des Vilajets von Adrianopel. In Saloniki: M. Emanuel Carasso, ein Jurist und Vitalis EffendiStromnia; in Smyrna: Isaac Effendi Taranto, vortragender Rat im Ministerium des Äußeren und David Rausso; in Magnesia: Nissim Effendi Massliah, ein Mitglied des obersten Gerichts von Saloniki und eines der am meisten geachteten Mitglieder des Zentralkomitees für Einigkeit und Fortschritt Wenn seine Wahl in Magnesia nicht sicher ist, will er in Smyrna kandidieren, wo seine Wahl zweifellos erfolgt. w Die Namen der jüdischen Kandidaten für Bagdad sind mir noch nicht bekannt, aber es ist anzunehmen, daß die Juden in dieser Stadt ihren früheren Abgeordneten .Daniel Effendi Salah wieder wählen werden. Eine neue Gesellschaft pe die Resultate derlüngsten Notabelnkonferenz" m Berlin in Amerika bekannt sein leonnten, schrieb der „Jewish Comment" im Anschluß an eine Kritik der „Jewish World" zu dieser Frage unter nebenstehendem Titel: „Es ist interessant und fast belustigend, zu beobachten, wie in den internationalen jüdischen Gesellschaften eine gewisse Spannung Platz gegriffen hat so daß man diese Gesellschaften heute schon in zwei sich gerade nicht freundlich gegenüberstehende Gruppen einteilen kann. Zu der einen Gruppe gehören die Ica, die Alliance und die Ito, die andere Gruppe bilden der Hilfsverein und die Zionisten. Diese Einteilung mag zu Betrachtungen Anlaß geben, die sich aus dem Umstand ergeben, daß ein großes internationales Komitee gebildet werden soll, welches dazu berufen sein würde, die Juden der ganzen Welt zu vertreten. Die „Jewish World" in London, welche die erstere der beiden Gruppen repräsentiert hat auf die Gefahren einer zu engen und zu innigen Organisation hingewiesen und ist mit viel Aplomb eingetreten für das, was man den „kleinjüdischen" Standpunkt nennen könnte. Natürlich sah das Blatt nur die Weisheit der Ito, und, um Zangwills Worte zu gebrauchen, die „Chutzpah".unddie„Meschuggas" auf Wolffsohns Seite. Inzwischen haben aber die verachteten Juden des Continents sich mit Macht und Liebe einer andern Bewegung angeschlossen, undsie hatten die „Chutzpah", die Jewish World vorher nicht zu fragen. Es wurde nämlich nach Berlin eine Versammlung einberufen mit der Absicht eine neue Kolonisationsgesellschaft zu gründen, und die Zionisten sind eingeladen worden, dort zu erscheinen. Sie beabsichtigten auch, dort hinzugehen. Als Kolonisationsländer ■ wurden genannt: Nordostägypten und das weite Mesopotamien, und es sollte mehr industrielle als landwirtschaftliche Kolonisation dort betrieben werden. Nun hatte die „World" -natürlich gleich Visionen von fürchterlich notleidenden und elenden Zigarrenmachern usw. usw., und sie kann nicht einsehen, warum eine neue Gesellschaft von nöten sein sollte, wenn die Ito bereit ist alles zu tun. Vielleicht wollen die deutschen Juden nicht länger mehr aus London Befehle empfangen, vielleicht haben sie auch übergenug von der zänkischen und herausfordernden Taktik des Präsidenten der Ito. Jedenfalls würde es in dem gegenwärtigen Moment, wo Vorschläge zur Einigkeit gemacht werden, gut sein zu untersuchen, woher es kommt, daß eine Fraktion nach der andern sich bildet. Die über alles erhabene Haltung des Organs der Ito wird jedenfalls in diesem Augenblick nicht die Schwierigkeiten, die sich bieten, aus dem Weg räumen. Das Vorgehen des Blattes mag ja gut genug sein, um dem Osten von London zu imponieren, in internationalen Dingen genügt es jedenfalls nicht. Wir stimmen ganz mit der „World" überein, daß eine Kolonisationsgesellschaft mit einem bestimmten und gemeinsamen Ziel genügt aber wenn es sich einmal darum handelt die verschiedenen Gesellschaften zu vereinigen und dieselben unter eine einheitliche Leitung zu bringen, so ist diese Angelegenheit so wichtig, daß hierzu wahrhaft ernstliche Anstrengungen gemacht werden müssen, die aber nicht daraus hinauslaufen dürfen, diejenigen zu verdächtigen, die eine andere Ansicht vertreten, als die „World" sie proklamiert hat Die nächste Woche in Berlin stattfindende Versammlung mag ein wichtiges Ereignis in der Jüdischen Geschichte werden. Die Veranstaltung ist so in aller Stille vorbereitet worden, daß von dem Zweck und dem Ziel der Veranstaltung kaum etwas bekannt ist und was sonst darüber gesprochen wurde, hat ebenfalls nicht zur Klärung beigetragen. Doch mag sie auch nur von nebensächlicher Bedeutung sein, es ist, wie wir anfangs gesagt haben, interessant, die Erregung und den Lärm, um nicht zu sagen den Übermut zu konstatieren, mit denen die neue Idee begrüßt worden ist. 'Uns scheint dieselbe nicht so strittig, als daß die Verhandlungen darüber nicht mit Ruhe und Überlegung gepflögen werden könnten." Binghams loses Mundstück Es erregte nicht geringes Aufsehen, 8 als vor einiger ZeitPohzeikommissar Bingham in der angesehenen „North American Review" einen scharfen Angriff auf die in Amerika eingewanderten Juden richtete, die er beschuldigte, über 50% zu den Verbrechern New Yorks zu stellen. Von allen Seiten regnete es Widerlegungen gegen diese unmotivierten Beschuldigungen, die ein bezeichnendes Licht auf den in amtlichen Kreisen Amerikas herrschenden Antisemitismus werfen.