Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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flüssig erscheinen. In der Tat konnten die Juden keine besseren Förderer und Verfechter der gemeinsamen bürgerlichen Rechte finden als das „Komitee für Einheit und Fortschritt", an" dem sie sich mit der Begeisterung der morgenländischen Juden beteiligten. Aber die einfache Erfahrung zeigte, daß das Zusammengehen mit dem Komitee durch das Aufgehen in demselben beeinträchtigt werden mußte. Während die türkischen Mitglieder durch rege Fühlungnahme mit dem Volke die Massen hirfler sich haben und infolgedessen als wirkliche Repräsentanz eines großen Teiles derselben angesehen werden können, bildete sichdie Vertretung der Juden nicht infolge, einer Kristallisierung aus der Judenheit heraus, sondern durch zufällig aus dem Strome des Freiheitsjubels aufgetauchte Personen. Die brüderlich gesinnten Türken waren zufrieden, in ihrer Mitte auch Israeliten zu sehen, ohne sich aber Rechenschaft abzugeben, daß dieselben ohne jedes Mandat ausgerüstet seien. Unter den Juden selbst brach sich aber die Meinung Bahn, daß jüdische Führer auch verantwortlich sein sollen für diejenigen Schritte, die sie im Namen der Juden unternehmen, daß sie auch mit einer Autorität ausgestattet sein müssen, die ihren Erklärungen und Aktionen den entsprechenden Nachdruck verleiht. Nur in dieser Weise konnte einem Untertauchen und Obersehenwerden der Juden vorgebeugt werden, deren Prestige demjenigen anderer in fast geringerer Anzahl im ottomanischen Reiche lebender Völkerschaften nachsteht. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde die „Nationale Liga der Juden der Türkei „Achwah" gegründet Während der verschiedenen Konferenzen, die die Gründer dieser Liga abhielten, gelangten sie zum Resultat, daß sie nicht allein einen Zusammenschluß der Juden anstreben, sondern daß sie vor allen Dingen auf ein Zusammenhalten der „Nation" bedacht sein müßten. Das Programm des jungtürkischen Komitees, die Verteidigung und der Ausbau der errungenen Freiheiten mußte natürr licherweise zu den Zielen der neuen Organisation gehören, aber auch das Bewußtsein, daß eine wirksame Mitarbeiterschaft an den Staatsinteressen nur durch kulturelle und soziale Hebung der Juden zu erreichen sei, erweiterte das Programm der Liga zur Losung einer von idealen, volkserzieherischen Aufgaben getragenen Körperschaft. Mithin war die neue Organisation von selbst berufen, zugleich auch die Vertreterin der spezifisch jüdischen Interessen zu werden. Sie wird in der ganzen Türkei ihre Zweige haben, in ihr werden alle Elemente Platz finden, die gesundes, vorwärtsstrebendes Judentum in sich bergen. Trotzdem die vorbereitenden Arbeiten schon seit mehreren Wochen in vollem Gange waren, haben wir gezögert, von der Gründung der Liga der Öffentlichkeit Mitteilung zu machen; heute aber, wo die Gründungsfeier den besten Eindruck auf die jüdische Bevölkerung gemacht hat, wollen wir auch das Programm in extenso bringen. Ziel: Das Ziel der nationalen Liga der Juden der Türkei „Achwah" besteht in der intellektuellen und moralischen Vervollkommnung, der ökonomischen und sozialen Hebung der jüdischen Nation des Reiches, damit sie in nutzbringender Weise am öffentlichen Leben teilnehmen kann. Zu ihrer Hauptaufgabe gehört die Aufrechterhaltung der Freiheiten, die durch die Wiederherstellung der Konstitution von 1876 dem Volke am 24. Juli aufoktroyiert wurden, und der Ausbau derselben auf dem Wege der Gesetzgebung. Die Liga empfiehlt ausdrücklich allen ihren Mitgliedern, mit den Mitbürgern anderer Rassen und Religionen zu fraternisieren. Mittel: Um zu ihrem Ziele zu gelangen, nimmt die Liga folgende Mittel in Aussicht: A) Zur intellektuellen und moralischen Vervollkommnung: 1. Gründung von Lesehallen, Bibliotheken und Volksuniversitäten, 2. Verbreitung der türkischen und hebräischen Sprache, 3. Vorträge und Veröffentlichungen, die geeignet sind, die politische Erziehung der jüdischen Nation zu fördern und die allgemeine öffentliche Meinung über die Lage der Juden aufzuklären, 4. Organisation von literarischen und musikalischen Abenden zum Zwecke der Verbreitung der jüdischen Kunst und Literatur, 5. Propaganda der Leibesübungen, 6. Einflußnahme auf die nationalen Schulen, wie überhaupt auf die Gemeindeangelegenheiten. B) Zur ökonomischen und sozialen Hebung: 1. Gründung von Volksleihkassen, 2. Schaffung von Konsumvereinen. C) Um ihre Hauptaufgabe, die Aufrechterhaltung der konstitutionellen Freiheiten zu erreichen, wird die Liga in regelmäßigem Kontakt mit allen von anderen Gruppen von Mitbürgern gegründeten Organisationen, die dieselben Aspirationen haben, bleiben. Der erste öffentliche Akt der neuen Liga war die Beteiligung am Begräbnis des Kriegsministers Redjeb Paschas durch Spende eines aus weißen und roten Blumen bestehenden Halbmonds mit Widmung der jüdischen Liga. Es war dies, der einzige Kranz, der von zwei Offizieren an der Spitze des hunäerttausendköpfigen Zuges getragen wurde. Die Juden, die seit der Freiheit der Presse eifrig danach schauen, ob sie gedruckt stehen, waren ob dieses Aktes sehr erfreut Es war gerade nach der unliebsamen Affäre beim Empfang Riza Tewfiks in der Synagoge'von Galata,. und die Ehre der „Nation" war durch die Liga wieder hergestellt Nach diesem ersten Lebenszeichen arbeitete die Liga still weiter. Es mußte ein eigenes Heim für Lesesaal und Bibliothek geschaffen werden, und nach vielen Mühen gelang es, im Lokale des Handwerkervereins Unterkunft zu finden. Am Donnerstag fand die Eröffnungsfeier der LesehalleJn der Intimität der Mitglieder statt. Nach Anhören deskonstitutionellen Marsches in der künstlerischen Ausführung des Musiklehrers Goldenberg, begleitet von einer Dame aus der Reihe der Mitglieder, deren Natne uns leider nicht bekannt ist begrüßte der Vizepräsident Dr. Gallaus in Abwesenheit des Präsidenten, des Advokaten Russo, die Erschienenen. In einer türkischen Rede forderte Herr Moise Fresco zur Teilnahme an den bevorstehenden Wahlen auf. Herr Abraham ermahnt im Spaniolischen die Juden, sich ihrer selbst zu erinnern, und Herr Freimann plädiert in einer hebräischen Ansprache für Generalisierung des Hebräischen zur allgemeinen jüdischen Umgangssprache. Die Anwesenheit des Herrn Schabotinski benutzte die Liga, ihn zu einer Ansprache einzuladen, und in einem .schönen Italienisch sprach er von der Freude der ottomanischen und von der Trauer der russischen Juden, drückte aber die Hoffnung aus, daß vereint mit den ottomanischen Juden es eines Tages nur eine freudige „Nation" geben würde. Am 11. Oktober wird ein großes Meeting abgehalten werden, und falls Herr Schabotinski bis dahin nicht abgereist sein wird, wird er an dieser Versammlung ebenfalls teilnehmen. Eine zweite jüdische Gesellschaft soll in Bildung begriffen sein. Ihre Ziele liegen noch im Dunkeln; nach Aussprache eines Mitgliedes aber sollen sich dieselben im Verlaufe der öfteren geselligen Zusammenkünfte ergeben: vielleicht Politik, vielleicht Wohltätigkeit, vorläufig aber nach Muster der allgemeinen Vereine politisches Amüsement Die Pflege jüdischer Geselligkeit kann nur löblich sein, ein „liberaler jüdischer Klub"-müßte aber wissen, was er will. Der Kampf um das Chacham-Baschi-Amt Im jüdischen Lager ruht alles, die Gabella, die Reorganisation der Nation, die Stadtrats-, die Parlamentswahlen, alles ist vergessen, nur ein Ideal erhitzt die Geister, das Chacham-Baschi-Amt Herr Fresco schreibt im „El Tiempo" spaltenlange Artikel, die Haim Naoum als den einzigen Mann schildern, der geeignet ist den Großra bbinatssessel auszufüllen. Sogar in der die Juden weniger beachtenden französischen Presse der Hauptstadt werden Wertschätzungen" des Kaimakams Efendi lanciert, die sich wie Nekrologe anhören. Herr Gabai wiederum schüttet in einer Artikelserie,betitelt: Die Machinationen des Herrn Fresco, im „Telegrafo" Feuer und Flamme aus. Das Streben des Redakteurs des Tiempo und derjenigen, die ihm-zur Seite stehen, geht scheinbar dahin, überhaupt keinen andern Kandidaten aufzustellen als Haim Naoum. Für diesen Gedanken wird dadurch Propaganda gemacht, indem behauptet wird, es gäbe keinen Kandidaten von der Qualität des jetzigen Chacham-Baschi - Stellvertreters. Die Eigenschaften, die man von einem Vertreter der Nation verlange, seien nur bei Naoum zu finden. Welche Werte soll aber ein Chacham-Baschi vereinigen? Er ist das geistliche Oberhaupt der jüdischen Nation, seine religiösen Anschauungen wie Betätigungen müßten über jeden Zweifel erhaben stehen. Man braucht sich nicht mit den Auslassungen in einer halb komischen, halb tragischen Broschüre des Korfuer Ex-Chachams zu identifizieren, in der Naoum gefragt wird, von welcher Schechita er bei Menelik gegessen habe, oder ob er nicht daran gedacht habe, daß er eines Tages würde Chacham sein wollen, als er berichtete, er habe mit dem Negus Wein getrunken, der doch gewiß Jajin nessech sein mußte. Man muß aber in diesem Falle der Ansicht des „Telegrafo" beipflichten, daß in religiöser Hinsicht es wohl Männer gebe, die Naoum etwas voraus haben. Der Chacham-Baschi soll auch der geistige Leiter der Nation sein. Leider war es Herrn Naoum bisher nicht vergönnt, Proben solcher Fähigkeiten abzulegen. Es ist in die jüdische Öffentlichkeit nichts von Versuchen gedrungen, die er jemals unternommen hätte, die geistige Lage der Juden der Türkei zu heben. Die Auffassung, die er von dieser seiner Aufgabe hat, illustriert seine Äußerung bezüglich der bevorstehenden Wahlen, er könne als Oberhaupt der Nation nichts darin unternehmen, das sei Aufgabe der jüdischen Organisationen. Ja. welcher? Derjenigen, die die Juden aus Furcht vor Sonderbestrebungen nicht zu gründen empfahlen, oder derjenigen, die noch, bis lange über die Wahlen hinaus Zeit brauchen, um auf den Füßen zu stehen? Die Kollegen Naoums vom griechischen und armenischen Patriarchat haben jedenfalls andere Ansiebten von ihren Aufgaben; mit aller ihnen zu Gebote stehenden Energie und Autorität gründen und unter-