Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316337--51117-3378735- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bewußtsein vereinigen, der türkischen Judenheit überhaupt,; die, im allgemeinen Palästina geistig recht ferne, doch in diesen Zeiten ihre historische Aufgabe verstehen lernen müßte. Aber nicht nur direkte Zwecktätigkeit, sondern in höherem Grade kann jede Arbeit, welche unsere ökonomische Sicherheit und Produktivität und unsere kulturelle Höhe in Palästina steigert, unser Volk implicite auch politisch weiterbringen, da es ja nicht durch äußere Kampfesmittel, sondern nur durch seine Tüchtigkeit, durch Schaffung positiver Werte und wirklichen Kulturlebens siegen kann. Der jetzige Augenblick kann aber auch an der Judenheit der ganzen Welt nicht ohne Wirkung vorübergehen. Palästina wird mit einem Schlage kein Märchenland mehr, kein Stuck Asien, keine Ruinenstätte, kein „Haus, wo man uns den Eintritt verwehrt". Es ist jetzt Teil eines im Aufblühen begriffenen Reiches, ein Land, in deiru wir nicht „Freiheit ohne Ordnung", sondern hoffentlich die Freiheiten anderer Ordnung werden genießen können, ein Land aber auch, in dem es Raum gibt für neues Scharfen, neue Menschen und neue Ideen. Und darum muß dieses Heimats- und Zukunftsland von jetzt ab der Judenheit überhaupt viel näher gerückt sein, nicht nur als Stätte wohltätiger Gründungen oder nur ferner politischer Ideale, aber auch nicht nur als Schauplatz individueller Betätigungsmöglichkeiten, — sondern all dies und noch viel 'mehr: als das Land unserer nationalen Befreiung und Selbstorganisation. Ohne Zweifel aber wird dies, wenn unser Gedanke noch lebendige Wurzeln im Volke hat, einen Strom neuer und tüchtiger Kräfte unserem Lande zuführen. Für diese neue Situation werden gleichfalls' neue natürliche Formungen entstehen. Die zionistische Ortsgruppe, mit viel technischer Kleinarbeit belastet, wird ebensowenig ausreichen als die Kulturvereinigung, die in schönen Abenden und persönlich-geistigen Interessen sich erschöpft, ebensowenig auch als der ein wenig Kapitalsbeteiligung und keine persönlichen Opfer fordernde Palästinaverein. Sondern es werden sich mehr als bisher freie Palästinagruppen, Vereinigungen von Menschen bilden, die sich unmittelbar und aktiv für Palästina interessieren, die in ihrem Lande Zusammenhänge untereinander und in Palästina ihre Anknüpfungen haben, tüchtige Informationen einholen, auch wohl Reisen veranstalten, Leute, die sich in ihrem Lande in individueller und in gemeinsamer Arbeit vorbereiten, um mit einem Minimum an „verlorenen Energien" ein Maximum von Kräften dem neuen Lande zuzuführen. Mehr als je gilt auch hier der Spruch der Väler: „Wenn nicht ich, wer wird für mich sein, und wenn nicht jetzt, wann denn?" M. Pilichowskis Herzlbild Habent sua fata libelli, meinte der alte Horaz, Bücher haben Schicksale. Von Bildern kann man das nicht weniger sagen. Sie sind, wenn in ihnen Charakter liegt, meist Gegenstand eifriger Diskussion, der Begeisterung der einen, der Befehdung der andern. Denn jeder möchte in dem Kunstwerk wiederfinden, was ihn selbst bewegte, die eigenen Gedanken und Empfindungen, die eigene Wertung des dargestellten Gegenstandes. Darum haben es z. B. die Allegoristen leicht. Sie sind in der glücklichen Lage, daß ihre Bilder keinerlei bestimmten, ausgesprochenen Charakter haben, daß sie lediglich an die Phantasie appellieren. Jedermann kann z. B. in Sascha Schneiders „Gefühl der Ahhängigkeit" hineinlegen, was ihn selbst bewegt, seine eigenen Empfindungen, die Sehnsucht nach der Freiheit. So werden sie leicht Lieblinge der Menge mit unklarem Denken und Empfinden, insbesondere der Frauen, die ja heute einen sehr großen Teil des Kunstpublikums darstellen. Alles das wird man sich vor Augen halten müssen, wenn man Pilichowskis Herzlbild betrachtet, das er im Auftrage des Aktionskomitees gemalt hat. Auf der letzten Jahreskonferenz wurde es den Teilnehmern gezeigt und vielfach bewundert, wenn auch die Beurteilung keineswegs eine einhellige war. Viele waren enttäuscht, weil sie unwillkürlich die Darstellung jenes Herzl erwartet hatten, der in unbesiegter Jugendkraft die Kongresse eröffnete, zu den Massen sprach und sie begeisterte zum langen entbehrungsreichen Wege durch die Wüste, die ins gelobte Land führt. Und sie sahen statt dessen auf wolkigem drohendem Hintergrunde einen ernsten, blassen Wanderer im' dunklen Straßenkleide, der mühsam dem Gipfel eines Berges zustrebt und ihn doch scheinbar nicht erreichen wird. Im Hintergrunde aber baut sich in Wolken eine Stadt, auf die der ernste Wanderer weist. Das ist nicht der Herzl, an den wir gedacht hatten, und darum war mancher zur Kritik geneigt. Ich glaube mit Unrecht, als Kunstwerk verdient das Bild Lob. Dem Maler hat nicht daran gelegen, ein Porträt Herzls zu geben,. er wollte vielmehr den Volkshelden darstellen, wie ihn zukünftige Jahrhunderte sich vergegenwärtigen werden. Was kommt es schließlich darauf an, ob die Züge des Bildes völlig denen des Originals entsprechen!" Das ist nur für die Zeitgenossen, die persönlichen Freunde von Wert. Die Zukunft will die Gesamtpersönlichkeit. Aber auch zur Allegorie durfte die Darstellung nicht werden. Sie mußte vielmehr in der individuellen Charakterisierung gipfeln. Und das ist völlig gelungen. Das Königliche, Gewaltige dieses Mannes, der die Dinge sub specie aeternitatis zu betrachten gewohnt war, der um der Zukunft der Gesamtheit des einzelnen, auch seiner selbst vergaß, ist trefflich wiedergegeben. Der Grandseigneur, groß in den Augen des Volkes und groß gegenüber dem Schicksal, dessen Blitze ihn in voller Manneskraft trafen, steht vor unsern Augen. Er sieht die Schicksalswolken aufsteigen, kann das Ziel seines Strebens nicht erreichen: In mid of live come the death. So lautet der Spruch, den man über den Papieren auf seinem Schreibtisch fand, als man ihn tot, aber ungebrochen aus Edlach heimbrachte. Mitten im Leben kommt der Tod, aber: „Ich zeige euch noch sterbend das Ziel, das ihr nicht vergessen dürft," sagt Pilichowskis Herzlbildnis. Und nun zum Schluß eine Bitte an das Aktionskomitee! Wir haben nun den " charakterisierten Herzl für die Nachkommen, aber wir möchten auch den uns im Herzen lebenden für die Gegenwart. Es lasse auch den Herzl der Kongresse verewigen, den Herzl, wie wir ihn hundertmal gesehen und bejubelt haben und den wir nicht vergessen können. Der Künstler schafft ein beachtenswertes Kunstwerk, das uns den Charakter Herzls bildlich darstellt. Aber auch der Herzl, der uns die Ästhetik des Zionismus war, muß erhalten bleiben und über unsern Beratungen thronen. Dr. Friedemann Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter) Jüdisch-nationale Liga „Achwah" - Es hat lange gedauert, bis die Juden dazu gelangt sind, eigene Organisationen zu schaffen. Die Furcht vor der organisierten Vertretung ihrer Spezialinteressen, von deren Bestehen sie sich übrigens noch keine klare Rechenschaft abgeben konnten, der Glaube an das wirklich aufrichtige Wohlwollen der allgemeinen ottomanischen Komitees ließ den Juden die Schaffung eigener Komitees für über-