Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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ALTE UND IS Mit einer Raschheit sondergleichen hat das Reich, innerhalb - dessen unsere Hoffnungen ihren Mittelpunkt haben, seine Gestalt geändert Aus einer orientalischen Despotie, deren Gefüge und Getriebe nur wenige von uns kannten, ist auf eine mehr als moderne Weise — fast ohne Blutvergießen, unter bewunderungswürdiger. Besonnenheit der führenden Elemente — plötzlich ein Verfassungsstaat geworden. Freilich ist eine Verfassung allein nur eine staatliche Bürgschaft, ein Regierungsprinzip, und die wirkliche Revolution, die Umwälzung und Umgestaltung der Dinge, ist noch Zukunftswerk. Aber solche Augenblicke, wie die gegenwärtigen im türkischen Reich, sind sozusagen die Wunderaugenblicke der Geschichte. Da kann, wie es erst gestern geschah, möglich werden, was eben noch für unmöglich gelten mußte und, was die Klugheit der Politiker nicht zu schauen wagt, kann morgen Wirklichkeit heißen. Freilich geht die Entwicklung immer ihren allmählichen, durch die Gesetze des Kleinsten bestimmten Weg. Aber es gibt Momente, der Auslösung, wo lange vorbereitete Kräfte endlich ihre Mauer gesprengt finden, um sich überhaupt erst betätigen zu können. Für uns aber" ist die kolossale Wandlung im Ottomanenreich noch bedeutsamer, als es dieselbe Umwälzung in andern Staaten war. Handelt es sich dort immer — wo wir mit Gut und Blut mitkämpften — doch nur um die Freiheit anderer Völker und unsere Freiheit als Individien, so gilt hier unsere erste und natürliche Forderung unserm Volke, der Freiheit unseres Volkes auf seinem Boden. Die nationale Autonomie, auf welche sich das Judentum in Rußland und Österreich, befruchtet durch den Zionismus, besonnen hat und die an der territorialen Unbestimmtheit, dem Mangel an Bodenständigkeit ihre natürliche Grenze findet, hier muß sie sich ausprägen als die Forderung des jüdischen Volkes auf seinen historischen Boden und, wenn wir es wollen, auch schon als die Forderung einer auf ihrem Boden sitzenden jüdischen Volksgemeinschaft. Solche "Augenblicke, wie der jetzige, können nicht ungenützt vorübergehen. Vielleicht bergen sie Möglichkeiten, welche unsere kleine Politik so übertönen, wie ein Wassersturz ein gemächlich rieselndes Bächlein, vielleicht können sie erfüllen, was wir kaum erhoffen — oder aber: das mächtige Rad der Geschichte rollt an uns vorbei und wir haben versäumt — für lange oder für immer. Eines scheint schon jetzt sicher zu sein, daß manche alte Gegensätzlichkeiten im Zionismus schon veraltet sein sollten. Die rein „Politischen" können doch auch jetzt nicht mehr lange zuwarten, zumal die herrschende jungtürkische Partei behauptet, daß alles von unserem wirklichen Sein und Bestehen in Palästina abhänge. Dem nur „Praktischen" muß es einleuchten, daß nur von weiten Gesichtspunkten her Fundamente und Sicherungen für die Zukunft geschaffen werden können. Die reinen Ökonomisten verstehen die reale Kraft, die sich im Augenblick betätigen könne, und die vorsichtigsten Kulturzionisten haben schon seit einiger Zeit erkannt, daß Erziehung und Vorerziehung des Volkes in Palästina doch schon heute bessere Bedingungen findet als anderswo. Wenn wir die Wege, die vor uns liegen, recht bedenken, so 'sind es eigentlich keine neuen, wohl aber verschüttete Wege, und wenn der Augenblick -gebieterisch Einheitlichkeit fordert und wir prinzipiell auch die Einheit in der Synthese der Richtungen gefunden haben werden, dann tritt nur der Imperativ der Tat hinzu, damit die Wege nicht im Sande versickern. - Vor allem wird das Band, das die zionistische Bewegung als solche mit der Entwicklung der Verhältnisse in' der Türkei verknüpfte, ein weit festeres sein müssen, als bisher. Es wird nicht nur gelegentlich in Besuchen und Empfängen sich äußern, sondern irgendeine feste Form finden müssen, — eine Vertretung, die stets auf der Wacht und stets nahe ist. Wohl ist es klar, daß nicht jede einzelne politische Aktion im voraus zum Gegenstande der allgemeinen Kritik gemacht werden kann; anderseits darf aber diese EUE WEGE verantwortlichste Arbeit auch nicht einzelnen Personen, sondern nur einer wirklichen Kommission übertragen werden, die in ihrer Gesamtleistung dem Willen des Kongresses untersteht. Insofern eine solche die realen Verhältnisse Palästinas zur Basis ihrer Arbeit hat, mußte sie natürlich mit der speziellen zionistischen Palästinaorganisation in -unmittelbarstem Kontakt stehen. Von wichtigster Bedeutung ist natürlich die Gestaltung des Lebens in Palästina. Offenbar scheint auch auf der andern Seite jene jüdische Politik vor allem Anklang zu finden, die auf bereits bestehenden. Lebensverhältnissen basiert. Und in Palästina ein inneres Ganzes zu werden, ehe wir einen öffentlich-rechtlichen Titel hierfür erlangen, dies scheint das umfassende Hauptproblem der „praktischen Palästinaarbeit" zu sein. Dazu genügt weder, daß schon viele Juden in Palästina bloß leben, — obwohl man gerade in Palästina häufig dieser Anschauung begegnet, — noch auch, daß nur viele Kapitalien dem Lande zugeführt und vom Gesichtspunkte der guten Anlage aus Gründungen unternommen werden. Im ersten Falle vergessen wir gänzlich den nationalen Kampf, den wir denn doch in Palästina nach außen und innen zu führen haben werden, im letzteren Falle ist nicht immer eine sichere Gewähr gegeben, ob alle Unternehmungen unseren Bestrebungen wirklich parallel oder nicht gar zuwiderlaufen werden. Die Hauptaufgabe ist unsere Konzentration in Palästina. Zunächst die Festigung alles' Bestehenden, die Festigung vor allem unserer agrarischen Position. Inwieweit das Land unser ist, — inwieweit wir den Landbesitz ausdehnen und in abrundenden Zusammenhang bringen, — inwieweit wir auch bei geringerem Landbesitz durch intensivere, moderne Bewirtschaftung dem Eingebornen überlegen sein werden, — darauf kommt es an: Dazu kommt die Hebung aller unsere bisherige Entwicklung hemmenden Schranken: die Beseitigung aller Einwanderungsschwierigkeiten, die Erleichterung der Kaufs-, Bau- und Gründungsbewilligungen, die Vereinfachung des Steuer- und des ganzen Verwaltungssystems in bezug auf die Kolonien, die Besserung der Verkehrsmittel, — Forderungen, die wir allerorts zu erheben, durch die künftigen Abgeordneten zu vertreten und an deren Lösung wir, soweit als möglich, selbst mitzuarbeiten hätten. Unsere ländlichen und städtischen Gemeinwesen müssen in richtiger Proportion nicht nur ihrer Größe sondern ihres Wertes der Regierung gegenüber vertreten, in ihren Bestrebungen miteinander verknüpft sein, eine konsequente Kolonisationspolitik muß betrieben und in allen "schwierigen Fragen der Kolonisation und der Entwicklung der Kolonien ein Beirat richtig zur Stelle sein. Endlich-muß die gesamte palästinensische Judenheit als solche in richtiger Weise organisiert sein. Freilich sehen wir, daß die zionistische mit der Innenbevölkerung Palästinas noch längst nicht identisch ist, daß gerade die meisten Zionisten und ein großer Teil der Kolonisten der Türkei gegenüber Ausländer sind — und daß erst jetzt die Idee hervortritt, die ottomanische Staatszugehörigkeit unter den neuen Bewohnern Palästinas allgemeiner zu machen und zugleich die Kenntnis der türkischen Sprache einigermaßen zu verbreiten. Ist zwar der größte Teil der palästinensischen und noch mehr der türkischen Judenheit unbewußt zionistisch gesinnt, so wird doch das zionistische das führende Element der palästinensischen, Bevölkerung bilden. Ist es doch auch jetzt fast das einzige aktive, vorwärtsstrebende Element Es bedarf dazu aber auch der breiten Unterlage des Volkes, des Willens der bisher Indifferenten. Dazu muß eine intensive Propaganda nach allen Linien platzgreifen: den Orthodoxen gegenüber, von denen doch die Jungen teilweise zu gewinnen sind; den Sephardim, welche natürliches Selbstbewußtsein, einen reineren, ursprünglicheren Stammestypus mit vermindertem nationalem