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Die Welt · 1908-10-09 · 40 (9.10.1908) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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dieser Wurzelkfaft hinstreben, — um absolut sich ausleben zu können, während es anderwärts nur darum bemüht sein muß, sich relativ einen modus vivendi zu verschaffen. Deshalb tut es not, den Zionismus selbst vor den Gefahren derVerschnörkelung, der Verknöcherung und der Verwässerung zu schützen. Die Mosaikarbeit, die darauf gerichtet ist, einen ^zionistischen Sozialismus- oder einen zionistischen Kapitalismus, einen Zionismus ohne Zion oder ein vollständig nationales Sonderleben, ohne Geschichte und ohne gesamtvolkliche, traditionelle Heimat auszuklügeln, bieten eben die Symptome jener Scholastik dar, die auch im allgemeinen Judentum durch Spitzfindigkeit und phantastische Abstraktionen das Einfache und Wesentliche unter einen Schutt von Theorien und Wortkram verloren gehen ließ. Wenn es schon in so kurzer Zeit so weit gekommen ist, daß z. B. eine Removaltätigkeit oder die Proklamierung des Jüdisch-Deutsch als Nationalsprache manchem als Zionismus oder als nationalkulturelle Auferstehung scheinen mag, so kann . man sich leicht denken, zu welchen Abweichungen man noch gelangen mag, wenn man nicht den gesunden Menschenverstand und die Kraft der Beschränkung, sondern die Kasuistik, die alle Linien verwischt und verwirrt, gelten ließe. Nicht geringer ist die Gefahr der Verknöcherung. Der Zionismus hat Institutionen geschaffen und wird noch manche schaffen, aber er ist nicht für die Institutionen, sondern die Institutionen sind für ihn, für die Verkörperung seiner Idee und für die Verwirklichung seiner Ziele vorhanden. Sie sind nicht Selbstzweck, sie haben keine Existenzberechtigung an sich, sie sind nur durch den Geist, von dem sie getragen werden, lebenskräftig und entwicklungsfähig. Der Zionismus kann nicht in der Luft schweben; es gilt für ihn das alte Wort: -wenn's kein Mehl gibt, gibt's auch" keine Lehre, aber auch das alte Wort: nicht vom Brote allein lebt der Mensch — hat für ihn auch seine Bedeutung nicht verloren. Man darf daher nicht vergessen, daß die Organisation eine unentbehrliche Handhabe bildet und daß man ihr die für ihre Existenz notwendign Mittel' liefern muß, aber man darf sich auch nicht in die dürre, sachliche Technik der Organisation so hineinreden, als ob diese voraussetzungslos, ohne Gesinnung, Überzeugung und Begeisterung durch sich selbst, kraft bloßer bureaukratischer Apparate sich erhalten und zweckdienlich gedeihen könnte. Das Gleichgewicht zwischen Geist und Form muß erhalten werden: ein geistloser Formalismus ist ebenso verfehlt wie eine formlose graue Theorie. Eine zionistische Strömung, die so wenig faßbar ist. daß man in sie wie in einen Nebel zu greifen glaubt, gute Absichten, die nach dem bekannten Sprichwort an das Bildvon dem Pflaster des Höllenweges erinnern, Stimmungen, die keine direkten Folgen aufweisen, sind ebenso unfruchtbar wie ein pedantisches Operieren mit Statuten und Aufrufen und ein Schwelgen in lauter kleinlichen Form- und Ordnungsfragen. Nur beides zusammen: das immer sich vertiefende Wissen, das sprudelnde nationale Empfinden, genährt durch Lektüre und Beobachtung, aus der nationalen Urquelle schöpfend, und — die zähe Kleinarbeit, die Agitation von Mann zu Mann, von der nach außen hin gewöhnlich nicht viel zu merken ist, bilden zusammen die sicherste Vorbereitung für . denErfolg derldee. Diese Tätigkeit verhütet auch vor der dritten Gefahr: vor der Verwässerung. Man darf sich bei, keiner einzigen Idee überschwänglichen Hoffnungen hingeben, sondern muß mit Ruhe und Vorsicht einer Entwicklung entgegensehen, die. auch manchen Hemmungen ausgesetzt sein könnte. Die Reform hat mit dem Judentum die Verwässerungsversüche gemacht: alles sei Judentum, — predigte sie, — der Deismus, die Humanität, die allgemeinen Tugenden usw. Die Andern gewann man dadurch nicht, den Eigenen ging durch diese Gleichmacherei das Spezifische abhanden. Es ist mit den Ideen wie mit den einzelnen Menschen: ein Mensch kann nicht alles sein, und will er alles sein, so wird er eben nichts. Will die Idee allen gefallen, so muß sie so viele Zugeständnisse machen, daß ihr nichts mehr Eigenes übrig bleibt, und dann tritt an sie die "große Frage: Wozu ist sie überhaupt da? Sie hat dann keine Gegner, weil sie ihr Selbst verloren hat. Wir wollen ein Friedenszelt des Lebens, das sich über das Judentum und den Zionismus spannen möge. Von der Verschnörkelung zurück zu den einfachen Begriffen, von der Mechanisierung zur Durchgeistigung, - von der Verwässerung zur ausgeprägten Individualität! Auf der großen Arena des Geistes soll das Mein und Dein nicht verwechselt werden. Wir vertreten im Judentum ein friedliches Element, aber wir vertreten etwas, das noch nicht alle akzeptiert haben und das wir ihnen in aller Bescheidenheit durch die Macht der Überzeugung zum Bewußtsein bringen wollen. Keine Halbheiten und keine Unaufrichtigkeit! Wir gehören nicht zu den Nörglern, und nichts soll unterlassen werden, was dazu geeignet wäre, ein Zusammenwirken aller Juden zu ermöglichen, nur darf man die Idee, das Wesentliche, das-Eigene, nicht außeracht lassen. Wir bedürfen der Schnörkel nicht, um die zionistische Idee durch andere Ideen zu schmücken; sie ist in ihrer Einfachheit groß und schön genug. Mögen müde Geister den „reinen Zionismus" als etwas Veraltetes schon jetzt belächeln. Die Müden werden morgen auch das Neue und Exzitierende, das sie heute erfinden, als veraltet verwerfen. Wir dürfen den Zionismus nicht zu einer Technik der Vereinsmeierei herabdrücken; er darf nicht in das von ihm Geschaffene aufgehen, sondern muß die schaffende und treibende Kraft bleiben. Und wenn er im Gesamtjudentum sich betätigen will, so entspricht es seinem Ernst, friedlich und würdig, aber nicht zimperlich und feinleise mit Vertuschung und Verschleierung seiner Prinzipien aufzutreten. Denn er hat Prinzipien, und das ist das Wichtigste, auf das er stolz sein mag. Und sollen diese Prinzipien eine Quelle der Belehrung auch für Andersdenkende werden, so müssen wir sie — nicht wie die ägyptischen „Chartumim* ihre Mysterien, sondern wie Moses' seine Lehre, von Bergeshöhen offen und laut verkünden. Durch diese Kraft des Idealismus und der Offenheit haben wir bisher etwas erreicht, und diese Kraft müssen wir fernerhin . nicht nur wahren, sondern auch zur höchsten Entfaltung bringen. Der Friede, den wir suchen, ist kein Friede des Todes, sondern des Lebens. N: Sl

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