Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316337--51114-3378732- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Widerhall. In aller Not wäre die Palästinaliebe unverkümmert erhalten, und dem urewigen Nimbus des nationalen Zukunftsgedankens, den Moses und die Propheten, den die ganze Geschichte verkündet, brauchten wir nicht einen neuen Schimmer zu verleihen. Denn das Judentum ist Zionismus, — wenn man seine Grundzüge herausfindet und alle Konsequenzen derselben mit unerbittlicher Logik verfolgt. Aber der Zionismus war notwendig, weil eben im Judentum der Schein und die Illusion einen günstigen Boden für die Phrase abzugeben begannen, weil man das Klare getrübt, das Einfache verdreht, das Natürliche verschleiert und umwölkt, das helle Ziel - mit so dichten Efeuranken träumerischer Märchen ausgeschmückt, daß der ganzew Begriff des Zieles kaum noch als ein verlorener^ Nachklang ferner Zeiten fortzitterte. Eine Verknöcherung trat ein: die Bräuche verloren für viele ihren idealen Gehalt, sie wurden massiv, wie die erloschenen Sterne, von denen kein Erinnerungsstrahl mehr zuckt, die kein Licht und Leben mehr wecken, die den schöpferischen Existenzdrang der Rasse, die bildende Kraft des .Stammes, den entwicklungsfähigen Volkstrieb nicht zu einer großen Selbstrettung anspornen, sondern erstarren lassen. Es gesellte sich dann noch der Fluch des Übersetzens hinzu. Das Allegorisieren schoß so üppig ins Kraut, daß die eigenartigsten nationalen Begriffe, wie sie in der Ursprache zum Ausdruck kommen, durch den bunten Flitter der lokalen Phrase, die einer ganz andern Begriffswelt und ganz andern Erlebnissen angehört, in Gedanken- und Gefühlskreise gebannt wordensind, durch die die Entäußerung des markanten nationalen Ichs und das Sichanschmiegen an ganz allgemeine Auffassungen und Stimmungen erreicht worden sind. Ob die gestelzte Kasuistik, die, mit. Unrecht sich auf den Talmud berufend, in wilden Sprüngen verwirrende Probleme aufwirft, oder ob eine feierlich tuende Homiletik wesentliche und reale Begriffe schattenhaft, träumerisch und orakelmäßig deutet, — es ist dieselbe Tragödie der Erstickung und Verrenkung des Einfachen, die in der jämmerlichen Unfreiheit des Goluth ihren Ursprung hat. Sobald man nicht mehr mit der frischen Zartheit und Echtheit unmittelbar empfindet, sucht man diesen Mangel durch das Grübeln und die Kombinationen zu ersetzen, und hat man nicht den Mut, offen, wahrhaftig und rückhaltlos das Eigene in seiner Einzelform, mit all seinen charakteristischen Zügen zu erleben und zu verkünden, so hascht man nach dem unerreichbaren Schatten des Fremden, indem man bewußt oder unbewußt unaufhörlich um Entschuldigung bittet, daß man noch nicht so ganz menschlich erscheint. Die Sklavenkette klirrt. Deshalb war der Zionismus notwendig. Er war — außer allem andern — noch obendrein der Aufschrei der in uns beleidigten . . . Logik. „Er ist die Rückkehr zum Judentum," das ist schon gesagt worden; es müßte noch hinzugefügt werden: die Rückkehr von der Allegorie zum einfachen Sinn, vom Schwächlichen und Abgeblaßten zum Starken und Ursprünglichen, vom Verschnörkelten zum Schlichten und Geradlinigen, von der Peripherie zum Kernpunkt! In seiner derben, ungehobelten Weise sagt der Zionismus: „Israel", das die christlichen Geschichtsforscher als ein längst abgeschlossenes und versunkenes Volkswesen darstellen und das moderne, besonders in europäischen Sprachen predigende Juden selbst, — indem sie sich an dem Wohlklang dieses Wortes, wie es in der sephardischen Aussprache klingt, laben, — ist nichts anders als das Judenvolk in seiner fortdauernden Existenz, mit seiner Lebensbeharrlichkeit, mit seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, einfach, ein altes, in seiner Mehrheit mühseliges und beladenes Volk, das natürlich nach seiner Art den großen Ethos des Daseins auffaßt, das aber kein Symbol, keine Reliquie, kein verschönerndes Dekorationsmotiv und kein verstümmeltes Fragment ist, sondern eine lebendige Nationalität, ja noch mehr: eine Familie. Und die einzelnen hebräischen Worte, die in einem Zustande intuitionsschwangerer Ekstase oder mit der Strenge eines erschreckend wissenschaftlichen Tones zitiert werden, das sind eben die Laute der jüdischen Nationalsprache, wie man sie noch jetzt schreibt und wie man sie noch jetzt sprechen dürfte. Was in den jüdischen Tempeln am Rhein andachtsvoll und wechselweise Kantor und Chor absingen, — das ist eben jüdisches, in diesem Falle liturgisches Dichten in der Nationalsprache, das früher am Rhein und .jetzt anderwärts von heiligen Männern und Gottsuchern oder von profanen, gottbegnadeten Dichtern gesponnen ward und wird. Und was man auf herkömmlichen Geleisen als Religionsgemeinschaft betrachtet, ist eben eine nationale Gemeinschaft, denn ohne Nationalität schwebt alles haltlos in der Luft. Sollten wir uns auch nur mosaisch nennen, so ist es eben Moses, der uns mit den einfachsten Worten der Welt die Auferstehung der jüdischen Nationalität im Lande der Väter als Ziel steckt. All das läßt sich färben, fälschen, mit einem Schwall von fremden Phrasen überschütten, aber was hilft's? Der gewöhnliche Sinn bricht sich durch. Und was sind die Feste? Und ist der Esrog nur ein Symbol des Kreises und der Lulaw — des Wachstums? Ein Apfel und ein Tannenzweig könnten dieselben Gedanken versinnbildlichen. Und soll der Auszug aus Ägypten mit seiner Symbolik uns die allgemeine Idee der Freiheit zu Gemüte führen, dann sind andere, modernere Feste — sogar für Juden etwa die Emanzipationsdaten — zu feiern. Der Zionismus hat die Kühnheit, das Einfache wieder in Erinnerung zu rufen: all das ist jüdisch, all das kann nur im Zusammenhange mit dem Leben des jüdischen Volkes und seiner Heimat begriffen und empfunden werden. Er läßt sich nicht weismachen, daß es ein französisches, ein englisches, oder ein polnisches „Judentum" gäbe. Er verliert sich nicht in Einzelheiten, er behält das Ganze im Auge, er läßt sich nicht durch den Augenblick blenden, er sieht, wie die Juden, Stammesgenossen, Familienmitglieder, im Laufe ihrer Geschichte, ja im Laufe einiger Jahrhunderte von Land zu Land wandern und, kaum einige Zeit ansässig, sich so lokali-; sieren, daß sie sich von den andern lossagen möchten. Er kennt die kläglichen Beweggründe dieser Lossagung und hält ihnen einen unangenehmen Spiegel entgegen. Sie empören sich darob so sehr, daß sie es fast als „Rischus" empfinden, aber er hat den Mut der Wahrheit und der Besserung und läßt sich durch eine selbstsüchtige Empfindelei nicht einschüchtern. Seine Aufgabe ist es, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen. Und die Hauptsache, — Zion schwebt nicht in den Wolken, es ist keine Fabel, kein Märchen, keine Allegorie, es ist ein ganz realer, geographischer Punkt. Durch reale Mittel einer menschlichen Kultur soll das jüdische Volkstum nach diesem Mittelpunkt, nach